Amerika auf Tournee durch Europa

American Film Preservation Showcase

Alte Filme erfreuen sich in Amerika nach wie vor großer Beliebtheit. Besonders Klassiker aus den glanzvollen Zeiten Hollywoods werden immer wieder im Fernsehen ausgestrahlt und finden auch bei uns ihr Publikum. Doch wie steht es mit der Erhaltung der kostbaren Streifen? Tatsächlich ist es ein Missverständnis zu glauben, dass ein Film, der im Fernsehen läuft, auch automatisch gut erhalten sei. Tatsache ist, dass die Filme selten in ihrer originalen Fassung vorliegen, wenn sie auf Videoformat überspielt werden, so dass zehntausende von Filmen nicht mehr in 35 mm-Kopien von guter Qualität vorliegen.
Die staatliche Bibliothek Amerikas (Library of Congress), die die Aufgabe hat, Werke aller Art, welche amerikanische- und
Weltkultur dokumentieren (einschließlich Filme), zu sammeln, besitzt seit 1969 ein Filmkonservierungszentrum, dass seitdem über 15.000 Filme archivisch aufbewahrt hat. Doch erst 1988 wurde dem schlechten Zustand des amerikanischen Filmerbes Rechnung getragen, indem das National Film Registry gegründet wurde, das ebenfalls der Bibliothek untersteht. Zu dieser Zeit wusste man bereits, dass mehr als die Hälfte aller Filme, die vor 1951 in Amerika produziert wurden, zerstört waren. Aus den ersten Jahren des Kinos waren nicht einmal 20 Prozent erhalten. Eine traurige Bilanz, die aber mit der anderer Länder vergleichbar ist.
Um nicht noch mehr Filme der Zerstörung anheimfallen zu lassen, bekam das National Film Registry die Aufgabe, die erfassten, noch verwendbaren Filme zu restaurieren. Außerdem werden der Liste am dringlichsten zu bewahrender Filme jedes Jahr 25 Werke hinzugefügt, „based on their ‘aesthetic, historical or cultural’ importance for the nation“ wie James H. Billington, der derzeitige Chef der Library of Congress erklärt. Die Aufnahme der Filme in die Bibliothek bedeutet immer, dass diese verpflichtet ist, alles zu tun, um das jeweilige Werk in seiner ursprünglichen Form zu erhalten. Mittlerweile sind 275 Filme restauriert worden.
Da man das, was man teuer bewahrt hat auch zeigen möchte, und der Jahrtausendwechsel einen guten Anlass zum Feiern auch für die Vereinigten Staaten bot, hat das amerikanische Bureau for Educational and Cultural Affairs eine Reihe von Filmen zusammengestellt, die einen repräsentativen Querschnitt durch die amerikanische Filmgeschichte darstellen soll. Nicht zuletzt ist mit der, „The American Film Preservation Showcase“ betitelten Tournee, die in 19 europäischen Großstädten zu sehen sein wird, das Ziel verbunden, auf die Wichtigkeit der Erhaltung von Filmen aufmerksam zu machen. Aber auch Politik spielt eine Rolle, da die Tournee zum offiziellen Programm des White House Millenium Council gehört, welches das Motto „Honor the Past - Imagine the Future“ (Ehre die Vergangenheit - Stell dir die Zukunft vor) hat und den Anspruch erhebt, die Leistungen hervorzuheben, die „Amerika als Nation prägten“. Filmliebhaber dürften über diesen Aspekt der Präsentation wahrscheinlich nur lächeln, aber dem, der für die Restaurierung finanziell sorgt, dem darf auch ruhig ein wenig Stolz über sein Mitwirken zugestanden werden.
In Deutschland war die Show leider nur in Frankfurt am Main zu sehen. Vom 8. bis 19. Dezember 2000 liefen im Kino des Deutschen Filmmuseums die neu restaurierten Fassungen von 13 Spiel- und zwei Zeichentrickfilmen. Auch wenn dem Besucher wie immer bei einer solchen „repräsentativen Querschnitts“-Schau noch mindestens zwei Dutzend Filme einfallen, die unbedingt ebenso ins Programm gehört hätten, so bietet die Auswahl doch ein freudiges Wiedersehen sowohl bekannter Streifen in ungewohnter Qualität, als auch die Möglichkeit, Entdeckungen zu machen. Allerdings ist es schade, dass kein einziger „unabhängig“ produzierter, also Nicht-Hollywoodfilm den Weg in die Präsentation gefunden hat (obwohl z.B. Shadows, der 1959 von John Cassavetes gedrehte Vorreiterfilm der Independentbewegung des amerikanischen Films, auf der Liste der Library of Congress zu finden ist).
