Literatur & Film

Wiedersehen in Howards End

Einer der bedeutensten Romane von Edward Morgen Forster (1879- 1970) ist der 1910 erschienene Howards End. Neben Zimmer mit Aussicht und Engel und Narren (beide sind ebenfalls verfilmt worden) kann man in diesen Romanen die Grundeinstellung des Humanisten Forsters wiedererkennen, nämlich: "daß der Kontakt von Mensch zu Mensch Gegensätze überbrücken kann". Das große Thema in Forsters Romanen ist also die Überwindung der Schranken zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensart. Die Vielschichtigkeit von Struktur und Symbolik dieses Romans machen es dem Leser nicht leicht, sich in dem Gewirr der Ereignisse und menschlichen Beziehungen zurechtzufinden. Der Stimmungsumschlag von stellenweise schon Komödie in Melodram ist sehr abrupt. Die Überwindung der Schranken findet sich hier zwischen dem am "Außen" orientierten Leben der Familie Wilcox und dem am "Innen" orientierten der Schlegels. Die beiden Schwestern gehören zum Bloomsbury-Kreis um Virginia Woolf. Das Buch und den 1992 gedrehte Film zeichnet vor allem die scharfe Beobachtungsgabe, subtile Erzählkunst, dezente Ironie, gewürzt mit einem scharfen Schuß trockenem Humors aus, der E. M. Forster so eigen ist. Der Roman - ironisch und patriotisch zugleich geschrieben - spiegelt die Gesellschaft Englands um die Jahrhundertwende wider. Der Film Wiedersehen in Howards End ist eine James-Ivory-Verfilmung mit einer Vielzahl erstklassiger Schauspieler. Ivory ließ den katastrophalen Zusammenprall von großbürgerlicher Arroganz, schöngeistiger Abgehobenheit und sozialer Realität in erlesenem, wunderschön fotografiertem Ambiente vonstatten gehen und fand dafür die Idealbesetzung. Anthony Hopkins ist steife Upperclass vom Scheitel bis zur Sohle, Emma Thompson verkörpert eine resolute, pragmatische Intelligenz und Helena Bonham Carter berührt als jugendliche Schönheit mit glühend- naivem Engagment. Der Film wurde in Cannes 1992 mit großer Begeisterung aufgenommen und erhielt den Sonderpreis der Filmfestspiele. Im darauffolgendem Jahr erhielt Emma Thompson für ihre Darstellung der Margaret Schlegel einen Oscar. Roman und Film sind natürlich reine Geschmacksache. Sie stellen weder nur ein Sittenbild Englands, noch reines Melodram dar. Wer sich den rund 400-seitigen Roman sparen will, kann sich die detailtreue Umsetzung im TV ansehen und die wunderschöne Landschaft Englands, London im nachviktorianischen Zeitalter und Anthony Hopkins als Upperclass-man, der letztendlich doch Emma Thompsons Herz erobert, ansehen. Buch und Film können als ein realistisches Gesellschaftsbild dieser Zeit, der Menschen und ihrer Zwänge, Pflichten und Bedürfnisse rezipiert werden. Die Fabel: "Es ist klein, alt und ganz reizend - aus rotem Backstein ..." - das ist Howards End, das Feriendomizil der Familie Wilcox, ein reizender Landsitz. Hier kommt es zu folgenschweren Verwicklungen der Familien Wilcox und deren ehemaliger Urlaubsbekanntschaft, den Schlegels. Zwischen Helen Schlegel - der intellektuellen Tochter eines deutschen Idealisten und einer Engländerin - und Paul - Sohn des traditionsbewußten Henry Wilcox - kommt es zu einer kurzen Romanze. Sie erkennen, dass sie nicht zueinander passen und trennen sich wieder. Doch die Wege der beiden Familien werden sich immer wieder kreuzen. Als die Wilcox eine Stadtwohnung in der Nachbarschaft der Schlegels beziehen, entwickelt sich zwischen der liebenswürdigen, empfindsamen Mrs. Wilcox und der ihr geistig überlegenen Margaret Schlegel, eine Freundschaft. Als Mrs. Wilcox kurz darauf stirbt, verschweigen ihre Hinterbliebenen, dass sie Margaret Howards End vererben wollte. Der verwitwete Mr. Wilcox findet Gefallen an Margaret, an ihrer ruhigen und vernünftigen Art und macht ihr einen völlig unromantischen Heiratsantrag, den sie dennoch annimmt. "Doch war der Heiratsantrag nicht von solcher Art, dass man ihn unter die großen Liebesszenen der Weltgeschichte zählen könnte." Sowohl seine Kinder, als auch Helen missbilligen diese Ehe. Während es bei den Wilcox die Angst vor dem Verlust ihres Erbes ist, hat Helen ganz andere, schwerwiegendere Gründe gegen Henry Wilcox. Zu ihrer Feindseeligkeit trägt das Schicksal Leonard Basts, eines Schützlings der Schlegels, bei, der durch einen leichtfertigen Rat Henry Wilcox's seine Anstellung als kleiner Bankangestellter verloren hat. Als Helen Leonard, inzwischen fast völlig verarmt, und seine ungebildete Frau mit auf die Hochzeit von Wilcoxăs Tochter bringt, stellt sich heraus, dass Henry vor Jahren ein Verhältnis mit ihr hatte. Margaret hält zu ihm, doch es kommt zu einer ernsten Auseinandersetzung, als Helen schwanger von einem längeren Deutschlandurlaub zurückkehrt. Helen, die sich aus übersteigertem Mitgefühl und Idealismus mit Leonard eingelassen hat, weigert sich, seinen Namen preiszugeben. Henry, derart empört darüber, verbietet Margaret und Helen eine Nacht in Howards End zu verbringen, weil dies "eine Schändung des Besitzes der verstorbenen Mrs. Wilcox" sei. Margaret riskiert ihre Ehe - sie weist ihren Mann auf den Widerspruch zwischen seinem einstigen Verhalten und der spießigen Moral, die er jetzt vertritt, hin. Er kann ihr den Wunsch nicht mehr verwehren. Am nächsten Tag kommt es in Howards End zu einen schicksalsträchtigen Zusammentreffen: Leonard, der nichts von seiner Vaterschaft weiß, wird im Landhaus von Charles, Wilcox's Sohn tätlich angegriffen und stirbt. Charles wird verurteilt und Henry, plötzlich weiser und menschlich aufgeschlossener geworden, versöhnt sich mit Margret, die auch Helen in Howards End aufnimmt. Das Haus, das Margaret so innig liebte, wie die erste Mrs. Wilcox, gehört jetzt ihr. Letztendlich hat sie es doch noch gererbt

[JF]