
Als 1964
das Oberhausener Manifest unterzeichnet wurde, war das Bestreben der jungen
Filmemacher, Papas Kino für tot zu erklären, und eine neue Epoche
einzuleiten. Doch was war Papas Kino eigentlich? Nur wenig ist bekannt über
den deutschen Film der 40er und 50er Jahre, zu wenig Analysen und Aufsätze
entstanden über damalige Werke, die beim Publikum äußerst erfolgreich
liefen. Besonders ein Genre erlebte für etwa 13 Jahre (von 1947 bis 1960)
eine Blütezeit: der deutsche Heimatfilm. Verbunden wird er mit Begrifflichkeiten
wie "Flucht vor der Wirklichkeit", "sentimentale Schnulze"
und "Trivialfilm". Um den aus heutiger Sicht vielleicht unverständlichen
Erfolg erklären zu können, muss auch der historische Kontext der Nachkriegszeit
beachtet werden. In diesen Jahren setzte sich der zeitgenössische internationale
Film meist mit dem 2. Weltkrieg auseinander, in welchem die Deutschen als unbarmherzige
Nazis dargestellt wurden. Um eine Konfrontation des Kinozuschauers mit der eigenen
Vergangenheit zu verhindern, sorgten die Verleiher dafür, dass viele amerikanische
Werke, die implizit politische Themen enthielten, gar nicht erst auf deutschen
Leinwänden liefen bzw. falsch synchronisiert wurden (berühmtestes
Beispiel: Casablanca). Filmproduzenten setzten auf einheimische Produktionen
und erkannten recht schnell das Potential des Heimatfilms, der schon seit den
20er Jahren in der Kinolandschaft vertreten war (besonders der Schauspieler
Luis Trenker brachte es in dieser Zeit zu beachtlichem Ansehen). Um sich mit
diesem Genre näher zu beschäftigen, muss der Heimatbegriff beachtet
werden, der in der deutschen Geschichte keine unwesentliche Rolle spielte. "Heimat"
ist tief im Unbewussten verwurzelt und hat nur wenig mit reinem Verstandesdenken
zu tun. Es ist daher sinnvoll, eher von "Heimatbewusstsein" zu sprechen.
Letztgenanntes gilt als Gefühl einer festen Verbundenheit innerhalb einer
Gruppe, das auf ähnliche Auffassungen und Wertungen über den Ort der
Kindheit und Jugend beruht. Entscheidend ist dabei auch das individuelle Erleben
des einzelnen, und insofern wird Heimat nicht ausschließlich über
das Milieu definiert. Der Heimatfilm führt mit seiner Emotionalisierung
des Milieus zu einer Realitätsentfernung. Kennzeichnend ist in den Filmen
die heile Welt, die nur durch Wilderer bzw. tragische Verwicklungen in der Liebe
kurzzeitig gestört wird. Siegfried Kracauer bemerkt dazu kritisch: "Sämtliche
Fabeln der Durchschnittsproduktion sind bewusste oder unbewusste Umgehungsmanöver.
Teils entfernen sie sich einfach von unserer Wirklichkeit in gleichgültige
Welten, teil richten sie im Interesse der stabilisierten Gesellschaft Ideologien
auf... Die Filmproduktion hat sich so stabilisiert wie das Publikum. Ihre Erzeugnisse
weisen typische, immer wiederkehrende Motive und Tendenzen auf ... In allen
Typen ... wird unsere gesellschaftliche Wirklichkeit auf bald idiotische , bald
verruchte Weise verflüchtigt, beschönigt, entstellt." Was Kracauer
bemängelt, die Beschönigung der Realität, ist eines der Erfolgsgeheimnisse
des Heimatfilms. Dabei ähneln sich die Filme untereinander in ihrer inneren
und äußeren Struktur, und es ist
verwunderlich,
wie lange die Epoche andauerte, ohne dass die Geschichten, Regisseure und Darsteller
verändert wurden. Der Regisseur Hans Deppe war in diesem Genre so erfolgreich,
dass er seine eigene Produktionsfirma gründete. Sein Wenn der weiße
Flieder wieder blüht (D 1953) stellte das Debüt für zwei später
sehr erfolgreiche Schauspieler dar: Romy Schneider und Götz George. In
diesem Film wird ein weiteres Kriterium des Heimatfilms offensichtlich: die
Rolle der Natur. Sie wird dabei häufig über Gegensätze konstituiert,
meist der Großstadt. Als sehr populärer Handlungsstrang galt beispielsweise
die Geschichte vom jungen Mann, der eigentlich das städtische Leben gewöhnt
ist, und durch das Schicksal ( Erbe eines Landstückes, Autopanne, Besuch
bei der kranken Großmutter) in eine ländliche Gegend gelangt. Auch
die Bedrohung der Natur geht häufig von Personen aus, die nicht auf dem
Land wohnen und daher den Wert nicht zu schätzen wissen. Oft soll ein Bauprojekt
die Idylle zerstören. Ein Happy End ist unausweichlich, entweder wird der
Eindringling bekehrt oder er gibt sich geschlagen und zieht sich zurück.
Um die Wichtigkeit der Landschaft hervorzuheben, müssen sich die Filmcharaktere
ihr teilweise unterordnen. Großaufnahmen von Flora und Fauna sind dann
minutenlang im Bild zu sehen. So geriet Der Förster vom Silberwald (D 1954)
eher zum dokumentarischen Naturfilm, in welchem die Liebesgeschichte als sekundäres
Element aufgenommen wurde. Die ersten Aufführungen fanden dementsprechend
auf der Jagdausstellung 1954 in Düsseldorf statt. Mit diesem Film entstand
einer der erfolgreichsten Heimatfilme überhaupt, das Genre hatte zu dieser
Zeit seinen Höhepunkt erreicht. Ein paar Jahre später war die bewährte
Erfolgsformel ausgereizt. Nach Hans Deppes Wenn die Heide blüht (D 1960),
setzte sich der deutsche Film auch nach langer Zeit wieder mit der Realität
auseinander.
[RH]