In diesen Tagen war in Berlin nicht nur der Bär los. 49. Berlinale hieß
das große Happening, das Cineasten, Produzenten, Schauspieler, Künstler
und Leute wie mich aus aller Welt an diesen kühlen und wechselhaften Ort
führten.
Für den Nichtberliner stellt das Auffinden der über die ganze Stadt
verteilten Kinos und Vorführungsstätten zumindest ein nicht zu unterschätzendes
logistisches und temporales Problem dar, so dass sich für den Neuling kaum
mehr als drei Filme pro Tag schaffen lassen. Was nun beginnt, ist die Odysse
zwischen Underground und S-Bahn, zwischen nah und fern, zwischen Delphi und
Zoopalast, zwischen Akademie der Künste und Royal Palast, zwischen Atelier
am Zoo und Urania, zwischen Astor und Delphi ...
Das ist am Anfang sicher deprimierend, denn schließlich gehört man
ja zu den Erwählten und Akkreditierten, die mit ihrem ikonografisierten
und geheimnisvoll bedruckten Plastikchip beinahe kostenlosen Zugang zu vielen
Veranstaltungen und zu den illustren Kreisen des Marketings der sehr wichtigen
Leute mit Anschluß an das internationale Mobilfunknetz haben. Nur so einfach
ist das dann auch wieder nicht. Selbst wenn man in den Informationszentren bedeutsam
mit der neuen Plastik-Identität flanieren geht, sich für Verleiher
und Produktionsfirmen interessiert und bei Gelegenheit den unverbindlichen Flirt
mit einer sicher bedeutungsvollen Persönlichkeit der Filmwelt wagt, darf
das nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier jeder wichtig ist, jeder,
bis auf die Leute mit der K-Karte, also Leute wie ich.
Die Imbisse sind übervoll von Individualisten, Künstlern, Selbstdarstellern,
Presse und Vertretern. Die ganze Stadt wird Film. Nur eine Kulisse: Ah, heute
großes Polizeiaufgebot, ein Ausstattungsfilm mit frischem Schnee und rotem
Blut? In den Nachrichten hieß es, es seien hier in der Stadt ganz in der
Nähe ein paar Kurden erschossen wurden. Aber es gibt schließlich
interessantere Programme. Welcher Film war doch gleich als nächstes dran?
Doch außerhalb der Infostände beginnt erst das Eigentliche: Der Kampf
um den Einlass, den nur der Frühaufsteher mit Durchsetzungsvermögen,
Geduld und Spucke bestehen kann.
Mit einigem Geschick schafft man nach der Eingewöhnungsphase seine fünf
Filme am Tag. Allerdings muss man sich zu bescheiden wissen und die Foren des
Mainstream meiden.
Dann funktioniert es nicht nur mit den Karten, sondern es kann auch noch richtig
nett werden. Jenseits der Hauptrouten gibt es noch Regisseure aus Kuba, Japan,
Deutschland, Holland, Schweden oder Ungarn, die sich noch richtig mit dem Publikum
unterhalten, und Schauspieler, die zum Anfassen,Händeschütteln und
Schulterklopfen da sind. Hier herrscht nicht das Diktat der Presse-Protokollführer
und man erlebt zwar keine großen Selbst-Inszenierungen, dafür aber
Menschen aus Fleisch und Blut, die hinter ihren Ideen stehen und offen sind
für allerlei Anregungen.
Man darf gespannt sein, was die Berlinale des nächsten Jahres bieten wird,
soll sie doch noch besser, noch größer und attraktiver werden. Einen
neuen Platz bekommen wird sie auch, denn der alte Zoopalast als Hauptsitz muß
seinen Rang an das futuristisch umgestaltete Niemandsland des Potsdamer Platzes,
das gläserne Herz des neuen Berlins abtreten.
Wenn ich kann, werde ich auf alle Fälle wieder dabei sein, mit unterschiedlichsten
Leuten wichtige und unwichtige Dinge besprechen und ganz eintauchen in die Welt
des Kinos, des wahren, halbwahren oder falschen, in die Welt der Stars und solcher,
die es werden wollen. Denn worauf es ankommt ist nicht nur, die Gewinner gesehen
zu haben, sondern etwas für sich nach Hause mitzunehmen. Eine Anregung
aus einem unverhofften Gespräch vielleicht. Das ist es, wofür es sich
lohnt und wofür ich sicher auch im nächsten Jahr wieder an die Spree
fahren werde.
[MW]