Ist Spielberg
ein Genie? Ein Reaktionär? Der Homer, den unsere Zeit verdient? Ein Visionär
oder Größenwahnsinniger? Von all dem etwas? Auf jeden Fall ist er ein Phänomen.
Als Produzent und Regisseur kreisen viele seiner Produktionen um zu korrigierende
Fehler in der Vergangenheit und um ihre Veränderung als Wiedergutmachung: die
Umgestaltung der Zukunft. Beispielhaft dafür erscheinen Poltergeist (1982),
Schindler's List (1993), Jurassic Park (1997), Saving Private Ryan (1998) u.
a. Am konsequentesten jedoch wird dieses Thema indem von Spielberg produzierten
Filmen Back to the Future (1985), Part II (1989) und Part III (1990) abgearbeitet.
Das Motiv der Zeitreise zeigt ohne Umschweife und am direktesten, wie sich Spielberg
die Raum-Zeit-Struktur vorstellt. Seiner Meinung nach gibt es keinen wirklichen
Fatalismus und kein unbezwingbares Schicksal, es sind immer Korrekturen möglich
und sogar erforderlich. Vergangenheit und Zukunft sind Teile eines Prozesses,
der bis zu einem gewissen Grad als manipulierbar erscheint. Wird die Vergangenheit
geändert, hat das gravierende Auswirkungen auf die Zukunft. Es ist das Modell
eines infiniten Regresses; der ideale Stoff für Sequels und Fortsetzungen also.
In Back to the Future (1985) geht es darum, dass ein verrückter Wissenschaftler
eine bedeutende Erfindung macht: die Zeitmaschine. Sofort werden Testreihen
gestartet und durch ein unvorhergesehenes Ereignis befindet sich Marty McFly
(Michael J. Fox) in den 50-er Jahren, von wo aus das Chaos seinen Lauf nimmt.
Er rettet seinen Vater, dadurch verliebt sich die eigene Mutter in ihn und er
hat ein echtes Problem. Korrekturen werden notwendig, damit er nicht einfach
aus dem Leben verschwindet und die Kette kausaler Ereignisse nicht völlig abreißt.
Es geht also um Wiedergutmachung und um aktiven Eingriff in die Geschichte.
Interessant erscheint der Versuch, dieses Konzept auf andere Filme Spielbergs
zu übertragen, insbesondere auf Streifen, die sich mit tatsächlich historischen
Ereignissen auseinandersetzen. Das Interesse
Spielbergs
an geschichtlichen Stoffen ist bekannt. Umstritten ist die Art, wie er sie behandelt,
denn er entwirft eigene Fiktionen mit Fortsetzungsmöglichkeiten und Wiedergutmachungsinstanz
von ihr. Spielberg gestaltet Historie mit der Kamera. Er gibt ihr neue Ikonen,
Gesichter, Namen und persönliche Geschichten. Ein Unternehmen, das quasi-religiöse
Dimensionen annimmt. Schon existiert ein breites Spektrum an Reiseangeboten
zu den Pilgerstätten der "heiligen" Drehorte von Schindler's List nach Krakow.
Vom Internierungslager Auschwitz interessiert nur die Kulisse und das ehemalige
Judenviertel der Stadt wird zum Schatten der Spielberg-Vison; eine Fiktion und
bestenfalls die Metaebene des Plots. Die Orte wahrer Begebenheiten sind nun
die Lokalitäten der Filmentstehung, die Drehorte und Sets. Drehorte faszinieren,
nicht tatsächliche Locations oder platte Wirklichkeit. Geschichten interessieren,
nicht Geschichte. Natürlich kann man behaupten, damit täte Spielberg kaum etwas
anderes als der gewöhnliche Geschichtsschreiber, eben nur mit Hilfe von Filmtechnik.
