Martin
Scorsese ist zweifellos einer der talentiertesten Filmemacher unserer Zeit.
Seiner Arbeit verdanken wir so unterschiedliche Filme wie Woodstock (1970),
Alice Doesn't Live Here Anymore (1974), Taxi Driver (1976), Raging Bull (1980),
The Color of Money (1986), The Last Temptation of Christ (1988), Good Fellas
(1990), Cape Fear (1991), Casino (1996) und Kundun (1997).
Scorsese wurde am 17. November 1942 in Klein Italien, einem italienisch dominierten
Stadtteil in New York geboren und wuchs dort auf. Zunächst glaubte er für
das Priesteramt bestimmt zu sein und studierte an der Cathedral College ein
Jahr Theologie. Doch bald schon trat er dort wieder aus und besuchte die renommierte
Filmschule der New Yorker Universität, an der er seinen Magister machte.
Es wird behauptet, dass viele seiner Filme ein Reflex auf seine italienisch,
katholisch und amerikanisch bestimmte Abstammung sind. Und tatsächlich
finden wir in seinen Werken viele biblische Motive wieder und eigenwillige philosophische
und zeit- wie unzeitgemäße Aktualisierungen und Deutungen, die ein
tiefes Verständnis der alten Texte im Kontrast zu neueren philosophischen
Gegenströmungen verraten.
So hat er in Cape Fear (Dt.: Kap der Angst) eine Art Übermenschen (nach
Nietzsche) konzipiert, der von Robert De Niro überzeugend gespielt, recht
gewissenlos, körperlich robust, geistig fit und etwas verrückt an
einem Anwalt und seiner Familie Rache nimmt, nachdem er eine lange Haftstrafe
zu Unrecht verbüßen musste und alles verloren hatte.
Er vergleicht sich und sein Opfer mit Hiob, dem Mann aus der Bibel, dem ein
ganzes Buch gewidmet ist, und der von Gott auf die Glaubensprobe gestellt wird.
Hiob verliert alles: Frauen, Kinder, Besitz, Job, Freunde, Gesundheit. Und Hiob
wird zur Chiffre des menschlichen Daseins, das geprägt ist von Sorge um
den unausweichlichen Verlust von allem, was uns wichtig ist. Das impliziert
selbst die Möglichkeit des Glaubensverlustes. Gottes Tod feiert Nietzsche
zum Beispiel ausgiebig in dem Buch "Also sprach Zarathustra" (1883-1885).
Der Film jedoch bleibt offen für verschiedene Lesarten. Zum Schluss stirbt
der selbst ernannte Racheengel in einem (sintflutartigen) Fluss und es wird
gesagt, dass keiner mehr davon gesprochen hat seit damals. Das heißt,
der Übermensch, der an Gottes Stelle treten wollte, ist seinerseits gestorben,
nicht aber die Sorge und der Zweifel. Denn wir alle wissen, was den guten Horror
ausmacht: dass er nicht enden wird. Die Fortsetzung im nächsten Teil oder
auch nur in unserem Kopf bleibt die unausweichliche Konsequenz. Alles andere
ist Verdrängung. So gesehen bleibt das Monstrum immer am Leben, ganz egal
was geschieht.
Um den Film The Last Temptation of Christ (dt.: Die letzte Versuchung Christi)
hat es seiner Zeit viel Wirbel gegeben und sicher nicht nur, weil Christus
äußerst menschliche, selbstzweiflerische, inkonsequente und schwache
Seite stark herausgestellt wird. Oder, weil Judas als sein treuester Gefährte
geschildert wird, der als einziger die Kraft aufbringt, ihn zu verraten, damit
die Welt gerettet werden kann. In diesen Deutungen kann, glaube ich, jeder moderne
Theologe mitgehen. Schwieriger wird es dort, wo Jesus von Paulus selbst erklärt
wird, dass er als historische Person mit dem Jesus, der auf den Plätzen
gepredigt wird, nichts mehr zu tun hat. Natürlich wird auch in der Theologie
zwischen historischem Jesus und seiner Begriffsperson unterschieden. Aber zu
sagen, es wäre egal, ob es ihn je gegeben hätte, würde das Fundament
seines Mythos zerstören.
Es ist schwierig zu sagen, was die Filme Scorseses so einzigartig macht. Zum
einen sind es natürlich die Stoffe, die er in unserer abendländischen
Kultur vom Staub der Jahrtausende befreit, ihnen neues Leben einhaucht und neuen
Glanz verleiht. Andererseits arbeitet er mit Symboliken, die er vielschichtig
und subtil einzusetzen weiß. Zum Beispiel lässt er den Teufel in
The Last Temptation of Christ als kleines, blondes, überaus aufgewecktes
und intelligentes kleines Mädchen auftreten. Was für eine Idee: Das
Böse, das wirklich Böse, ist selbst unschuldig, das unschuldigste,
was sich denken lässt und ein wahrer Engel. (Satan ist ja auch ein gefallener
Engel.)
Handwerklich versteht Scorsese diese Stoffe meisterlich umzusetzen. Er dreht
nicht einfach Filme, er entwirft Szenarien, einen eigenen Kosmos, in den der
Zuschauer eintaucht. Über die Jahre hat er mit einer Reihe der besten Drehbuchautoren,
Kameraleuten und Schauspielern zusammengearbeitet.
Das eigentlich geniale Scorseses ist allerdings der Umstand, dass seine Filme
und seine Bilder fesseln, ob man die tiefgründige Symbolik, die Deutungsmuster
und Anspielungen nun versteht oder nicht. Jeder wird Taxi Driver einfach verstehen,
weil die Figuren, so abgefahren sie sind, dem Zuschauer immer gute Identifikationsmöglichkeiten
bieten und so auch das Eigentliche, der rein emotionale Zugang zum Geschehen
gewährleistet ist.
[MW]