Kino in Jena

Reich und Schön

Das Licht im Saal wird fast unmerklich gedimmt. Von den ersten bis in die letzten Reihen senkt sich Dunkelheit über die Zuschauer. Die bis dahin zwar laute aber trotzdem unscheinbare Popmusik aus den Lautsprechern hinter der Leinwand erstirbt. Langsam blenden sich pulsierende Rhythmen in die jetzt dunkle Atmosphäre des Kinosaals. Kunstnebel zischt aus mehreren Düsen in Höhe der Leinwand und man fragt sich schon, ob wohl der angekündigte Film so schlecht (oder so scharf?) ist, dass er besser hinter Rauchschwaden verborgen bleibt. Dass diese Vermutung jedoch völlig falsch ist, wird klar, als plötzlich ein Teppich aus Laserstrahlen den Raum durchzuckt. Zum Groove der Musik wabern nun minutenlang bunte Lichtwellen durchund über die Zuschauerränge. Kino zeigt hier ein ganz neues und gleichzeitig ganz altes Unterhaltungskonzept. Man könnte meinen wieder in die Zeit des Varietee zurückversetzt worden zu sein, in der der Film nur eine der Attraktionen im Schauspielhaus war. Nach kurzer Zeit beginnt dann aber doch die Hauptattraktion. Die Buchstaben "d t s" zischen kometengleich über die Leinwand, begleitet von einem Effektsound, der sich durch den ganzen Saal zieht. Angesichts der aus allen Richtungen über mich hinwegjagenden Geräusche versinke ich ein wenig tiefer im weichen, roten Sessel. Der Hauptfilm beginnt - ohne lästige Werbung aber auch ohne liebsame Vorschau auf coming attractions. Im CineStar kommt man schnell zur Sache. Ein Wunder, wenn man doch bedenkt, dass die Philosophie von Multiplexkinos in erster Linie deren Einnahmen sind. Davon kann aber bei fünf Mark Eintritt (für die Vorstellungen vor 18 Uhr) und angesichts fehlender Werbung (also auch für solch beliebte Vorstellung fehlende Werbeeinnahmen) kaum die Rede sein. Selbstlosigkeit? Oder doch wieder nur Werbung, um den CineStar am Jenaer Kinohimmel zu etablieren? Die Vorstellung selbst ist makellos. Kein Knisterton, nicht das Geräusch abspulender Filmrollen, immerscharfes, nirgends auch nur einen Zentimeter überlappendes Bild. Keine Unterbrechungen beim Übergang zwischen den Rollen. Solchen Kinogenuss - zumindest vorführtechnischer Art - gab es in Jena bisher nicht. Und entgegen der anfänglichen Befürchtung hat sich der Rauch auch bald aus dem Saal verzogen. Was aber, wenn vom gesamten CineStar der Rauch des Neuen verschwunden ist? Zeigt es dann seine wahren Multiplex-Gesichter? Verschwinden die günstigen Nachmittags- und Kindervorstellungen? Spart man für diese (oder gar für alle) Vorstellungen im Saal 1 die Lasershow? Nimmt Reklame und Werbung dann wieder das gewohnte Viertel der im Kino verbrachten Freizeit ein (es wird gemunkelt, dass nur die Werberollen in den ersten Wochen noch nicht vorlagen)? Wenn der CineStar für Jena in Zukunft die Kinoalternative sein will, sollte er sein auf diese Weise unkonventionelles Gesicht ruhig behalten. Denn dann fällt es auch kaum ins Gewicht, dass der für Multiplexe übliche inhaltliche Schwerpunkt auf Mainstreamproduktionen beruht. In die Kinolandschaft Jenas jedenfalls reiht sich das CineStar nahtlos ein.

[Stefan Höltgen]