Essay

Das Objektiv, oder die Wahrheit des Filmischen Blicks

Für den Kameramann bleibt die Spanne der Belichtung stets geheimnisvoll, denn das mechanische Auge scheint mehr zu sehen, als man selbst in diesem Moment wahrnehmen kann. Das Objektiv objektiviert, schafft Dualitäten, tritt zwischen Auge und Welt, es bildet ab und zeigt Strukturen und Zusammenhänge auf, die man so nie gesehen hätte. All zu oft heißt es, im Film sei alles "gemacht", gefälscht, gelogen. Diesen Irrtum auszuräumen, will die folgende Darstellung versuchen. Was sind nun die Hauptpunkte der Kritik? Zum Einen heißt es, das Bild sei schon eine Lüge, dann gäbe es keine realistischen, das heißt konstanten Personen, abrupte Orts- und Zeitwechsel fänden statt und widersprächen unserer alltäglichen Erfahrung... Doch unsere Alltagserfahrung zeigt beispielsweise auch, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Was anderes können wir mit bloßem Auge von der Erde als Bezugspunkt ausgehend wahrnehmen? Man sieht, wie verführerisch und zweifelhaft zugleich gerade die scheinbar einfachen Dinge sind. Die Kritik des Bildes besagt, dass es keine wirklichen Geschehnisse wiedergäbe und mit unserer Alltagserfahrung oft nicht übereinstimme. Dies setzt natürlich ein naives Verständnis von Realität voraus und verkennt die Tatsache, dass das Bild erst verstehbare Welt, also Wirklichkeiten, für uns schafft und die Dinge auf geradezu magische Art und Weise wirklich für uns werden lässt. (Susan Sontag '77) Das Bild ist eine symbolhafte Verkürzung der Raum-Zeit-Struktur und ein flächiges Grundmuster des menschlichen Welt- und Selbstverständnisses, Elementarform des sprachlich-künstlerischen Ausdrucks und verwandt mit dem grch. "idéa" (sehen, erkennen, wissen), also auch mit "Idee", "Ideologie", "Imitation" und "Imagination". Es ist Gedanke, Erzählung (mehr als tausend Worte ...), Erkenntnis und Welterschließung. Aber es ist auch Reflexionsmöglichkeit, zeigt Relativität und Bedingtheit der Erscheinungen, bleibt immer prophetisch, poetisch bis politisch, changiert außermoralisch irgendwo zwischen Wahrheit und Lüge. Man könnte auch sagen, es entwickelt eine autonome Wahrheit. Doch weiter zum nächsten Gegenstand. Die Person wird meist als etwas Konstantes angesehen, die keinen gravierenden Veränderungen unterworfen ist. Im Film ist das anders, wie es scheint. Da wechseln Schauspieler die Rollen wie Kleidungsstücke. Trotzdem: Wer spielt im Alltag schon immer die gleiche Rolle? Sind wir nicht einmal Bruder, Sohn, Liebhaber, Referent, oder, oder ... mit verschiedenen Aufgaben, Erwartungen, Verkleidungen und Rollen? Im Film scheinen außerdem physikalische Gesetze, Gesetze wie Raum und Zeit außer Kraft gesetzt. Aber ist das tatsächlich der Fall? Zunächst gilt es festzuhalten, dass prinzipiell zwei Temporalformen als Narrationen in Erscheinung treten. Das ist einmal eine kontinuierliche Zeit, die sich als Zeitstrahl darstellt und die Erwartung von Zukunft und Gegenwart beinhaltet. Die andere Temporalform ist bruchstückhaft, man erlebt sie in besonders schönen Momenten wie zum Beispiel an Festen und erinnert diese Zeit und den Ort dann intensiver als die langen kontinuierlichen Abläufe wie sie der Alltag beschert, denn sie ist magisch und mythisch aufgeladen. Obwohl lange Plansequenzen im Film möglich sind, tendiert dieses Medium jedoch zu einer magisch- mythischen Temporalität der Montage. In ihr gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart. Im strengen Sinne gibt es nur Vergangenes. Oder wie Einstein einmal feststellte ist "der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist für uns Wissenschaftler eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige." Denn seit der Relativitätstheorie lassen sich Raum-Zeiten relativ zueinander disponieren. Es gibt also keinen wirklich relevanten Unterschied zwischen physikalischer und narrativer Realität. Das Medium Film führt uns dies vor Augen. Wir sehen mit dem Objektiv und durch dieses die platonische Höhle des Films, das ist der Ort wahrer Erkenntnis: Das magische Feuer wirft seine Schattenspiele an die Wand und wir wissen um ihre Wahrheit. Es ist die Wahrheit der Narration, der Geschichte und Geschichten, durch die wir Licht ins Dunkel rücken, Licht, das kein Göttliches, Sonnengleiches ist, sondern das des geraubten Feuers, der Rebellion. Der Film schreibt dieses Licht. Er ist das Wahre, das Gute, das Schöne.

[MW]