Massenmedien
als 'vierte Gewalt' zu den Eckpfeilern der Demokratie zu rechnen ist längst
gängige Praxis und bedarf kaum noch einer eingehenderen Erläuterung. Das heutige
komplexe Mediensystem, das in Printmedien, Hörfunk und Fernsehen wie auch in
Büchern, Filmen und natürlich dem Internet verwirklicht ist, fördert dabei ein
gravierendes Problem zutage: Es simuliert die Nichtexistenz unzähliger Problemkreise,
indem es sie nicht thematisiert. Die Informations- und Aufklärungsarbeit der
modernen Massenmedien ist dergestalt eine äußerst selektierte: Was nicht Gegenstand
der Medien ist, findet in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit kaum oder keine
Beachtung (es 'existiert' daher quasi gar nicht). Heidrun Baumann versammelt
in ihrem Buch Beiträge weiblicher Autoren, die sich mit diesem Machtfaktor der
differenten Medien in disziplinär unterschiedlichster Art auseinandersetzen.
Beleuchtet werden soll, welches Bild es ist, das die unterschiedlichsten 'alten'
wie 'neuen' Medien von 'Frau' konstruieren, transportieren und repräsentieren.
Das in den Medien dargestellte Frauen-Bild ist dabei vielfach abhängig von der
Sichtweise einer die Massenmedien dominierenden männlichen Elite. Daher deutet
das Medienbild der Frau auf reale gesellschaftliche Macht-verhältnisse zwischen
den Geschlechtern hin. Dargelegt wird aus der Perspektive der jeweiligen Autorin
»inwieweit sich 'Frau' [nun] in den Medien einbringen kann, sowohl als Macherin,
als verantwortlich Handelnde und Gestaltende in der Medienproduktion, wie auch
als diejenige, die mit dem 'anderen Blick', die 'Frau' aus der Innensicht präsentiert,
hängt wiederum davon ab, wieviel Gestaltungsspielraum und Einfluß 'Mann' ihr
zugesteht oder sie sich erkämpft hat.« Einen Überblick über die diversen Konstruktionen
der Geschlechter, das 'Frauen-Bild' in den unterschiedlichen Medien, bieten
insgesamt elf Beiträge. Wie subtil Frauen in der patriarchalisch orientierten
Gesellschaft Deutschlands auf ihren Platz vor der Kamera verwiesen werden, wie
Frauen niemals als gleichwertig, sondern stets durch den 'männlichen Blick'
wahrgenommen werden, analysiert die Filmwissenschaftlerin Renate Möhrmann für
das Medium Film. Sie zeigt auf, wie sich innerhalb der Filmindustrie ein Wandel
vollzog, als der Film sich als Massenkommunikationsmittel öffentlich etablierte:
Frauen standen fortan nun nicht mehr - wie bis dahin bereits praktiziert - hinter
der Kamera; sie wurden wieder zum dargestellten (Kunst)Objekt. Das Modernitätsprinzip
trennte auch im filmischen Forum in männlich-rational und weiblich-irrational;
weibliche Filmarbeit und feministische Orientierung ist innerhalb der filmischen
Neuorientierung nicht auszumachen: Der deutsche
Autorenfilm
ist definitiv männlichen Geschlechts, nicht eine einzige Frau unterschreibt
das Oberhausener Manifest 1962, wodurch diese Avantgarde in der Konsequenz um
ihr feministisches Potenzial beschnitten bleibt. Alle Entwicklungstendenzen
weiblicher Urheber, die neben dem solcherart schon männlich okkupierten Avantgardekonzept
entstanden, wurden ungerechtfertigterweise diesem untergeordnet, galten als
nicht originär oder gar als lediglich aus ihm abgeleitet: Der Mann als Schöpfer,
die Frau als seine reproduzierende Schülerin und untergeordnete Gehilfin. Dabei
waren die deutschen Filmemacherinnen in ihrer Absage an Hollywood sogar erheblich
rigoroser, als ihre männlichen Kollegen: Das Autorenkonzept unterschied die
weibliche Fraktion nicht von ihrem männlichen Gegenüber - der einzige Unterschied
lag in ihrer feministischen Orientierung begründet. Wie sich die weibliche Seite
des Autorenfilms gegen anachronistisch klischeebehaftete Tendenzen, die unter
anderem sogar auch in dem neuen deutschen 'männlichen' Autorenfilm auszumachen
sind (als Beispiel dient Gelegenheitsarbeit einer Sklavin (1974) von dem Wortführer
des neuen deutschen Films, Alexander Kluge), zur Wehr gesetzt hat, wie sich
die Zeitschrift Frauen und Film als Plattform für feministische Auseinandersetzungen
etablierte, wie es zu einem 'Blickwechsel' geschlechter-spezifischer Wahrnehmungsdivergenzen
kam, erläutert Renate Möhrmann in einzelnen Kapiteln ihres Beitrags. Sie bilanziert
eine Entwicklung, die mehr als überrascht und nachdenklich stimmt, versucht
man etwa, weibliche Solidarität auf den Plan zu rufen: Mit dem Wechsel des Herausgeberinnen-Kollektivs
von Frauen und Film zeichnete sich 1983 eine deutliche Kehrtwende in mehrfacher
Hinsicht ab - das feministische Engagement der Anfänge wird nun von Mitstreiterinnen
aus den (nun nur noch vermeintlich) eigenen Reihen als überholtes Modell diskreditiert.
