1. Filmfest Jena

Kurz & Gut

Am 15. Januar 2000 war es endlich soweit: Das Jenaer Kurzfilmfestival hatte im Schillerhof Premiere. 14 Kurzfilme standen im Wettbewerb, über die die Jury entscheiden musste. (1. Preis: Apple iMac; 2. Preis: Digital-Videokamera; 3. Preis: Computerprogramm "MediaCleaner") Außerdem konnten die Zuschauer in einem gesonderten Wettbewerb über ihren Favoriten entscheiden (Zuschauerpreis: Lexikon des Internationalen Films). Aufgrund der begrenzten Platzkapazität wurden alle Filme sowohl vormittags als auch nachmittags gezeigt. Das Festival zog insgesamt 130 zahlende Gäste an, wobei sich alles wie zu erwarten, auf den Nachmittag konzentrierte. So war es auch nicht überraschend, dass einige Zuspätgekommene mit der Treppe als Sitzgelegenheit Vorlieb nehmen mussten.
Das Programm gliederte sich in zwei Teile, in Wettbewerbsbeiträge und in Produktionen, die nicht am offiziellen Wettbewerb teilnahmen. Der überwiegende Teil wurde in dem Schnittstudio der Medienwissenschaft Jena produziert. Jeweils zwei Beiträge kamen aus Weimar bzw. BadenWürttemberg. Beim 1. Jenaer Kurzfilmfestival standen Experiment- und Avantgardefilme im Vordergrund. Fünf Produktionen (Fahrgefühl, Monotonie-Harmonie-Dynamik / Werden / Bewegte Provokation / Hey / Die Schere, der Mond, das Wesen) gingen aus Seminararbeiten der Medienwissenschaft Jena hervor. Sie alle wurden bereits in der Frame25 vorgestellt und besprochen. Die Idee, die zum Festival führte, wurde letztlich durch die Intention bestimmt, dass die Arbeiten eigentlich einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden müssten. Gleichzeitig war über eine Ausschreibung eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Produktionen gegeben.
Was war zu sehen? Ästhetisierte Bilder vom Fahrrad fahren, ein Stein im Tropfgeräusch, ein Schriftsteller träumt von seiner Kindheit; eine Kamerafahrt durch das alte Weimarer Sophienhaus; ein Musikclip im Watt, Bewegungsstudien; nachdenkliche Träumerei; bedenkenswerte Spaziergänge; verrückte Raum-Zeit-Bewegungen; optisch-akustische Rückkopplungen; eine waghalsige Kamerafahrt zwischen Skatern; gehen (konjugiert); (Alb-)Träume und ein Tanzfilm; als Bonus ein einstündiges Filmdokument über eine Band aus dem Osten Deutschlands ... So kündigte das Programmheft an.
Was fiel inhaltlich auf? Unabhängig davon, dass es fast durchgehend Erstlingsfilme waren, bestand eine eindeutige Tendenz hin zur Form des Videoclips. Die Musik bestimmte also weitestgehend den Schnittrhythmus. Die Filmzusammenstellung war dennoch abwechslungsorientiert. Experimentelle Filme wurden zwischen musikdominierte Filme gesetzt. Zwei Social Spots (Träumerei und Der Sonntagsspaziergang) thematisierten die NS-Vergangenheits-bewältigung. Träumerei von Omed Said lief bereits auf der Junior Spezial in Köln. Frank Nitschkes und Sebastian Ziegaus’ Der Sonntagsspaziergang wurde im Rahmen der Weimarrolle produziert und auf 3Sat ausgestrahlt. Sophienhaus (Tom Tritschel) fiel durch seine kunstvolle Art der Dokumentation auf und erzeugte insbesondere bei bereits kindergesegneten Zuschauern eine positive Resonanz. Einige erhebliche kamera- und schnitttechnische Defizite führten sicher dazu, dass sich der Film nicht unter den Gewinnerbeiträgen platzieren konnte. Der zweite Weimarer Beitrag The Queen Mother's Cake - Verrückte Zeiten (Anette Olbrich, Regina Kirst) stand unter keinem guten Stern. Auch wenn man beiden Filmemacherinnen die Unschuld abnimmt, das große Vorbild Koyaanisqatsi nicht benutzt oder gekannt zu haben, so kennt das Leben bzw. der Zuschauer keine Gnade und verhöhnt den Kopierer. Leider kennt die Geschichte genug solcher tragischen Fälle.
