Der Film beginnt:
Ein hellblaues Flackern wandert über die Leinwand, abgewechselt von einem schwarzen
Streifen, schnelle Schnitte, ein Aufblitzen: "War das ein Auto, ein Gesicht,
eine Person?" Nach diesem kurzen ungewohnten Lichtflackern für die Augen ist
der Film zu Ende - ein Kurzfilm. Doch ein Kurzfilm ist mehr als ein kurzer Film.
Ohne große Einleitung steigt er sofort in die Handlung ein, greift einen Moment
heraus und bringt ihn auf den Punkt. Er erzählt eine Geschichte anders, nutzt
ein besonderes Stilmittel und betont eine bestimmte Idee. Kurzfilme sind eine
gute Abwechslung zu langatmigen Spielfilmen, bei denen man manchmal ungeduldig
auf dem Kinositz herumrutscht. So musste es sich also beim Publikum der diesjährigen
46. Kurzfilmtage in Oberhausen vom 4. Bis 9.Mai um recht ungeduldige Menschen
handeln. Doch ganz im Gegenteil, ungeduldig durfte man nicht sein, denn das
Programm war vollgepackt mit unzähligen Filmen und Sonderveranstaltungen. Die
Auswahl der verschiedenen Filmgenres zeigte, dass unter dem Begriff "Kurzfilm"
die Grenzen zwischen Experimental-, Dokumentar- und Animationsfilm merklich
verwischen. So integriert das Festival seit letztem Jahr auch den Preis des
besten deutschen Musikvideos. Die Preisträger in diesem Jahr waren: "Rocko Schamoni
- Der Mond" (R: Svenja Rossa, D 1999) und "Bohren & der Club of Gore - Prowler"
(R: Mark Sikora, D 1999). Aus der Verbindung von Musik, Populärkultur und Film
ging ein weiteres Sonderprogramm hervor: "Pop Unlimited? Die Zukunft der Avantgarde
I". Der Einfluss von Pop in unseren Alltag hinein, reicht von Popeye über Po(p)litiker
und von Popmusik bis hin zu Popcorn. Pop ist überall - in der Werbung, Kunst,
auf der Straße und in der Politik. Der Pop-Programmteil "Seeing the Beat" zeigte
Filme, die unsere Sehaktivität aufs Neue beanspruchen: schnelle,
grelle
Bewegungen, Lichtreflexe und schnell geschnittene Effektbilder, Animationen
und surreale Szenarien. Die digitale Bildbearbeitung hat dabei in den letzten
Jahren immer höheren Stellenwert bekommen, um neuartige Bildmuster zu kreieren.
Auch Werbespots waren ein Teil der Projektionen des Popprogramms, z. B. die
britische Designagentur tomato, die berühmt geworden ist durch ihre außergewöhnliche
Verbindung von bildender Kunst, Musik, Video und Werbung. Das zweite Sonderprogramm:
"Sex, Rock'n'Roll & History" integrierte Videos und Filme aus Osteuropa zwischen
1950 und 2000. In diesen Jahren entwickelte sich in den osteuropäischen Ländern
eine Art "Underground"-Bewegung. Filme, die sich mit Sexualität, Trash, Perversionen
und anderen Überschreitungen beschäftigen, entstanden dabei in großen Mengen.
Das Programm "Body without Skin" thematisierte Sexualität im Zusammenhang mit
Schmerz und Vergnügen, Angst und Lust. Darin war auch Freeing the Voice, ein
Video der in Belgrad geborenen Performance-Künstlerin Marina Abramovic, zu sehen.
In dieser Arbeit hat sie ununterbrochen, bis zum Verlust ihrer Stimme, geschrien.
In ihren zum Teil selbstzerstörerischen Aktionen schockiert sie ihr Publikum,
und die Grenze ihrer Arbeit scheint allein ihr drohender körperlicher Zusammenbruch
zu sein. Die Beschaffung dieser Filme war für die Kuratorin Marina Grzinic jedoch
äußerst schwierig, denn "viele davon verschwanden irgendwo in Schlafzimmern,
unter dem Sofa oder im Kleiderschrank." Da die Künstler mit wenig finanziellem
Aufwand arbeiten, wird der leicht trashige und experimentelle Charakter auch
im Filmmaterial deutlich. Die teils schwer zugänglichen Werke erstrecken sich
von der ehemaligen Sowjetunion bis hin zu den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.