Er gibt unstrukturierten Vorgängen von geschichtlichen Ereignissen einen dramaturgisch
aufgearbeiteten Inhalt. Damit scheint Hegels "Vollzug der Historie aus dem Geiste"
eine neue und unerwartete Wendung genommen zu haben. Nicht der Geist produziert
faktische Ereignisse, sondern die unfasslichen Vorgänge produzieren mit Hilfe
des Geistes Narrationen, die ihren eigenen Gesetzen folgen. Beispielsweise unterliegen
diese heute den Anforderungen realistischen Erzählens. Das heißt, es gibt erstens:
reale Schauplätze, zweitens: Haupt- und Nebenfiguren, die meist konflikthaft
in Handlungszusammenhängen stehen, drittens: ein chronologisches Prinzip (Annahme
von Kausalität), viertens: den rhythmischen Wechsel von Zeitraffung und Schauplätzen
und fünftens: eine personale Perspektive, nämlich die des Historikers, der trotz
aller Aktualität des Stoffes als Erzähler immer auch mit dem Mythos umgeht und
in diesem Falle sogar erschafft. Denn Mythos heißt übersetzt erst einmal nichts
anderes als (mündliche) "Überlieferung". Ereignisse werden hier in fragmentarischer
Auflösung zu chronologischen, biografischen, doxografischen, oder kombinierten
Ganzheiten geordnet, als Kreis-, Halbkreis- und Spiralmodelle (als antikes,
biologisches und heilsgeschichtliches Paradigma) aufbereitet und interpoliert,
denn in dem Maße wie sich die Artefakte zum Bild einer gesellschaftlichen Wetterkarte
fügen, die periodisch Kräfte und unmotivierte Bewegungen eines "diskontinuierlichen
Ganzen" (Lévi-Strauss) illustriert und "erklärbar" macht, bricht Aussagekraft
in das schwellende Chaos der "Wirkungen ohne zureichende Ursachen" ein. (Friedrich
Nietzsche) Wo Geschichtsschreibung zu orakelhafter Urteilsakrobatik verdammt
ist, kündet sie mehr von Kunstfertigkeiten der "Historyker", als sie über das
Wilde und Unberechenbare hoch komplexer Systeme besagt. Dilthey meint, "daß
der, welcher die Geschichte erforscht, derselbe ist, der die Geschichte macht".
Zu ergänzen wäre, dass auch der Geschichte macht, der ihr bewegte Bilder, das
heißt Ikonen gibt. Ikonografie hat immer den Anspruch von Abbildung tatsächlicher
Sachverhalte. Umgekehrt hat ein solches Bild auch die Wirkung eines wirklichen
Ereignisses. Claude Lévi-Strauss bestärkt diese Auffassung von Geschichtlichkeit
indem er später die Ansicht vertritt, dass der Historiker die historischen Tatsachen
durch Abstraktionen konstituiert. Jede Art von Dramaturgie ist eine solche Reduktion.
Daran kann auch keine noch so akribische Recherche und Quellenauswertung, keine
noch so detaillierte Aufarbeitung etwas ändern. Der Grund der Historie bleibt
"irrationale
Faktizität." (Dilthey) Aus ihr "stammt einerseits die Verteilung der Spannung
bis zu den Mechanismen, andererseits geht davon aus die Differenzierung nach
Nationen, Sitten, Denken zum Individuellen, worauf dann die eigentliche geistige
Geschichte beruht." Die Narration, unser Identitätskonstrukt (oder sollte man
sagen: unsere Identität?) funktioniert nach ihren eigenen Mustern, die immer
Teile der Wirklichkeit ausblenden und sogar zu interkulturellen Konflikten führen,
da jede Kultur (nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich gesehen) ihre eigene
Form der Erzählung kennt und auf unlösbare Widersprüche stößt, sobald sie versucht
mit ihren speziellen Schablonen oder "cognitive maps" andere Erzähl- und Erkenntnismuster
zu dechiffrieren und zu deuten. Aus der wechselnden Interferenz- und Rückkopplungsdynamik
von Gegenständen und ihren Interpretationsvarianten ergeben sich Eigenfrequenzen
und "die jeder Klasse eigenen Daten sind irrational in bezug auf alle Daten
der anderen Klassen." (Lévi-Strauss) "Von dem, was niemals ist, sondern immer
"wird" (...), kann es auch keine andere als eine mythische Darstellung geben.
(...) Hier wächst somit der Mythos über jede bloß stoffliche Bedeutung hinaus;
hier wird er als eine bestimmte und an ihrem Platze notwendige Funktion des
Weltbegreifens gedacht." (Ernst Cassirer) Spielberg will in seinen Filmen ein
Höchstmaß an Authentizität erreichen. Es gibt vor den Dreharbeiten umfangreiche
und langwierige Materialsammlungen und Recherchen. Dass es naiv erscheint, von
der so genannten "Realität" eine "Überrealität" zu entwerfen, um in ihr das
Wahre der Geschichte zu finden ändert nichts an Spielbergs kühnem Wurf und auch
nichts daran, dass es erzähltechnisch tatsächlich funktioniert. Doch man sollte
sich ernsthaft fragen, ob nach der Vision Spielbergs nicht auch eine gewisse
Notwendigkeit besteht, von Zeit zu Zeit die Zukunft zu ändern, indem die Vergangenheit
neu geschrieben wird?
[MW]