Gender

Anfänge

Einem verzweifelten Augenrollen - "schon wieder so ein Feministen-Blödsinn" - möchte ich an dieser Stelle zuvorkommen. Wer jetzt nicht gleich weiterblättert, soll erfahren, was es mit dieser Rubrik auf sich haben wird. Der bereits lange Zeit exerzierte Diskurs um spezifische Geschlechterparadigmen ausgehend von den Medien Literatur & Film wird hier quasi als "Modell einer neuen Selbstbestimmung" erfolgen. Ich werde an die traditionelle politisch-feministische Filmtheorie anknüpfen, deren Suche nach neuem Ausdruck sich in der Theorie niederschlägt -æ etwa in psychoanalytischen Vorgehens-und Verfahrensweisen. Ziel der Bewegung ist es, sich vom herrschenden Status quo des gesellschaftlich determinierten Patriarchats zu lösen und eine neue Sichtweise zu entwickeln, die mehr leistet als lediglich die Negation des männlichen Weltbilds bzw. einen neuen Blickwinkel erreichen möchte, welcher sich nicht lediglich über Negationen abzugrenzen weiß. Eine Analyse innerhalb der Welt des Films soll unter diesen Gesichtspunkten erfolgenæ-ædabei werden sowohl alte als auch neue Filme besprochen. Die "Natur" der sozialen Geschlechterrollenæ-ænach der Formel "Biologie ist Schicksal" wird hier nicht zum Zug kommen; mir ist sehr viel mehr daran gelegen, ein Angebot (beiden Geschlechtern!) zu unterbreiten, innerhalb dessen die Fesseln der Konventionen abgestreift werden, ein Versuch, Geschlechtsidentität (gender) über Kultur, soziales Umfeld, Kindheit sowie weitere Maßstäbe/ Prozesse zu definieren. Ein Beharren auf "typisch weiblich" bzw. "typisch männlich" soll also gar nicht zur Debatte ste-hen. Kein (An-)Klagelied auf die durch und durch schlechte Männerwelt innerhalb des "natürlichen" Sozialordnungsgefüges soll ertönen, sondern ein Projekt tritt an den Start, das zwar eine spezifisch weibliche Sichtweise entwickelt, jedoch unter den oben erläuterten Vorzeichen. Es wird innerhalb dieser Rubrik keine normierten Vorstellungen darüber geben, was "geschlechtertypische" Paradigmata sein könnten. Das Geschlecht soll als ein Teil der "Ich-Identität" aufgefasst und akzeptiert werdenæ-æso S. Freud. Die Sinnstiftung an das eigene Geschlecht kann dabei durchaus androgyne Züge aufweisen, einen symbolreichen Wertekanon entwickeln. Die Herausbildung der Geschlechtsidentität der erfolgenden gender-Studien möchten einen neuen Kontext hervorbringen - um es mit Worten Simone de Beauvoirs zu sagen "Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es." [gleiches gilt natürlich auch für den Mann - Anm. d. Verf.]. Konstruieren möchte ich das "Werden" der Geschlechtsidentität im Kontext der jeweiligen Lebens-, Erfahrungs- und Empfindungswelt. Eine kritische Reflexion der häufig ungebrochenen Widerspiegelung geschlechterrollen-üblicher Interpretation von Männlein und Weiblein soll erfolgen.

In der imaginierten Szenerie der Kinowelten, wurden unterschiedlichste Mythen der männlichen und weiblichen Geschlechterrollen in stereotyper Manier unermüdlich aufïs Tableau gebracht - auch heute lässt sich das vieler(film)orts noch beobachten. Laura Mulvey postulierte in den frühen siebziger Jahren bereits, dass es für die Frauenwelt sich als gesünder erweisen würde, das patriarchalisch dominierte Kino zu unterwandern. Die Traumfabrik Hollywood strenge sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln an, repressive Mechanismen zu bedienen - die Dekonstruktion der "satisfaction, pleasures and privilegs" bezüglich der Weiblichkeit wurde Programm - soweit Mulvey. Claire Johnston führte das Konzept Laura Mulveys fort. Sie forderte "einen radikalen Bruch der bisher ansässigen Konventionen und Formen" des Cinemas. Feministische Filmtheorie bemühte sich von Anfang an um eine Erweiterung der üblichen "politics and pleasures". Entfacht und angeregt wurde die politisch-feministische Filmtheorie der frühen siebziger Jahre durch die vorausgegangene Frauenbewegung; es entwickelte sich ein neuer, weiblicher Blickwinkel auf den konventionellen Film und seine Geschichte. Eine Alternative zum althergebrachten Filmkonsum und üblicher Filmrezeption war geboren. Der Blick auf das Kino und den Film war nun ein kritisch-revidierter. Die politische Sichtweise ging einher mit einer zum Manifest erhobenen soziologischen Methode, diese bemühte sich um emanzipatorische Einheit und Gleichheit. Marjorie Rosen und Molly Haskell, Verfechterinnen dieser soziologischen Betrachtungsweise, stellten den Diskurs um die angenommene direkte Abhängigkeit von Gesellschaft und Film in den Vordergrund. Da der Film die Realität reflektiere, müssten feministisch produzierte Filme bemüht sein, auch reale Frauengestalten auf die Leinwand zu bringen und keine - wie sonst üblichen - stereotypen Imaginationen einer Greta Garbo, Marilyn Monroe etc. Eine "ideologisiert aufgeladene Weiblichkeit" dürfe keinen Raum einnehmen im neu formulierten Programm feministischer Filmtheoretikerinnen. Weiblichen Zuschauern wollte man die Möglichkeit anheim stellen, sich mittels ihrer Phantasie mit den im Film dargebotenen realen Frauengestalten identifizieren zu können. Man bemühte sich um eine Möglichkeit der Identifikation, deren Ziel Befreiung und nicht Befremdung der Frau sein wollte. Diese Theorie unter realistisch-soziologischen Vorzeichen wurde jedoch schon bald abgelöst durch poststrukturalistisches Gedankengut weiterer feministischer Filmtheoretikerinnen.

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