Es ist schon
erstaunlich, was Produzenten alles tun, um Erfolg zu haben. Auf Nummer sicher
geht man mit dem Remake eines bereits erfolgreich gelaufenen Films. Getreu dem
Motto Was beim ersten Mal gut lief, kann beim zweiten Mal nicht schlecht
sein, werden Filme noch einmal aufgewärmt. Kommerziell gesehen, geht
die Rechnung dabei häufig auf. Künstlerisch jedoch bleibt das Original
meist uner reicht. Im letzten Jahr brachen die Hollywood-Bosse eines der letzten
Tabus: Sie vergingen sich an Alfred Hitchcocks Werken.
Der Regisseur kann froh sein, dass er schon seit 19 Jahren im Reich der Toten
weilt. Denn gleich drei seiner Filme wurden wiederbelebt: NBC-Network drehte
eine Neufassung von Das Fenster zum Hof mit dem querschnittsgelähmten Christopher
Reeve in der Hauptrolle, Andrew Davis versuchte sich an Bei Anruf Mord und Gus
Van Sant ließ Norman Bates noch einmal in Psycho morden. Während
die beiden erstgenannten Werke zeitgemäß aufgepeppte
Versionen der Originale waren, lieferte Gus Van Sant eine 1:1 Kopie von Psycho
ab. Ein interessanter Versuch, der leider nur scheitern konnte, denn den Zeitgeist
von 1960 (Entstehungsjahr von Hitchcocks Fassung) kann man leider nicht kopieren.
In Psycho sterben zwei Menschen. Das ist heute leider zu wenig für ein
Quentin-Tarantino-verwöhntes Publikum.
Hitchcocks Film lebte seinerzeit auch vom Überraschungsmoment. Damals wusste
niemand etwas über den Inhalt des Films. Für die Zuschauer war es
ein Schock, als die Hauptfigur Marion Crane in der Mitte des Films einfach ermordet
wurde. Bis dahin musste sich der Zuschauer mit ihr identifizieren. Heute kennen
die meisten die Geschichte von Psycho, und die es nicht tun, verlassen verwundert
den Kinosaal.
Denn schaut man sich die Neufassung an, hat man ständig das Gefühl,
in einem 1960 gedrehten Film zu sitzen. Die einzelnen Einstellungen sind genauso
lang gehalten wie damals, es gibt keine schnellen Schnitte (von den beiden Mord-Sequenzen
einmal abgesehen). Der Versicherungsdetektiv Arbogast trägt einen Cowboy-Hut,
was heutzutage ungewöhnlich wirkt. Auch die Schauplätze deuten nicht
unbedingt auf das Jahr 1998 (das eingeblendete Datum am Beginn des Films verrät
uns, daß er wirklich in der Gegenwart spielen soll). Die bedrohlich aussehende
alte Villa, in der Normans Mutter lebt und das Bates-Motel gab es auch schon
1960. Die Darsteller sprechen natürlich auch mit den damals verwendeten
Redewendungen: Das Originaldrehbuch von Joseph Stefano diente wieder als Vorlage.
Gus Van Sant hat wohl gemerkt,
dass sein Film etwas zu altmodisch wirken könnte und ihn daher mit kleinen
zeitgemäßen Neuerungen versehen. Und hier liegen eindeutig die größten
Schwächen des Streifens. Der Regisseur hätte der altmodischen Struktur
konsequent folgen sollen. So hat der Zuschauer das Gefühl plötzlich
in eine andere Zeit (die Gegenwart) zurückgeholt zu werden. Lila Cranes
Auftreten mit einem Walkman wirkt, als ob John Wayne mit einem Handy telefoniert.
Hier weitere Änderungen:
1. Die Neufassung wurde in Farbe gedreht. Hitchcock setzte sein Werk nicht nur
aus ökonomischen Gründen Schwarz-Weiß in Szene. Bestimmte Schockelemente
sollten so besser hervorgehoben werden (schwarzes Blut sieht bedrohlicher aus
als gewöhnlich rotes).
2. In den beiden Mord-Szenen (an Arbogast und Marion Crane) sind für Sekundenbruchteile
Bilder von Kühen und umherziehenden Wolken zu sehen (ist vielleicht zeitgemäß
aber unnötig, da kein inhaltlicher Zusammenhang besteht).
3. Norman Bates masturbiert, während er Marion heimlich beobachtet. Wegen
der Zensur durfte Hitchcock 1960 eine solche Szene nicht zeigen. Und er hätte
es sowieso nicht getan, da es seine ursprüngliche Absicht verletzt hätte.
Hitchcock wollte den Zuschauer manipulieren und zum Voyeur machen. Dazu musste
dieser sich mit Norman Bates identifizieren. In der Neufassung distanziert der
Zuschauer sich von Norman, da sein Masturbieren abstößt.
4. Als Lila die Mumie der Mutter entdeckt, sieht man im Hintergrund umherkreischende
Vögel, wohl eine Anspielung auf Hitchcocks Die Vögel. Dem Zuschauer,
der Hitchcocks Psycho kennt, stellt sich ein weiteres Problem: Er sieht im neuen
Film zwar Vince Vaughn (als Norman Bates) und Anne Heche (als Marion Crane),
denkt aber nach dem Sehen, wenn er die Handlung imaginär noch einmal ablaufen
lässt, an die Originaldarsteller Anthony Perkins und Janet Leigh. Van Sants
Psycho entwickelt keine Eigenständigkeit. Er bleibt das, was er ist: eine
überflüssige Kopie.
Derneue Psycho hat sein Geld trotzdem eingespielt. Anlass genug,
ein weiteres Hitchcock-Remake zu drehen, diesmal Über den Dächern
von Nizza mit Harrison Ford und Sandra Bullock.
[RH]