Michael Nyman
gilt als einer der bedeutendsten und gleichzeitig interessantesten zeitgenössischen
Filmmusikkomponisten.
Er wurde am 23. März 1944 in London geboren. Nach dem Studium der Musik
und Musikwissenschaft arbeitete er einige Zeit als Kritiker für verschiedene
britische Zeitungen wie The Spectator, Observer oder New Statesman. Nyman begann
bereits in den frühen 60er Jahren - noch während seines Studiums -
zu komponieren. 1976 arbeitete er das erste Mal mit Peter Greenaway bei dem
Film The Falls (GB 1980) zusammen, einer Dokumentation über Menschen, die
Opfer eines gewaltsamen Ereignisses geworden waren.
Nach diesem Projekt folgten noch fünf weitere. So zum Beispiel der Historienfilm
The Draughtsman's Contract (England 1982), zu dem Nyman die Filmmusik komponierte.
Er beschreibt diese Musik als schier funktional und bezogen auf
die Gesamtstruktur des Films. Passend als Begleitung zur Entstehung von zehn
Gemälden eines Künstlers aus dem 17. Jahrhundert schrieb Nyman die
Musik, ohne, wie er selbst sagt, dabei auf eine bestimmte Stimmung oder
ein Gefühl eingehen [zu] müssen. Er verarbeitete für diesen
Film Henry Purcell (1659-1695), einen der bedeutendsten Komponisten des englischen
Hochbarocks. Auf der Basis der Purcellschen Identität setzte Nyman
seine für ihn so typischen Akzente des Stils der sogenannten Minimal Music,
einer in den 60er Jahren in den USA entstandenen Kompositionsrichtung, die einfache
melodische Phrasen mit geringer, aber permanenter Variation wiederholt.
In Peter Greenaways The Cook, the Thief, his Wife and her Lover (GB/F/NL 1989),
einem Drama, in dem es um die Rache eines eifersüchtigen Gangsters geht,
den seine Frau mit einem Buchhändler betrogen hatte, entstanden Teile der
Filmmusik bereits Jahre vorher und waren nicht einmal für den Film gedacht.
So wurde nicht nur das aggressiv wirkende Anfangsstück Memorial - wie Nyman
sagt - auf dem Set zu einem Teil des Dekors und der Beleuchtung.
Die Schlußszene wurde abhängig von seiner Musik sogar erst choreographiert.
Greenaway schnitt viele Filmsequenzen passend zu Nymans musikalischen Stücken.
[Manchmal]", so Nyman, [muß] eine Musik vorher geschrieben
werden, weil sie im Film eine Funktion erfüllt. Für den Film
Prosperos Books (GB/F/NL/I 1991, Regie: Peter Greenaway), einer Verfilmung
von Shakespeares Märchendrama Der Sturm", schrieb Nyman ein
elfminütiges Chorwerk, das - wie er selbst sagte - auch außerhalb
des Films z. B. in Chorschulen und Kinderchören Verwendung findet. So entwickelten
viele seiner Stücke eine Art Eigenleben über den Film,
in den sie integriert waren, hinaus.
Die Zusammenarbeit mit Peter Greenaway beschreibt Nyman als sehr eng,
aber aus einer gewissen Distanz. Neben Greenaway arbeitete Nyman auch
mit dem französischen Regisseur Patrice Leconte in Monsieur Hire (F 1989)
und Le Mari de la Coiffeuse (F 1990) zusammen. Die Soundtracks zu beiden Filmen
wurden jedoch nie veröffentlicht, weil die Musik für Nyman nur
für und in diesen beiden Filmen [existiert]. Er war der Meinung,
dass die Partituren nicht unabhängig von den Filmen gehört werden
sollten. Anders als bei Greenaway paßte Nyman seine Kompositionen für
Leconte nach traditioneller Art den fertigen Bildern an.
Nyman arbeitete gern mit verschiedenen Regisseuren zusammen. So schrieb er zum
Beispiel die Filmmusik zu Jane Campions dramatischem Liebesfilm The Piano (Aus/F
1992), der 1993 mit der goldenen Palme und drei Oscars (Beste Hauptdarstellerin
Holly Hunter, Beste Nebendarstellerin Anna Paquin, Bestes Originaldrehbuch Jane
Campion) ausgezeichnet wurde. Der Film handelt von der stummen Schottin Ada
McGrath, die zusammen mit ihrer Tochter Flora Mitte des 19. Jahrhunderts von
Schottland nach Neuseeland zu ihrem zukünftigen Mann Alisdair Stewart reist.
