Verbuchung

am Beispiel von Crichtons/Spielbergs "Jurassic Parc"

Filmische Adaptionen literarischer Vorlagen sind fast so alt wie das Kino selbst, das in der Literatur einen unerschöpflichen Drehbuchfundus entdeckte. Den Film jedoch mit seinem jeweiligen gedruckten Vorbild vergleichen zu wollen, ist ein heikles Unterfangen. Dass die ´Adäquanz' zur literarischen Vorlage, die oft genug ins Feld geführt wurde, wenn es darum ging die Qualität eines Filmes zu bewerten, in Kreisen der Filmkritik schon lange kein ernstzunehmendes Kriterium mehr ist, muss kaum noch gesagt werden. Dennoch stößt man nicht selten in Hochglanzfilmmagazinen und diversen Fernsehzeitschriften eben auf jenes Attribut ´adäquat', wenn gesagt werden soll, der Film halte sich besonders erfolgreich an den natürlich ebenso erfolgreichen Roman. Wenn immerhin die ´Adäquanz' ein in absehbarer Zeit hoffentlich aussterbender (Film-)Begriff sein wird, so verhält es sich weniger günstig mit der ´Verfilmung'. Der Zusatz zum Filmtitel, "verfilmt nach dem Roman von ...", ist den Kinogängern schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sich die Diskussion nach dem Kinobesuch nicht selten darum dreht, was denn nun besser sei, Film oder Buch. Kein Wunder, dass der Film bei diesem Vergleich oft schlecht abschneidet. Hat man das Buch zuerst gelesen und dann den Film gesehen, ist man entweder enttäuscht, dass die Bilder nicht dem Vorgestellten entsprechen und/oder man mokiert sich darüber, dass im Film ja alles ganz anders war als im Buch und das Wichtigste sowieso weggelassen wurde. Der Spanier Luis Bu÷uel erkannte in der Buch-Film-Kontroverse vor allem ein Problem der geografischen Abstammung. In einer Kritik von 1927 zu Buster Keatons College schrieb er charakterisierend: "Die Schule Jannings' - die europäische Schule: Sentimentalität, Kunst- und Literaturvorurteile, Tradition usw. Die Schule Keatons - die amerikanische Schule: Vitalität, Photogenie, Mangel an Kultur und junge Tradition." Das was hier durch Bu÷uels Worte so pauschal daherkommt, erscheint tatsächlich plausibel und führt auch endlich zu Steven Spielberg. Von seinen filmischen Vorbildern und Erfahrungen auch mit dem europäischen Kino hat er oft und ausführlich berichtet; man weiß jedoch von Spielberg, dass er die Legendenbildung um seine Biografie kräftig förderte. Und selbst wenn er angibt, die Filme z. B. Ingmar Bermans schon früh gesehen und sehr gemocht zu haben, würde es schwer fallen, irgendeine Spur von Berman-Rezeption in Spielbergs Filmen zu finden. Wenn Spielberg, wie es auch bei Jurassic Park (Jurassic Park, 1990) der Fall war, seine Filme nach einer Romanvorlage entwickelte, dann unterschieden sich diese Filme nicht grundsätzlich von denen, die ´nur' auf einem Drehbuch basierten. Denn Spielberg "verfilmte" (wenn man dieses Wort überhaupt gebrauchen will) in erster Linie den Stoff, der ihn an dem literarischen Werk reizte. Bezeichnend für Spielbergs Auge für das filmische Potential eines Buchstoffes ist seine Wiedergabe eines Gespräches mit Micheal Crichton, das schließlich zu Jurassic Park führte: "Michael Crichton und ich arbeiteten gerade an einem anderen Projekt zusammen [...] und ich fragte ihn, ´Was tust du gerade in der Bücherwelt'? Er sagte, ´Oh ich schreibe gerade etwas über Dinosaurier und DNA'. Meine Augen wurden groß, plötzlich wollte ich mehr hören und ich quetschte ihn aus, bis er mir die ganze Geschichte erzählt hatte. So begann die ganze Sache." Abgesehen davon, dass man solchen erinnerten Dialogen, zumal wenn sie von Spielberg erzählt werden, nicht einfach so trauen kann, ist wohl unzweifelhaft, dass Spielberg