Wie war das
doch gleich mit dem MacGuffin? Alfred Hitchcock war ein Mann, der
wahrlich nichts dem Zufall überlassen wollte. So gab er stets aufs Neue
äußerst bereitwillig Auskunft darüber, was es mit diesem absonderlich
klingenden Begriff Besonderes auf sich hatte wenn auch die Wortwahl selbst
hierbei keiner Klärung unterzogen wurde. So sagte Hitch etwa in dem berühmten
Interview mit Truffaut lapidar Wir sollten mal über den MacGuffin
sprechen. In gewohnter Manier inszenierte Hitch auch in diesem Punkt den
Ablauf, kontrollierte unbehelligt den Inhalt des Gespräches, gab Preis
nur was und wie er es wollte. Einer alten Anekdote nach stelle man sich die
folgende Begebenheit vor:
Zwei Männer reisen von London nach Edinburgh. Auf der Gepäckablage
über ihren Köpfen liegt ein eingewickeltes Packet. »Was haben
Sie denn da?« fragt einer der Männer. »Oh, das ist ein MacGuffin«
antwortet der andere. »Und was ist ein MacGuffin?« »Damit
kann man im schottischen Hochland Löwen fangen.« »Aber es gibt
keine Löwen im schottischen Hochland.« »Na ja, dann ist es
wohl doch kein MacGuffin.«
Hitchcock hat stets mit Nachdruck betont, dass die MacGuffins für die Figuren
in der Geschichte lebenswichtig sein müssten, ihn als Erzähler aber
haben sie nie interessiert und somit sollten sie auch sein Publikum nicht
interessieren! [...] das Wichtigste, das ich im Laufe der Jahre gelernt
habe, ist, daß der MacGuffin überhaupt nichts ist. Ich bin davon
überzeugt, aber ich weiß aus Erfahrung, dass andere davon schwer
zu überzeugen sind, gibt Hitch Truffaut zu verstehen und sinniert
an anderer Stelle Imgrunde sind sie ohne Bedeutung, und die Logiker suchen
an einem falschen Ort nach der Wahrheit.
Wo aber hat der Logiker denn an Stelle dessen zu suchen? Weshalb war Hitch stets
so eifrig darum bemüht, das Interesse des Betrachters auf etwas anderes
zu lenken, als eben auf die geheimen Papiere, die Dokumente, die Geheimmaterialien,
die die Fassade der gesellschaftlichen Zivilisation zum Einstürzen brachten?
Vom Diebstahl dieser Geheimdokumente hing nicht selten das Leben des Protagonisten
ab und der kämpft schließlich für die richtige Seite. Oder?
In North by Northwest (USA 59), einem Spionagefilm geht es einzig um die Frage
Was suchen die Spione? Was hat es zu bedeuten, dass Hitch neuen Autoren die
Aufmerksamkeit für den MacGuffin der jeweiligen Geschichte eher
nachdrücklich als nachsichtig beschwichtigend ausredete? Hitch lieferte
die Vorgabe für seine Crew wie auch für sein Publikum der MacGuffin
habe niemanden zu interessieren! Wer sich ihm dennoch nähern wollte, beschreite
einen Weg, der nirgendwohin führte ... Hitch belächelte solche Wahrscheinlickeitskrämer.
Sein liebster MacGuffin sei der aus North by Northwest das reinste Nichts.
Bemerkenswert ist auch die technische Innovation, die Alfred Hitchcock auf dem
ganzen Globus zu Popularität verhalf: Im Fernsehen gelangte Sir Alfred
seit 1955 mit Alfred Hitchcock Presents wahrhaft spielerisch in die Privatheit,
die Wohnzimmer seiner wachsenden Jüngerschaft. Dass er sich, wie er es
selbst einmal ausdrückte nebenbei ein bißchen mit diesem
neuen Medium beschäftigte, katapultierte ihn auf der Beliebtheits- und
Bekanntheitsskala ganz nach oben. So führte er, nebenbei, beinahe zehn
Jahre lang in die erfolgreiche Sendung persönlich ein, erlaubte sich manchen
makabren Scherz, weil er es liebte, sein Publikum zu überraschen. Da er
selbst bei einigen Episoden Regie führte, ist man in der Tat nicht immer
sicher, welches der echte, welches der unechte Hitchcock sein mag. Lässt
sich der zu einem Markenzeichen avancierte Publikumsliebling in einem Intro
(The Case of Mr. Pelham) doch tatsächlich selbst abführen, um sogleich
wieder als der Echte auf der Mattscheibe zu erscheinen und den anderen
bezichtigt, ein Betrüger zu sein. Wem sollen wir Glauben schenken? Etwa
dem Hitch, der in einem anderen Intro seinen eigenen Kopf unter dem Arm mit
sich trägt (One more Mile to go)? Und: Gibt es ihn überhaupt, den
wahren Hitchcock? John Russell Taylor erkannte pointiert genau diese
Schwierigkeit, als er seine Biografie über den herausragenden Filmemacher
mit dem lakonischen Satz Zweierlei steht fest: Jeder kennt Alfred Hitchcock
und niemand kennt ihn beginnen lässt. Sicher ist: Hitchcocks
Gestalt erlangte durch die Kurzauftritte in seinen Filmen spätestens seit
den 30-er Jahren Berühmtheit. Fraglich ist: Was hat es mit diesen kurzen
Gastspielen wirklich auf sich? Ein Mangel an Statisten soll während der
Dreharbeiten zu The Lodger (GB 26) zu Hitchs schauspielerischem Wirken geführt
haben, die Unbedeutendheit seiner Auftritte innerhalb des Plots jedoch ist verdächtig
offensichtlich, seine Cameen eine semiotische Leerstelle, ein Signifikant ohne
Signifikat, ein Rätsel wie die gesamte Person, dessen Identifikation jedem
Kind gelingt. Sein Bekanntheitsgrad erschuf den Mythos vom netten Geschichtenonkel
mit, jemand, der so bekannt ist, kann doch nicht ... Oder vielleicht doch?
