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25: Herr Baudach, in den Medien wird oft darüber berichtet, dass seit
Einführung der Multiplexe ein stetiges Besucherwachstum zu verzeichnen
ist. Wie sieht die Situation momentan aus?
Jörg Burdach: Die Leute gehen tatsächlich häufiger ins
Kino, als noch vor 10 Jahren. Gleichzeitig entstehen aber immer mehr Kinos,
welche die gleiche Anzahl von Filmen auswerten und sich gegenseitig die Zuschauer
wegnehmen. Der Kuchen wird aufgeteilt und die Stücke werden kleiner.
Der Deutsche geht im Durchschnitt 1,8 mal jährlich ins Kino, der Schweizer
2,5 mal. Die Kinobetreiber haben sich nun zusammengeschlossen, um einen weiteren
Anstieg der Besucherzahlen zu erreichen. Es wäre schön, wenn es auch
hier bald Schweizer Verhältnisse gäbe. Natürlich muss dafür
einiges getan werden. Wichtig ist u. a. die Modernisierung aller Kinos. Es nützt
nichts, wenn ein interessantes Filmprogramm angeboten wird, der Zuschauer aber
in unbequemen Kinositzen vor einer löchrigen Leinwand verharrt.
frame 25: Besteht bei der Dominanz der MultiplexKinos
nicht die Gefahr, dass überall nur noch die großen Erfolgsfilme laufen
und kleinere Produktionen überhaupt keine Chance mehr haben?
J. B.: Mit den großen Filmen wird das große Geld verdient,
die kleineren Filme sind wirtschaftlich unrentabel. Da Multiplexe grundsätzlich
gewinnorientiert arbeiten müssen, werden in den verschiedenen Kinos die
gleichen Blockbuster gespielt. Für den Zuschauer bleibt keine große
Auswahl. Diese Situation wird nicht so bleiben. Denn um langfristig auf dem
Markt bestehen zu können, muss das Filmprogramm breiter gefächert
werden.
frame 25: Gegenüber vom UFA-Kino Erfurt eröffnet
demnächst das Cinestar-Kino. Wie reagieren Sie auf diese Konkurrenz?
J. B.: Wir werden versuchen, unser Profil zu ändern, indem wir Special-Interest-Programme
einführen. Ziel ist es, Besucherschichten zu erreichen, die bisher sehr
selten ins Kino gingen. Unsere vor kurzem entstandene Rubrik Senioren-Kino
erhielt eine positive Resonanz. Wenn sich dieses Format durchsetzt, werden wir
die Veranstaltung nicht mehr monatlich, sondern wöchentlich durchführen.
frame 25: Der Originalfilm ist ein weiteres
Sonderprogramm. Warum werden in dieser Reihe meist nur Actionfilme gezeigt,
in welchen sprachliche Feinheiten irrelevant sind?
J. B.: Der Einwand ist berechtigt. Ich habe auch festgestellt, dass Filme,
welche bisher am besten liefen, keine Action, sondern sogenannte Arthouse-Filme
waren, wie z. B. Die Asche meiner Mutter. Die Zentraldisposition der UFA ist
aber der Meinung, dass Actionfilme, die in der deutschen Fassung bereits viel
Geld einspielten, in der Originalfassung ähnlich erfolgreich sind. Die
Besucherzahlen widerlegen diese Vermutung. Ich werde mich dafür einsetzen,
dass mehr Arthouse-Filme gezeigt werden.
frame 25: Bei all den Sequels, die es zu jedem erfolgreichen
Film gibt, ist es verwunderlich, wie selten eine Filmnacht veranstaltet wird.
J. B.: Das wird sich demnächst ändern, mindestens einmal im
Monat wollen wir dann ein besonderes Event organisieren. Geplant war im Herbst
übrigens ein Kultfilm-Festival. Innerhalb von zehn Tagen sollten Filme
für alle Interessengruppen gezeigt werden. Wegen der Umbauarbeiten im UFA-Kino
musste das Festival leider auf unbestimmte Zeit verschoben werden.
frame 25: In Zukunft werden Filme nicht mehr von einer
Filmrolle abgespielt werden, sondern digital abrufbar sein. Richtet man sich
im UFA-Kino schon auf die neue digitale Technik ein?
J. B.: Die Kinobetreiber machen sich massiv Gedanken darüber. Es
gibt bereits Filme, die auf Festplatten gespeichert sind. Im Moment sind allerdings
noch viele Umsetzungs- und Kostenprobleme zu bewältigen. Für einen
Digitalprojektor zahlt man derzeit 250.000 Dollar, bei neun Kinosälen ist
das eine unerschwingliche Summe. Ein anderes Problem sind die Sicherungen der
Disketten, auf welchen die Filme gespeichert sind. Hacker dürfen keine
Chance bekommen, schon vor dem Kinostart die Filme herunterzuladen. Das digitale
Kino wird aber definitiv kommen und sich durchsetzen. Als erster Schritt in
diese Richtung wird demnächst die Werbung über Videobeamer digital
eingespielt.
frame 25: In der Werbung wird u.a. auch das Dolby-Surround-System
angepriesen. Beim eigentlichen Film scheint der Ton aber nur von vorn zu kommen.