Zum Wettbewerb der Kinderfilme, die auch für Erwachsene nicht minder interessant
sind, wurden Beiträge aus aller Welt eingereicht. Die Stimmung im Kinosaal,
gefüllt mit Schulklassen, war während den Projektionen dem des frühen Kinos
ähnlich: laute Schreie, Kreischen, Zwischenrufe, Klatschen und Pfiffe. Eine
andere und fremde Erfahrung zu dem sonst so stillen erwachsenen Publikum. Auch
die Themen entsprachen den Wünschen der jüngeren Zuschauer. Dabei gab es viele
Variationen von erster Liebe und Pubertätsproblemen, sowohl zum Lachen, als
auch zum Nachdenken. Eine Kinderjury wählte einen Film aus Norwegen zum besten
Film des Kinderkinos. Beim internationalen Wettbewerb wurden aus insgesamt 2600
Beiträgen 68 aus 33 Ländern für die 10 Projektionsblöcke ausgewählt. Stark vertreten
waren Großbritannien, USA und Australien. An dieser Stelle wäre der wohl kürzeste
Kurzfilm des Festivals zu nennen: "Roma 56-55" (R: Werther Germondari, Italien
2000). Der Film zeigt eine Kreuzung mit dem Hinweisschild Rom: 56 km. Darauf
folgt ein kurzer Kameraschwenk zur anderen Seite der Kreuzung, an dem ein weiteres
Hinweisschild aufgestellt wurde Rom: 55 km - ein Schwenk mit der Kamera, der
die Distanz eines Kilometers in einer Minute überwunden hat. Die Jury, die unter
anderem auch aus der Kuratorin der documenta X, Catherine David, sowie der Videokünstlerin
Jennifer Reeder aus Chicago und anderen bestand, kürte Fremde (R: Kathrin Resetarits,
Österreich 1999) zum Gewinner des Großen Preises von Oberhausen. Der Film ist
eine präzise, wunderbar beobachtete Studie einer jungen Frau, deren Leben unterteilt
ist in Alltagstrott und ihrem scheinbar aufregenden Job am Flughafen. Aus dem
deutschen Wettbewerb, zu dem etwa 700 Kurzfilme eingereicht wurden, wurden 28
Produktionen ausgewählt. Die meisten der Filme kamen aus Filmhochschulen und
Filmklassen der Universitäten. Auch der wohl längste Kurzfilm des Festivals
- mit 45 Minuten - war ein deutsche Produktion. Der Film Phoenix Tapes (R: Christoph
Girardet und Matthias Müller, D 1999) ist eine Auftragsarbeit des Museums of
Modern Art Oxford für die Ausstellung "Notorious - Alfred Hitchcock and Contemporary
Art". Im Found Footage-Stil wählten die Künstler Bild- und Tonmaterial aus 40
Hitchcock-Filmen aus. Die neue Montage konzentrierte sich auf eine subjektive
Auswahl von wiederkehrenden Leitmotiven in Hitchcocks Filmen, u. a. Beweismittel
und psychologische Motive, wie Frauen und Mütter. Dabei handelt es sich um eine
Synthese der Stile beider Künstler. Der Titel des Film entstammt dem Handlungsort
Phoenix (Arizona) aus dem Film Psycho. Der Gewinner des deutschen Wettbewerbs
war Sportfrei (R: Anna Klamroth, D 2000, Hochschule für Film und Fernsehen Konrad
Wolf). Ein Film über fünf Berliner Jungs, die jeden Tag ihre freie Zeit in der
Ruine des alten Friesenschwimmstadions in Friedrichshain verbringen. Manchmal
sitzen sie nur da und quatschen, meist aber betreiben sie ihre Art von "Sport".
Sie spielen Hockey mit alten Dosen und Aschenbecherweitwurf von der Tribüne.
Ebenfalls wurde "4 min 3 sec" (R: Carolin Schmitz, D 1999, Kunsthochschule für
Medien in Köln) prämiert, ein Film über das Ziel eines statischen Tauchers,
so lange wie möglich die Luft anzuhalten, wobei die Zeit für die Zuschauer als
unendliche Weile andauern kann. Auch wenn Kurzfilme immer als weniger wichtig
betrachtet werden und sie daher kaum ein breiteres Forum in der Filmlandschaft
finden, sind sie nicht selten die Vorläufer für das, was uns ein paar Jahre
später überall im Kino erwartet. Oberhausen eröffnete solchen "richtungsweisenden"
Produktionen die Möglichkeiten bereits zum 43. Mal.
[GH]