Die Strategien, mit denen Hitch die Massen zu manipulieren beliebte, sind vielfältig,
verdeckt zuweilen selbst unter dem Mantel des Unterhaltungswertes. Diese Qualität,
die Gemüter seines wachsenden Publikums charmant wie stilvoll zu fesseln,
rief Kritiker auf den Plan, die Hitch ein Potenzial an Ernsthaftigkeit absprechen
wollten, er biete, hieß es abwertend, reine Unterhaltung. Aber wollte
Hitch vielleicht nicht gerade diesen Status für seine Arbeit bestätigt
wissen? Um ungestört operieren zu können? Je offensichtlicher Absonderlichkeiten
zur Schau gestellt werden, desto eher glaubt man sich doch gewiss, nicht hinter
die Fassade schauen zu müssen ähnlich einem Dieb, der vor den
Augen des Personals etwas einsteckt und es gerade seiner augenscheinlichen Frechheit
zu verdanken hat, dass er unbehelligt bleibt. Auch Hitchs Werk steigert sich
in dem, was es in zunehmenden Maße offen zeigt Frenzy (USA 72)
ist wohl das herausragendste Beispiel der unverhüllten Visualisierung von
Gewalt.
Gustave LeBon (1841 1931), Begründer der Massenpsychologie, hebt
in seinem Werk Psychologie der Massen bereits hervor, dass die Massenseele durch
Vernunft keineswegs erregbar sei. Logische Beweise seien nicht in der Lage,
die Masse nachhaltig zu beeinflussen. Hitch hält sich präzise an die
Erkenntnisse LeBons, wenn er sich als ihr (Vor-)Führer an ihr Gefühl
und niemals an ihren Verstand wendet!
Hitch schien (angeblich!) nun gerade mit der Logik auf Kriegsfuß zu stehen,
wollte unser Interesse stets schnell in andere, neue Bahnen lenken, präsentierte
Geschehnisse in rascher Abfolge, ließ uns gar nicht erst ins Grübeln
kommen. Hitchs beeindruckendster cliffhanger ist wohl derjenige,
der den Auftakt seines Meisterwerks Vertigo (USA 57) bildet. Scottie Ferguson
(James Stewart) schwebt an einer nachgebenden Regenrinne über dem Abgrund
einer Häuserkluft, mutterseelenallein, als ihm die Sinne schwinde(l)n.
Nach der Abblende aber erscheint er unverhofft, ohne äußere Blessuren
im Appartement einer ihn bemutternden Freundin - geblieben sind lediglich Höhenangst
und ein Korsett. Als Hitchcock danach gefragt wurde, wie der Mann sich denn
habe retten können, erwidert er, dessen Gedanken bereits wieder von einer
viel wichtigeren Sache gefesselt zu sein scheinen, lapidar Keine Ahnung.
Damit hat es sich.
Diese Fährte führt also auch ins Nichts?! Lars-Olav Beier analysierte
Hitchs Willkürakte, die das Publikum ihm immer wieder verzieh, wohl weil
er der raffinierteste Trickbetrüger war, der je hinter der Kamera
stand. Hitchs Willkür war ... kalkuliert! Hitch löste oftmals
ganze Lawinen von Ungereimtheiten aus, die Initialzündung wird im Laufe
der turbulenten Geschehnisse obsolet, wichtig ist es allein, der Gefahr zu entkommen!
