Den miserablen
Schreiberling erkennt man meist sofort an der Intro-Masche, der Geheimnistuerei
und dem stoischen Schweigen, dass die Leere seiner Gedanken mit stiller Größe
und edler Einfalt umwabert.æ Entgegen aller Vorurteile spielt für den wirklich
schlechten Drehbuchautor sein Alter, sein gesellschaftlicher Status, die politische
und sexuelle Gesinnung keine nennenswerte Rolle.
Wichtig für ihn ist wie in jedem Job das Handwerkszeug. Was für ihn
zählt ist Originalität, denn ein origineller "Script-Steller" hat
nichts weiter zu tun, als den ganzen Tag lang das Fahrrad neu zu erfinden und,
wenn das nicht reichen sollte, doch wenigstens ein interessantes Label dazu.ææ
Kreativität hingegen kommt von "creare", heißt "auswählen" oder
"erwählen" und beinhaltet tatsächlich den recht ungewöhnlichen
philosophisch- ontologischen Standpunkt, dass die Welt und auch irgend etwas
in ihr bereits existiert.
Mit dieser unmöglichen und rein spekulativen Annahme muss dann natürlich
"wohl oder übel" auf bekannte Erzählmuster zurückgegriffen werden.
Variatio delectat eben ...
Solche Vorgehensweise kann der miese Schreiber getrost verachten, denn das grenzt
doch schon fast an Selbstgefälligkeits-Blasphemie und Schreib-Darwinismus.
Vielleicht noch schlimmer: "Machen das nicht nur DJÇs oder gemeine Handwerker?"æ
Der "künstlerlich" inspirierte (oder insipide?), eben der geniale Landsmann
sagt: "Zufrieden jauchzet Groß und Klein. Hier bin ich Gott, hier
darf ich sein." Und bemüht gleich die Keule deutscher Klassik zum echt
germanischen Hieb mit pseudo-hellenistischem Drall in die Tiefsinngegend.
In unseren "teutschen" Landen winden sich nun zwei zähe Hauptströmungen
durch das heimatliche Filmgemüt. Beinahe dichotomisch zerfallen sie in
Komödie und Dokumentation.ææ
Zum dokumentarischen Ansatz lassen sich der so genannte Autorenfilm, genau wie
Kriminalfilme und andere "Low Budget"- Aktivitäten zählen.
Deren peinlichste Auswüchse sammeln sich in den trüben Gewässern
verschiedener Tatorte und haben in Kommissar Rex, wo ein (deutscher!) Schäferhund
die Hauptrolle spielt, einen vorläufigen Tiefpunkt genau dort erreicht,
wo wilhelminischer Überlegenheitsdünkel und kindliche Ordnungshörigkeit
durch plötzliche Fällungsreaktionen zu ungewollt parodistischem Schundæ
ausflocken. (Alte Deutschlehrer und Germanistik- Studenten würden das wohl
als Katachese bezeichnen.) Wirklichen Kultstatus konnte dieses Gewichse bisher
aber leider nur bei Kommissar Derrik erlangen.æ
Um die deutsche Komödie ist es leider auch kaum besser bestellt. Zu wenig
internationale Orientierung, zu viel Tradition in Form von Tante Trude aus Buxtehude
und Michael Schanze in Krachlederhosen auf Schürzenjagd. Hauptdarsteller
irgendwie künstlerisch ambitioniert oder gleich Schlagersänger. Solche
fünfzigjährigen Innovationen sind bis heute in Filmen wie Sonnenallee
(1999) oder Crazy (2000) lebendig geblieben; genial eben.
Liebe schlechte Dramatiker, schreiben Sie also weiter Ihre Komödien, Krimis
oder Autorenfilme. Erzählen Sie keine interessanten oder fantastischen
Geschichten (das haben Deutsche und Franzosen ja schon vor zweihundert Jahren
erledigt), sondern informieren und reflektieren Sie sozialkritisch mit dokumentarischem
Anspruch über gesellschaftspolitisch relevante Themen und Ereignisse.æ
Im folgenden nun noch einige technische Hinweise zur Verwirklichung und Umsetzung
des schlechten Scripts:ææ
Form. Machen Sie Regisseuren detaillierte Angaben über Einstellungsgrößen
und Bewegungsabläufe der Akteure und der Kamera, denn diese Menschen verpfuschen
sonst bestimmt Ihr Oeuvre und müssen schon aus diesem Grund gegängelt
werden. Beginnen Sie jede neue Zeile mit einer "transition" wie "cut to", "fade
in" usw. Das zeugt von Scheinkompetenz, wirkt komplizierter und streckt Ihren
Textumfang erheblich. Gestalten Sie Ihre Szenenübergänge planlos,
willkürlich und unmotiviert, ohne jeden thematisch bezogenen Anschluss.
Es muss dem Zuschauer überlassen bleiben, selbstkritisch herauszufinden,
dass es keine logischen Zusammenhänge mehr auf dieser Welt gibt. Verwenden
Sie weiterhin beliebige Typographien, variable Zeilenabstände, Layouts
und Formatierungen, damit eventuelle Produzenten ihre Finanzen zur Filmerstellung
möglichst nicht auf der Grundlage Ihres Drehbuches kalkulieren können.ææ
Seien Sie Artist in der Erfindungsgabe von Nebensätzen. Schreiben Sie breit
und episch, (keinesfalls visuell) und lassen Sie nichts, aber auch gar nichts
aus.
