Happy End Mr. Spielberg?

 

Schaut man sich Steven Spielbergs Filmografie an, ist man versucht anzunehmen, er wäre einfach jemand, der ein großes Kind geblieben ist, das im Filmbusiness seine Träume auslebt. Ein Kind zugegebenermaßen, mit einer übersprudelnden Phantasie, Tatkraft und einem Millionenbudget zur Verwirklichung seiner Ideen. Ideen, deren kinematografische Umsetzung Spielberg und den Studios Millionen eingebracht haben und ihn zum kommerziell erfolgreichsten Regisseur und Produzenten der Welt machen. Doch was bringt so viele Menschen dazu, sich ausgerechnet seine Filme anzusehen? Was ist so besonderes an ihnen? Es sind die Happy Ends. Es ist seine Art, die Protagonisten seiner Traumwelten irgendwie immer auf glaubhafte Weise gewinnen zu lassen. Ein ganz normaler Typ, oder wie Spielberg meint "Mr. Everyday Regular Fellow" wird mit einer der absurden Phantasiewelten des Herrn Spielberg konfrontiert. Und irgendwie weiß man immer schon vorher, dass am Ende alles gut wird. Langweilig, nicht wahr? Also was treibt die Menschen zur Konsumption der Spielberg`schen Realität? Steven Spielberg besitzt ein sehr scharfes und sensibles Gefühl für die Ängste und Phantasien vieler Menschen, und eine geradezu magische Fähigkeit, diesen in seinen Filmen mit Direktheit und Simplizität Ausdruck zu verleihen. Es geht ihm nicht darum, eine elitäre Gruppe von Filmfanatikern zu erreichen, er lebt, schreibt, dreht für die Masse. Sind also seine Filme einfach nur großartiges, die Phantasien der Massen befriedigendes Entertainment? Nun, nicht ganz. Spielberg ist weit davon entfernt, nur für das Brot und die Spiele der Masse der Kinobesucher zu arbeiten. Seine Filme sind Ausdruck eines oftmals sehr schmerzhaften Reifungsprozesses des Regisseurs selbst. Die dargestellten Ängste und Phantasien sind seine ureigensten Geister. Als Kind jüdischer Eltern ist Spielberg in einer weitgehend WASPisch geprägten Umgebung aufgewachsen. Daran haben auch mehrmalige Umzüge der Familie nichts geändert. Spielberg hat eine sehr ausführliche und schmerzvolle Erinnerung daran, sich als Außenseiter gefühlt zu haben, und von seinen Mitschülern so behandelt worden zu sein. Spielberg führt dies auf sein Judentum zurück, auch wenn er dies unter seinen Mitschülern nach Möglichkeit verheimlicht hat. Es ist daher fraglich, wie viele seiner Mitschüler davon Kenntnis hatten oder sich der jüdischen Problematik bewusst waren. Steven war der perfekte Außenseiter der Gesellschaft der 50-er Jahre. Unsportlich, schüchtern, ständig in seiner eigenen, von Kameras, Schmalfilmen und Science Fiction geprägten Welt lebend, bot er auch ohne seine jüdische Abstammung eine perfekte Angriffsfläche.

Es gelang Spielberg später vor allem über seine Kamera eine gewisse Eingliederung in das soziale Gefüge der Schulen zu erreichen, indem er nicht nur soziale und sportliche Veranstaltungen der Schule filmte, sondern auch diejenigen Mitschüler, die ihn besonders ärgerten, in seine eigenen kleinen Projekte integrierte. Was er letztendlich wollte, war jedoch nicht, für seine Andersartigkeit respektiert zu werden, er wollte so sein wie sie, er wollte ein Teil der Masse werden. Dies ist die Motivation, aus der Spielbergs Filme stammen. Indem er seine Filme auf den elementaren Träumen und Ängsten seiner Zeitgenossen aufbaut, die auch die seinen sind, gelingt es ihm schlussendlich, sich eine Realität zu schaffen, die er mit ihnen teilt, und somit zu dem zu werden, wonach er so lange gestrebt hat, ein Teil von ihnen. Sind dann seine Filme also lediglich gut inszenierte und kommerzialisierte Selbsttherapie? Doch auch dies ist in seiner Ausschließlichkeit zu einfach. Spielberg ist der geborene Geschichtenerzähler, und er hat sich für seine Geschichten ein Medium ausgesucht, dass es ihm erlaubt, möglichst viele Menschen zu erreichen. So sind seine Filme Spielplätze, die den Zuschauer für die Dauer des Films auf unglaubliche Abenteuer einladen. Die Dualität Spielberg`scher Filme, einerseits in ihrer Thematik einem relativ weitverbreiteten gesellschaftlichen Interesse zu entsprechen, andererseits in den darunterliegenden Gefühlen eine extrem persönliche Ebene der Träume Spielbergs zu verwirklichen, macht es dem Zuschauer unmöglich, sich nicht früher oder später auf diese Einladung einzulassen. Dabei scheint es unerheblich zu sein, welcher Art die Filme sind. Ob nun Abenteuer (Indiana Jones), Thriller (Jaws) oder Fantasy (E.T.) ihnen allen liegt Spielbergs auf einzigartige Weise umgesetzte Vision zugrunde, die ihm den Ruf des ewig jungenhaften Regisseurs eingetragen hat. Der Glaube, dass die Phantasie mit all ihrer Magie und Mystik eine tatsächliche Alternative zur Realität darstellt. Steven Spielberg hat diese Phantasie zu seiner Realität gemacht. Natürlich wäre es blauäugig anzunehmen, dass Spielberg sich des Vermarktungswertes seiner Phantasmen nicht bewusst wäre, allein drei seiner großen Filme zählen unter die Top Ten der Boxofficehits aller Zeiten (Jaws, E.T., Jurassic Park). Doch Spielberg lebt, um zu erzählen. Er macht nicht einfach Filme um Geld zu verdienen, er macht Geld um noch mehr Filme zu drehen, ganz wie sein Vorbild Walt Disney. Spielberg ist ein selfmade man. Sein herausragendes Talent hat ihm die Filmbranche genauso wie die Zuschauer zu Füßen gelegt, die Möglichkeit seine eigenen Träume auszuleben und die Träume anderer zu verwirklichen. Spielberg lebt seine Filme, oder die Filme sind sein Leben. Ist es da nicht natürlich, dass der Mann sich seine eigenen Happy Ends schafft? Und ist es nicht auf seine Weise beruhigend, noch in einen Film gehen zu können, der die eigenen Erwartungen nicht enttäuscht? It`s a happy end, Mr. Spielberg.

[CW]