Die Heirat wurde durch Adas Vater arrangiert. Das Piano, das Ada mitbrachte,
mußte sie zunächst am Strand zurücklassen. Doch der englische
Siedler George Baines birgt das Piano und bietet Ada einen Handel an: Wenn er,
während Ada Klavier spielt, mit ihr intim werden darf, dann
bekommt sie ihr Piano Taste für Taste zurück
Die Musik im Film
ersetzt Adas fehlende Sprache. Beispielsweise als sich Baines Ada zum ersten
Mal nähert, spielt sie eine Mazurka von Chopin, worauf er zurückweicht.
Interessant ist auch, dass Holly Hunter, die die Rolle der Ada verkörpert,
die Musikstücke selbst spielt, was dem Film eine gewisse Authentizität
verleiht. Nyman äußerte sich zur Zusammenarbeit mit Jane Campion:
Es ist, als ob ich die Musik eines anderen Komponisten schreiben sollte,
der um 1850 zufällig in Schottland gelebt hat und nun in Neuseeland. Es
gab eine gewisse Bescheidenheit dabei, wie jemand der offensichtlich kein professioneller
Pianist oder Komponist war.
Nymans Musik für Christoher Hamptons Carrington (GB 1994), einem Liebesfilm
über die tragische Liebesgeschichte der englischen Malerin Dora Carrington
und dem homosexuellen Schriftsteller Lytton Strachey, ist sehr stark und charakterbasiert.
Er hat die Musik zu diesem Film auch erst komponiert nachdem der Film komplett
aufgenommen war.
Heute gehört Michael Nyman wohl zu den bekanntesten Komponisten - und das
nicht nur im Film. Er bezeichnet sich selbst als einen Komponisten, der
gelegentlich auch Filme vertont. So leitet er zum Beispiel seit über
20 Jahren The-Michael-Nyman-Band", ein Ensemble, das nicht nur durch
sein musikalisches Material, sondern auch durch das verwendete Instrumentarium
hervorsticht: Die Kombination von Streichern und Saxophonen bildet dabei
so etwas wie ein Schwergewicht. Dazu kommt die Verwendung von Melodieninstrumenten
als eine Art Rhythmussektion.
Seine ganz spezifische Klangfarbe hebt sich nach eigenen Angaben von der Klanguniformität
der sogenannten Hollywood-Filmkomponisten ab: Mit wenigen Ausnahmen",
sagt er, könnten die Hollywood-Partituren von jedem Musiker [...]
stammen. Und Filme, die im Stil der Rock- oder Technomusik produziert
werden, würde er sowieso grundsätzlich ablehnen. Wenn überhaupt,
dann würde er Hollywood-Komposi-tionen nur wegen des Geldes
schreiben.
Er unterscheidet sich auch dadurch von anderen Filmkomponisten wie z. B. John
Williams (bekannt mit seiner Musik aus Pretty Woman (USA 1989), French Kiss
(1995) oder Waterworld (USA 1994)) und Trevor Jones (Runaway Train (USA 1985),
Cliffhanger (USA 1993) oder Notting Hill (USA 1999)), dass seine Musik nicht
vorrangig den Filmen gilt, sonder eher der Musik an sich: Mich interessiert
es viel mehr, Oper, Orchestermusik und Kammerwerke zu schreiben. Greenaway
gab ihm die Chance, Konzertmusik zu schreiben, die er dann im Film verwendete.
Nyman findet Gefallen daran, ständig neue Klänge und Texturen zu finden.
Er will auch in den Filmen nicht nur Hintergrundatmosphäre liefern. Er
möchte, dass seine Musik wahrgenommen wird. Zusammen mit seiner Band hat
er es sich zum Ziel gemacht, ein größeres Publikum als alle anderen
englischen Orchester zu erreichen: [Es] gibt nach wie vor eine große
Hörerschaft von klassischer Musik, die nicht zu einem Konzert der Band
kommen würde. Ich möchte diese Barrieren [...] überwinden.
[JH]