Wer waren nun die glücklichen Gewinner?
Nils Westerboer sorgte mit Catch me für ein Entspannungsmoment im Programm. In rasender Kamerafahrt besucht eine "Reporterin" die gefährlichen Parkhaus-Skater. Der rasante Clip besitzt trotz der beschränkten Mittel eine gehörige Portion Leichtigkeit und erhielt dafür den 3. Preis.
Die Vergabe des 2. Preises sorgte für erhitzte Debatten. Leichtes Unverständnis bis zu offener Ablehnung begleitete Bewegte Provokation von Katrin Peschke. Der Film enthält ohne Frage hypnotische Elemente, verursacht durch einen guten Schnittrhythmus, der dekonstruierendes Potential aufweist und dadurch überzeugt. Woraus sich die Apathie einiger Zuschauer speist, das kann jeder für sich entscheiden.
Der Gewinner des 1. Jenaer Kurzfilmfestivals war leider am 15. Januar nicht anwesend. Warum? Es war nicht zu erfahren. Nichtsdestotrotz besticht deeper (Maik Wollrab) durch seine Kompaktheit in Bild, Ton und Schnitt. Die drei Ebenen ergeben eine wohldosierte, klare Ästhetik .
In der Redaktionsstube der frame25 wurde die Idee des Filmfestes von Stefan Höltgen und mir erdacht. Ein großer Wunsch war es, wie bereits erwähnt, die Filme auf großer Leinwand und vor einem größeren Publikum zu präsentieren; dazu zähl selbstverständlich auch mein eigener Film RATS! Nun ergab sich aber die Situation, dass ich gleichzeitig mehrere Ämter bzw. Teilnahmen zu vereinbaren hatte. Unabhängig von den Chancen die RATS! im offiziellen Wettbewerb gehabt hätte, wäre bei einer eventuellen Plazierung ein dubioses Licht auf die Festivalorganisation gefallen. Deswegen entschloss ich mich, den Film außer Konkurrenz laufen zu lassen. Als Alternative bot sich jedoch der Zuschauerwettbewerb an, da die Entscheidung von allen nachvollziehbar wäre. Der gewonnene Zuschauerpreis war dann für mich natürlich nicht nur der Lohn für den Film, sonder auch für die gelungene Premiere des Filmfestes.
RATS! ist ein Filmdokument über eine Band aus dem Osten Deutschlands. Angelehnt an den Stil von Dogma 95 präsentiert RATS! ein Stück Zeitgeschichte aus alkoholisierten Räumen, in der weisen Voraussicht, dass alles ein Ende hat: Heute ein Jahr nach dem Film, existiert die Band nicht mehr.
Für die Ausrichtung des Wettbewerbs war es nötig, einen eigenen Verein zu gründen. Der Filmfest Jena e. V. steht allen Filmemachern und allen Interessierten offen. In den kommenden Jahren soll das Jenaer Kurzfilmfestival (vielleicht schon mit einem anderen Namen) über den universitären Rahmen hinausgehen und etappenweise von Jahr zu Jahr ausgedehnt bzw. profiliert werden. Inwieweit sich diese Pläne konkret durchführen lassen, darüber besteht noch keine absolute Klarheit. Angedacht ist eine Terminverlagerung, aber Genaueres teilt der Verein über die nächste Ausschreibung noch mit. Die Vorbereitung für das 2. Jenaer Kurzfilmfestival kann beginnen.

[TR]