nicht zuerst den Roman gelesen hat, sondern tatsächlich von der Idee gefesselt war und in seinem Kopf womöglich sofort Bilder und Kompositionen entwickelte, diesen vielversprechenden Stoff zu bewältigen. Es wäre ihm nie eingefallen, ein Buch einfach zu ´bebildern', um es ´adäquat' umzusetzen. Der Roman, von dem Michael Crichton sprach, hieß "DinoPark" und wurde 1990 zu einem Bestseller. Interessanterweise geht das Buch auf einen nicht realisierten Drehbuchentwurf von Michael Crichton aus dem Jahre 1983 zurück, der ein ähnliches Thema entwickelte wie der Film Westworld (West World, 1973), zu dem Crichton die Buchvorlage schrieb und bei dem er selbst Regie führte. Hier wurde übrigens erstmals in der Filmgeschichte mit digitalisierten Bildern gearbeitet. Michael Crichton, der auch in weiteren Fällen bereits Regie geführt hatte (u. a. in Coma, 1978 und The First Great Train Robbery, 1979), verfasste nun auch das Drehbuch für Jurassic Park; Spielberg zog jedoch später, wie es für ihn typisch ist, noch weitere Drehbuchschreiber hinzu. Es ist spekulativ, inwieweit die literarische Fähigkeit Crichtons, Spannung aus einer Mischung von Science Fiction und Monster-Horror aufzubauen, ihn befähigte ein Drehbuch zu schreiben aus dem ein ebenso spannender Film werden konnte. Es ist wohl eher so, dass ihm seine Erfahrung als Regisseur weit mehr nützte als sein Talent zum Romane-Schreiben; sonst hätte Spielberg ihn für Jurassic Park auch nicht brauchen können. Wie unbekümmert und, glaubt man Bu÷uels Beobachtung, typisch amerikanisch Spielberg und Crichton an das ´Problem' Film-Buch herangingen, zeigt sich schließlich vor allem in der Entstehungsgeschichte des Films The Lost World: Jurassic Park (Vergessene Welt: Jurassic Park, 1997), der als Fortsetzung von Jurassic Park angekündigt wurde. Noch während Michael Crichton an dem Roman "The Lost World" schrieb, begannen schon die Vorbereitungen für den Film; die Rechte hatte man sich vorsorglich gesichert. In gewisser Weise schuf Crichton mit "The Lost World" das Buch zum Film bevor dieser überhaupt gedreht war. Denn die Handlung knüpft nicht an sein Buch "Jurassic Park " von 1990 an, sondern an den Spielberg-Film, was besonders evident daran zu sehen ist, dass der Chaos-Theoretiker Ian Malcolm wieder eine Hauptrolle spielt, obwohl er die Katastrophe im ersten Buch nicht überlebte. Der Fortsetzungsstreifen von Spielberg wiederum hat wenig mit der Handlung im Fortsetzungsbuch gemein, denn anders als in seinem ersten Dinosaurier-Buch, geht Crichton in "The Lost World" stärker auf wissenschaftliche Aspekte ein und lässt einiges an Spannung vermissen, so dass der Roman fast schon in die Sachbuchecke gehört. Spielberg verlegt deshalb den zweiten Teil der Filmhandlung nach San Diego, wo der T-Rex nach Godzilla-Manier Amok läuft. Damit folgt Spielberg wiederum dem Roman "The Lost World" von Sir Arthur Conan Doyle, der bereits 1912 erschien. Komplizierte Verhältnisse, die dadurch noch verwirrender werden, dass schon der Kinoerfolg von Jurassic Park eine gigantische Konsumvermarktung mit sich brachte, die nicht zuletzt zahlreiche Bücher zum Film, Comics, Posterbooks etc. auf den Markt warf. Der Begriff der ´Verbuchung', der für die Buch-zum-Film-Strategie geprägt wurde, scheint zwar ähnlich deplatziert wie die Bezeichnung ´Verfilmung', gewinnt aber angesichts der Penetranz mit der erfolgreiche Filme ´verbucht' werden, eine ironische Bedeutung. Es kam zwar in der Filmgeschichte oft vor, dass weniger erfolgreiche Romane ´verfilmt' wurden, dagegen wird wohl selten ein Buch zu einem völlig erfolglosen Film geschrieben werden. Dem Markt sei Dank?

[NS]