Es scheint hier, Hitch schlage sich auf die Seite der durchschnittlichen Helden,
deren wohlgeordnetes Leben mit einem Mal gewaltsam durch äußere aber
manchmal auch durch innere Einflüsse aus den Fugen gerät. Sie werden
Ereignissen ausgesetzt, deren Zusammenhänge sie nicht begreifen, deren
Urheber sie nicht kennen, deren Ziel ihnen zunächst absolut schleierhaft
ist. Sie werden ihrer Normalität beraubt, sobald sich der verschwörerische
Abgrund einmal geöffnet hat, sind sie in Hitchcocks Sog gebannt. Genau
wie der Zuschauer. Damit er sich mit dem schicksalsgebeutelten Helden identifizieren
kann, lässt Hitch ihm einen wohl kalkulierten Vorsprung; sein Suspense-Prinzip
verführt den Zuschauer, er weiß mehr, als die handelnde Person auf
der Leinwand doch niemals ist das mehr, als der Regisseur preiszugeben
bereit ist.
Hitch lädt das Rechteck der Leinwand brillant mit den verschiedensten Emotionen
auf, er überzeugt seine Anhängerschaft, indem er ihre Gefühle
in Wallungen versetzt, bestimmt, aber nicht mit kraftloser Logik gewinnt er
sein Massenpublikum. Sein Wille ist der Kern, um den sich die Anschauungen
bilden und ausgleichen. (LeBon)
Warum nur will Hitch uns beispielsweise glauben machen, Rope (sein erster Farbfilm
von 1948) sei in nur einer einzigen Einstellung gedreht worden, eine Illusion,
die durch die bewegte Kamera möglich wurde? Hitch nahm im Laufe der Zeit
wirklich alle Fäden selbst in die Hand: 1948 ist das Jahr, von welchem
an Hitch nun auch noch der Produzent seiner Filme ist wahrlich ein Universalgenie!
Beunruhigend ist auch die beobachtbare Tatsache, dass in Hitchcocks frühen
Filmen die Initiatoren einer sich ereignenden Verschwörung noch durchaus
greifbar sind, es handelt sich um das Werk durchweg lokalisierbarer Gruppen,
einzeln operierende identifizierbare Drahtzieher das Böse
ist quasi noch fassbar. In seinen späteren Filmen dagegen klärt Hitch
den Urheber, den Ursprung der unheilvollen, unerklärlichen, die Menschheit
bedrohenden Zusammenhänge nicht mehr auf wie in The Birds (1962/3). Alfred
Hitchcocks Weltsicht vermittelte vor allem eines: Angst.
Will man den in variierender Form wiederkehrenden Anekdoten Hitchcocks Glauben
schenken, etwa der oft bemühten, ein Polizist habe ihn, als er noch ein
kleiner Junge war in eine Zelle gesperrt, ohne dass er je erfuhr, warum, so
ist man versucht, diese Angst v. a. vor der Polizei, die sein gesamtes uvre
durchwirkt, auch in dem Privatmann wieder zu erkennen. Hitch wachte mit sorgfältigstem
Argwohn darüber, was über ihn als Künstler oder auch sein Privatleben,
an die Öffentlichkeit gelangte: Erst 1957, Hitch war seit 1920 in der Filmbranche
beschäftigt, veröffentlichen Claude Chabrol und Eric Rohmer, Autoren
der Cahiers du Cinéma, ein erstes Werk in Buchlänge über Hitchs
Filme. Neun Jahre später, 1966 führt/publiziert Truffaut das mit ihm
geführte Interview und erst in seinem achtzigsten (seinem letzten) Lebensjahr
im Jahr 1980 ist Alfred Hitchcock bereit, das von John Russell Taylor schon
vorher an ihn herangetragene Vorhaben eines biografischen Werks zu autorisieren
wahrhaft eine kleine Sensation für diesen Geheimniskrämer,
der niemandem auch nur den diskretesten Einblick in seine Privatsphäre
oder gar in seine Psyche gewährte.
Was aber wissen wir über Hitch trotz immer noch ansteigender Publikationen?
Und trotz der Tatsache, das er das Schauspiel seines eigenen Images zur Perfektion
betrieb? Am unliebsten drehte Hitch sogenannte Whodunits (Wer
ist der Täter-Filme), wer weiß, vielleicht wäre man dem
Meister selbst sonst auch zu schnell auf die Schliche gekommen ...?!
Auf seiner Beerdigung im April 1980 war Hitchcock nicht zugegen. Das von Jesuiten-Pater
Tom Sullivan abgehaltene Trauerzeremoniell zum Thema Man lebt nur zweimal,
das Beste kommt danach (Patalas) wurde ohne Sarg und ohne Leiche
abgehalten, denn die war längst auf einem anderen Weg: unterwegs
mit unbekanntem Ziel (Truffaut) vielleicht nach Argentinien, wo
sie noch heute (zusammen mit Elvis Presley und John F. Kennedy?) den Weltmarkt
für Zitrusfruchtsaft unter Kontrolle zu halten versucht. Aber auch in diesem
Punkt wäre es allein Hitch, der mehr wüsste.
[mmh]