J. B.: Meist kommt er wirklich nur von vorn. Die Surround-Kanäle
werden nur für bestimmte Effekte genutzt, wenn z. B. ein Auto vorbeifährt.
Leider wissen die Produzenten der Filme das Dolby-Surround nicht zu nutzen,
obwohl darin ein sehr großes Potenzial liegt.
frame 25: Besonders bei Filmen mit ernstem Sujet sind
Filmliebhaber verärgert, wenn bereits im Nachspann das Licht angeht und
keine Zeit für eine Ruhepause bleibt. Gibt es zwingende Gründe für
eine solche Entscheidung?
J. B.: Normalerweise darf das Licht erst angehen, wenn der letzte Schriftzug
vorüber ist. Kein Kino hält sich jedoch daran, da die meisten Leute
beim Nachspann schon den Kinosaal verlassen. Damit diese geordnet herausgehen
können, wird das Licht angemacht. Vielleicht wäre es ein Kompromiss,
wenn das Licht nur gedimmt wird, und interessierte Leute im Halbdunkel den Nachspann
verfolgen können.
frame 25: Als Objektleiter des UFA-Kinos Erfurt stellen
Sie den Spielplan zusammen. Welche Kriterien bestimmen denn, wann und wo welcher
Film gezeigt wird?
J. B.: Die Filmverleiher stellen bestimmte Filmpakete zusammen und geben
den Kinobetreibern dazu Informationen über Produktionsdaten und Einspielergebnisse.
Bei den Paketen ist grundsätzlich ein Top-Film dabei, der die restlichen
qualitativ schwächeren Filme mitträgt. Die Verträge werden zwischen
den Verleihern und der Zentraldisposition der UFA ausgehandelt. Am Sonntag Abend
wird mir das Kinoprogramm von der Zentraldisposition mitgeteilt. Ich kann dann
Einfluss darauf nehmen, in welchem Kinosaal der Film laufen soll, falls das
im Vertrag noch nicht festgelegt wurde. Außerdem bin ich für die
Anfangszeiten der Filme zuständig, wobei ich natürlich den operativen
Ablauf beachten muss. Wenn ich neun Filme gleichzeitig starten würde, gäbe
es ein echtes Problem für die Filmvorführer.
frame 25: Gab es schon Fehlkalkulationen, bei denen
der potenzielle Erfolg eines Filmes überschätzt wurde?
J. B.: Familie Klumps und der verrückte Professor mit Eddie Murphy
ist in Deutschland total gefloppt, obwohl er in den USA ein Riesenerfolg war.
frame 25: Gibt es noch Überraschungserfolge?
J. B.: Das sind meist deutsche Filme wie z. B. Bonhoeffer die
letzte Stufe. Dieser Film startete mit nur fünf Kopien bundesweit und hatte
einen enormen Erfolg. Da er für sechs Wochen terminiert war, konnte er
im UFA-Kino Erfurt nur eine Woche gezeigt werden. Ich hätte ihn gern länger
gespielt, aber er war schon für ein anderes Kino vorgesehen.
frame 25: Im März 2000 hat das UFA-Kino erstmals
die Oscar-Verleihung übertragen. Hat es sich wirtschaftlich rentiert?
J. B.: Leider nicht, was allerdings auch unsere Schuld war, da wir im
Vorfeld zu wenig Werbeanzeigen geschaltet hatten, um auf diese Veranstaltung
aufmerksam zu machen.
Ungünstig war auch, dass die Oscar-Verleihung aufgrund der Zeitverschiebung
zwischen den USA und der Bundesrepublik in der Nacht vom Sonntag zum Montag
stattfindet, und Werktätige die Veranstaltung nicht wahrnehmen können.
Wir möchten dieses Event trotz allem 2001 wiederholen, vorausgesetzt, wir
bekommen die Übertragungsrechte, die auch vermarktet werden. Im Jahr 1999
lag das Vermarktungsrecht bei der Cinemax AG, die der UFA damals die Ausstrahlung
verbot. Mittlerweile arbeitet die UFA mit der Cinemax zusammen.
frame 25: Schauen Sie auf konkurrierende Kinos, um sich
an deren Erfolgen zu orientieren?
J. B.: Konkurrenzbeobachtung gibt es in jeder Branche. Mich interessiert
schon, welche Events in anderen Kinos laufen. Leider planen die Verleiher häufig
nicht weitsichtig genug und in zwei Kinos werden zur gleichen Uhrzeit die gleichen
Sonderveranstaltungen gezeigt. Es ist in solchen Situationen daher sinnvoll,
sich mit der vermeintlichen Konkurrenz abzusprechen und mit ihr zusammenzuarbeiten.
frame 25: Herr Baudach, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
[RH]