Diese Kehrtwende innerhalb der feministischen Filmtheorie, die die Theorie ins
Zentrum jeglicher Analyse rückt, führt ihrer Meinung nach dazu, dass besonders
engagierte Meinungen von Frauen kein Gehör mehr finden bzw. zu Unrecht und mit
falschen Kategorien kritisiert werden. Die feministische Disziplin hat sich
ihr eigenes Dilemma erschaffen: Die feministische Theoriefeindlichkeit der ersten
'bewegenden' und 'bewegten' Zeit muss nun an zwei Fronten kämpfen - um den Status
einer anerkannten wissenschaftlichen Disziplin zu erlangen und zu behaupten
muss sie notwendig 'akademisiert' werden - das fordern nun seit den achtziger
Jahren neben vielen männlichen Wissenschaftlern auch vehement weibliche Akademiker.
Die gelebten Erfahrungen von Frauen fallen einer zunehmend geforderten und (umstrittenen)
erforderlichen Akademisierung zum Opfer. Christina von Brauns Beitrag untersucht
den Einfluss der neuen Medien auf die 'natürliche Ordnung der Geschlechter'
und beobachtet dabei einen dezidierten Wandel der Wahrnehmungs- und Erinnerungsfähigkeit,
der mit Film, Fotografie und den elektronischen Medien einhergeht. Ulrike Leutheusser,
Leiterin des Programmbereichs Wissenschaft und Bildung des Bayerischen Rundfunks
zieht Bilanz für den 'Kampf der Geschlechter' anhand der Repräsentation von
Frauen im Fernsehen von Dagmar Berghoff über Sabine Christiansen bis zu 'weiblichen
Schimanskis' wie 'Rosa Roth' oder 'Bella Block'. Seit 1971 im ZDF das erste
Mal eine Frau die Nachrichten las, hat sich vieles geändert für die Frauen,
die »im Fernsehen ihren Mann stehen« und dennoch ist in Karrierefragen ein deutlicher
Trend auszumachen: Frauen in Spitzenpositionen in öffentlich-rechtlichen Funk-
und Fersehanstalten sind noch immer die Ausnahme. Der erfreulichen Entwicklung,
den nennens- und lobenswerten Errungenschaften der wahrnehmbaren 'Frauenpower'
stellt Ulrike Leutheusser kritische Fragen der gelebten Chancenungleichheit
gegenüber und diskutiert in einem Anhang über die Frage »Frauen in den Medien
- blond und dumm?« mit verschiedenen Personen der Fernsehbranche mit verblüffendsten
Ergebnissen aus Frauenmund. Maria Kala&ccdil; ermöglicht den Einblick in ihre Arbeit
als Gleichstellungsbeauftragte beim Bayerischen Rundfunk, betont die zu verzeichnenden
Teilerfolge der Frauen und weist in eine Zukunft, die den Geschlechterfragen
noch viele Aufgaben stellt - notwendig sei dabei vor allem auch, dass Männer
die Chance zur Befreiung aus dem Zwang ihrer eigenen gesellschaftlich zugeschriebenen
Rolle, die der Befreiungskampf der Frau aus ihren gewohnten Abhängigkeiten enthält,
überhaupt erkennen und anzunehmen gewillt sind. Die soziale und rechtliche Frage
der Frau steht auch im Mittelpunkt des Beitrags von Ana Feiner-Zalac. Sie analysiert
die schwierigen, das weibliche Talent einschränkenden Lebens- und Arbeits-bedingungen
ausgewählter Künstlerinnen von der Renaissance bis heute. Die universalen Leistungen
von Frauen, die schöpferische weibliche Kraft findet keinen Eingang in Lexika,
ihre Werke werden nicht als Jahrhundertereignisse propagiert und gefeiert wie
etwa das 'Schöpfertum' männlicher Künstler, sie werden innerhalb der Kunstgeschichte
verschwiegen, diskriminiert und zu 'Gehilfinnen' degradiert, die zu eigenen
Leistungen unfähig seien - weil sie Frauen sind. Im Ergebnis hat dieser Umstand
dazu geführt, dass die Frau sich ihren eigenen Ort in der Kunst gesucht hat,
»der ihr gebührt und an dem sie sich erfahren kann«. Der Sammelband enthält
weitere, aufschlussreiche, kritische und nachdenklich stimmende Beiträge zum
Bild der Frau in den Medien von Christa Bürger, Valentine Rothe, Irene Dölling,
Sabine Reeh, Ina Wagner und Ingrid Martin. Die 'vierte Gewalt' ist (wie dargelegt)
überwiegend männlicher Natur, die Vielfalt der Medien wird um ihr weibliches
Potenzial gebracht Ü von Männern, durch ihre (mediale) Nicht-Präsenz aber auch
von Frauen. Lesen lohnt sich!
[mmh]