Bin ich witzig! Eine Glosse.

Die deutsche Komödie der neunziger Jahre erfreut sich größter und dauerhaftester Beliebtheit bei ihrem Publikum - und das zu Recht! Wer amüsiert sich nicht gern (auch zum wiederholten Male) über Til Schweiger als hypnotisiertem Gockel, der starr und nackt auf dem Tisch hockt oder über den ekstatischen Ritt des Metzgers in der Badewanne (Der Bewegte Mann), über den selbstverliebten 'Traumtypen', der nicht die Frau sondern den Spiegel vögelt oder über die vermeintliche Joggerin, deren Kondition kaum wenige Meter Körperertüchtigung erträgt (Abgeschminkt), über die simulierten sexuellen Höhenflüge zweier (noch) gar nicht kopulierender Teenager, die ihre Schulkumpel überlisten oder den Aufreißertyp, der sich mit Hilfe eines Babys eine Frau angeln will und dabei unwissend ausgerechnet an dessen Mutter gerät (Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungs-zeit), über das Kalorienzählen einer Frau beim Oralverkehr mit ihrem beleibten Ehemann (Bin ich schön?), über all diese Gags, die uns über uns selbst lachen machen, weil sie so 'aus dem Leben gegriffen' sind? Wer hat schon Lust, sich nach einem anstrengenden Tag auch noch ernsthaft mit den Problemen anderer Leute auf dem Bildschirm oder der Kinoleinwand ausein-ander-zusetzen, wo es doch viel angenehmer ist, über all jene Probleme fremder, erdachter Figuren zu lachen und sich selbst an diesen schadlos zu halten? Gerade ihre Fehler und Eigenheiten machen die einschlägigen Darsteller und Darstellerinnen der deutschen Komödie des letzten Jahrzehnts so liebenswert und ihre Charaktere so glaubhaft. Die Komödie an sich hat als Genre schwierigste formale wie inhaltliche Strukturen miteinander in Einklang zu bringen und soll dabei auch noch unterhalten, gerade das macht die Gestaltung und Gesamtkomposition der Filme der 'komischen' Gattung so anspruchsvoll. Die Komödie, die so 'leichtfüßig' und unterhaltsam, so pointiert daherkommt, die es schafft, den Zuschauer tatsächlich zum Lachen zu bringen, leistet - quasi 'hinter den Kulissen' - Schwerstarbeit. Denn: Gute Gags sind selten. Die deutsche Komödie hat sich dabei einem hehren Ziel unterstellt: der Analyse zwischenmenschlicher, meist verschiedengeschlechtlicher Beziehungen. Und damit hat sie sich wahrlich keine leichte Aufgabe gestellt, denn was ist vielfältiger und komplizierter (aber auch filmreifer!) als eben zwischenmenschliche Bindungen? Da kann doch jeder ein Lied von singen, der schon einmal in einer komplizierten Beziehung gesteckt hat. Am kompliziertesten sind sie sogar gerade dann, wenn sie so überdurchschnittlich normal erscheinen wie uns Irren ist männlich treffsicher und urkomisch vorgeführt hat. Also: Vor den Tücken und der List, den Heimlichkeiten, den Seitensprüngen sind vor allem all jene nicht gefeiht, die sich auf der sicheren Seite wiegen. Auch das hat uns die Komödie gelehrt: Seitensprünge weiblicherseits sind nicht moralisch verwerflich und dienen in diesem speziellen Fall auch noch einer guten, 'göttlich' gesegneten Sache (Irren ist männlich). Seitensprünge männlicherseits bedürfen generell keiner weiteren Erläuterung, ihr Ursprung liegt in der Natur des Mannes und wer kann schon etwas für seine Natur? Uwe Ochsenknecht reflektiert mit Enthusiasmus über dieses (nicht nur in der deutschen Komödie) weit verbreitete männliche Phänomen in Auch Männer brauchen Liebe, so dass auch seine Geliebte (!) zu der Einsicht gelangt, Männer müssten nun einmal ihre Gene an möglichst viele Damen dieser Welt weitergeben. 'Streuung' heißt die oberste Devise, nur durch sie ist das Überleben der Besten gesichert (auch der besten Komödie).

Hoch anrechnen muss man der deutschen Komödie der neunziger Jahre neben ihrem Unterhaltungswert und ihrer Vermittlungsfunktion zum friedlichen Miteinander der (kämpfenden) Geschlechter, ihrer Übermittlung von gesunden, lockeren Lebens-ein-stellungen auf jeden Fall auch ihren hochinnovativen Umgang mit ihren weiblichen Charakteren. Das Frauenbild, das die Komödie uns heute präsentiert, ist nicht mehr das hausbackene, vom Mann abhängige und diesem vollständig unter-geordnete. Die Frau in der Komödie von Doris Dörrie oder Sönke Wortmann, um nur zwei Repräsentanten jeden Geschlechts zu nennen, ist selbstbewusst, ihr Lebensglück ist keinesfalls mehr vom Mann abhängig (Abgeschminkt; Keiner liebt mich), der Mann stellt nun nicht mehr den Mittelpunkt ihres Lebens dar, er ist höchstens schmückendes Beiwerk (Keiner liebt mich; Bin ich schön?). Sie findet Erfüllung nun in ihrem Beruf (Ein Mann für jede Tonart; Die Apothekerin), ist künstlerisch begabt und kulturell kreativ (Abgeschminkt; Das Superweib) und verwirklicht sich in ihrem Kinderwunsch (Irren ist männlich; Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit) oder pflegt ihre weiblichen Freundschaften. Die 'neue' Frau führt ein erfülltes Leben auch ohne Mann, Beziehungen bereichern ihr Leben und erschweren es ihr nicht mehr. Die Geliebte des eigenen Ehemannes wird freundschaftlich in die Familie aufgenommen, man 'verschwistert' sich sogar (Schtonk), um dem Mann ob seiner (vermeint-lichen) Dominanz und Potenz nicht zu behelligen (Irren ist männlich), also um des lieben Friedens Willen - in Freundschaft lebt es sich allemal glücklicher und unbeschwerter, als in Feindschaft. Auch die Einstellung der Frau zu ihrem Körper, ihrer Weiblichkeit hat sich verändert: Sie versucht nicht mehr mit aller Macht, einem männlich diktierten Schönheitsideal nachzueifern und ihr Lebensglück von der schlanken Taille abhängig zu machen, sie gibt sich wie sie ist, zeigt sich unverkrampft und natürlich (Bin ich schön?). Die neue Frau nimmt ihr Leben selbst in die Hand, macht Karriere, bietet dem Mann die Stirn, braucht ihn nicht zum Glücklichsein; sie wendet sich von ihm ab, um sich neuen Aufgaben und Herausforderungen in ihrem Leben zu stellen: Bis zum Abspann des Films.

[mmh]