Unter den Klassikern, die gezeigt wurden, waren natürlich Filme mit Schauspielern, die damals und/oder heute Kultcharakter besitzen: Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann waren in Cassablanca (USA 42) von Michael Curtiz zu sehen, Marilyn Monroe neben Tony Curtis und Jack Lemmon in Some like it hot (USA 59), in Raging Bull (USA 80) boxte Robert De Niro unter der Regie Martin Scorseses, und auch Jack Nicholson war vertreten in Roman Polanskis Wiederbelebung des film noir-Genres Chinatown (USA 74). Starbesetzung zeichnete auch The Band Wagon (USA 53) aus, ein Musical, inszeniert von Vincente Minelli und getragen vom Ruhm seines Hauptdarstellers Fred Astaire. Schön an der Auswahl dieses Filmes war, dass er als Vertreter des in Amerika einst so bedeutenden Musical-Genres, eindeutig populäreren und vom Fernsehen öfter ausgestrahlten „Kollegen“ vorgezogen wurde. Erstaunt nahm man denn auch in Frankfurt die hervorragende Inszenierung dieses heute wenig bekannten Musicals zur Kenntnis.
Einem anderen, typisch amerikanischen Genre, dem Western, zollten gleich zwei Werke Tribut: Shane (USA 53) von George Stevens, ein Film, der einen Wendepunkt in der Geschichte des Westerns insofern darstellte, als hier auf Actionelemente verzichtet wird und zum ersten Mal „um den Einbruch der Gewalt wirklich erfahrbar zu machen, Gewehrsalven auf der Tonspur verstärkt“ werden. Und schließlich ein Western mit dem unvermeidbaren John Wayne: The Searchers (USA 56), der als John Fords Meisterwerk und neben Rio Bravo (USA 59 von Howard Hawks) als der beste amerikanische Western gilt.
Besonders erfreulich war die Aufführung von Stanley Kubricks Dr. Strangelove: or, How I learned to stop worrying and love the bomb (USA 64), dem seinerzeit die vier Oscars, für die er nominiert war, verweigert wurden, und der gerade trotz seines beängstigenden Themas auf dem dritten Platz (nach Tootsie und Some like it hot) der Liste der 100 lustigsten Filme Amerikas gelandet ist. Die Stimmung im Kinosaal gab dieser Liste des „American Film Institute“ mehr als recht.
Und auch die restlichen gezeigten Spielfilme würden eine längere Besprechung verdienen, sollen aber an dieser Stelle nur erwähnt werden: Carmen Jones (USA 54) von Otto Preminger und mit Harry Belafonte, der heute fast nur noch als Sänger bekannt ist (außerdem schaffte Dorothy Dandridge die erste Nominierung für eine schwarze Darstellerin in der Kategorie „Beste Schauspielerin“); On the Waterfront (USA 54 mit Marlon Brando) von Elia Kazan, der erst vorletztes Jahr (trotz seiner unrühmlichen Rolle bei der „Kommunistenjagd“ in Hollywood in den 70-ern) einen Oscar für sein Lebenswerk bekam; The Philadelphia Story (USA 40), eine Screwball-Comedy von George Cukor, mit Cary Grant, James Stewart und Katharine Hepburne, die die Geschichte eigens in Auftrag gegeben hatte; und - vielleicht am unerwartetsten in dieser Präsentation und umso erfreulicher - Sunrise (USA 27), das Hollywood-Debut Friedrich Wilhelm Murnaus, das zum ersten Mal in Deutschland mit der Originalmusik von Hugo Riesenfield vorgeführt wurde und den einzigen Stummfilm der Preservation Showcase darstellte.
Einen gelungenen Kontrast zu diesen gewichtigen Repräsentanten amerikanischen Filmerbes bildeten die zwei Zeichentrickfilme: Snow White and the Seven Dwarfs (USA 37), ein unverkennbar nach Grimmschen Motiven gestalteter Märchenfilm von David Hand (Supervising director) und produziert von Disney Enterprises; sowie der (als Vorfilm zu den Sieben Zwergen gezeigte), von Walt Disney selbst geschaffene, sieben Minuten kurze Steamboat Willie (USA 28). Der Protagonist dieses ersten Ton-Animationsfilm der Welt berechtigte Disney übrigens zu verkünden, die Geschichte seines Unterhaltungsimperiums „all started with a mouse“.
Es erübrigt sich fast zu sagen, dass alle Filme der American Film Preservation Showcase natürlich in Originalsprache gezeigt wurden, was die Freude an der Qualität der Filme noch steigerte. Einzig bei The Philadelphia Story konnten wir Zuschauer die Originalsprachigkeit nicht ganz genießen, da die Screwballs schneller flogen als es unsere Englischkenntnisse erlaubt hätten.

(Zur American Film Preservation Showcase gibt es ein von den Veranstaltern herausgegebenes Begleitheft, auf dessen Inhalt der Artikel Bezug nimmt.)

[NS]