Desweiteren ist es angebracht, den Text ins Präteritum zu setzen und nicht
weiter zu visualisieren, zu vereinfachen und oder zu verdichten. Nützliche
Füllwörter niemals weggelassen und auch keine wichtigen Nebensätze
streichen.
Also nicht: TOM auf staubigem Weg gehend. Sondern: TOM dachte an (...), als
er einen Weg entlang ging, der mit Staub bedeckt war, der von irgendwo her geweht
worden ist und wo vorher ein kleiner Hund entlang gelaufen war, um (...)æ Lassen
Sie es ruhig ausufern, irgendwie müssen hundertzwanzig Seiten und genau
so viele Minuten Film ja voll werden.
Dramaturgie. Paradigma? Konzeption? Lächerlich! Beginnen Sie einfach. Aber
nie mit einem direkten Einstieg, sondern immer mit der Vorgeschichte zur Vorgeschichte
und Vorvorgeschichte, mit zwanzig Hauptpersonen und neunundneunzig zugehörigen
Nebenfiguren. Schreiben Sie mehrere Seiten ausführlicher Prologe und die
ersten drei eröffnen naturgemäß mit verschiedenen Theorien über
die Entstehung der Welt, des Universums, der menschlichen Spezies und dem Rest.
Erörtern Sie die Problematik ethischer Grundfragen ("Was würdest du
tun, wennæ ich jetzt sterben würde?") und überhaupt die Schwierigkeit
des Fragens in epistemologischen Zusammenhängen:ææ
"Der Mensch, die wohl geheimnisvollste Spezies unseres Planeten. Ein Mysterium
offener Fragen. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Woher wissen
wir, was wir zu wissen glauben? Wieso glauben wir überhaupt etwas? Unzählige
Fragen, die nach einer Antwort suchen. Einer Antwort, die wieder eine neue Frage
aufwerfen wird..."æ (Lola rennt 1998)æ Wir befinden uns auf dem durchaus hohen
Niveau der griechischen Tragödie und können uns der Gewissheit erfreuen,
dass nicht nur wir ziemlich intelligent und leicht zu bauchklatschen sind, sondern
offenbar auch irgend so ein Drehbuchautor schon mal was von Kant gehört
hat. Bitteschön!æ (Sonst war der Film ja nicht schlecht.) Bereits auf der
ersten Textseite eine packende Handlung, notfalls in Form gestochener Dialoge
zu beginnen, ist unnötig und einfältig. Am besten starten Sie mit
Milieuschilderungen, exzessiven Monologen über Sinn und Nichtigkeit allen
Seins und liefern dann gleich ein wahres Feuerwerk dramatischer Höhepunkte.ææ
Geben Sie den Figuren keine Chance, sich zu entwickeln und dem Zuschauer keine
Zeit zur Erholung. Dauerdröhnung! Immer Vollgas und eindeutige Vorausdeutungen
auf das Ende machen. Meiden Sie Überraschungen. Erstaunen, das mag der
Zuschauer nicht, denn er hat nur ein Bedürfnis: sich zu langweilen!
Figuren. Besonders Ihre Hauptakteure sollten fehlerlos sein, unangreifbar, ohne
wunde Punkte wie Achillesfersen, Kryptonitallergie oder ähnliches. Prinzipiell,
unbesiegbar, einfallslos. Wenn sie böse sind, sollten sie selbst daran
Schuld tragen, wenn sie gut sind ebenso. Immer müssen sie unsympathisch
wirken und ihre moralischen Fehltritte, (so sie denn welche haben) sollten umgehend
bloßgestellt werden.ææ
Richten Sie, zeigen Sie mit dem Finger auf sie, stellen Sie sie an den Pranger,
sonst wird Ihnen am Ende noch vorgeworfen, dass Sie sich persönlich zu
durchschnittlichem Abweichlertum bekennen und durchausæ hingezogen fühlen
zu kannibalistisch veranlagten Psychologen und Lepidopterologen mit Kellerschneiderei,
zu taxifahrenden Waffenfetischisten, golfspielenden Angsthasen und drogenkonsumierenden
Steuerhinterziehern, zu autonomen Kunstfälschern, ehebrecherischen Polizisten,æ
verschuldeten Tierschützern, extremistischen Huren und eigenbrötlerischen
Querflötenspielern, zu kaninchenzüchtenden Gelegenheitsrowdys, Tagedieben
im Warentermingeschäft und schläfrigen Bodyguards, zu parasitären
Modellbahnbauern, bibelfesten Ex-Knackies, schwertführenden Philosophen
und pyrotechnisch begabten Computerexperten, zu prügelnden Doppelgängern,
poetischen Kuhtreibern, mordenden Wurstverkäufern und anderen Exoten des
Alltags. Verzichten Sie als mieser Autor getrost auf Güte, Barmherzigkeit,
Vergebung und all den abendländischen Wust des Neuen Testaments. Einfühlung
(Emphathie) bis zur Selbstbezichtigung ist doch wohl eher eine Sache für
Anfänger? ... Verhindern Sie Identifikationsmomente mit Ihren Hauptfiguren
wirksam indem Sie sie durch alle, aber auch wirklich alle Stereotype prügeln.
Lassen Sie die Handlungen Ihrer Protagonisten und zugehörige Antagonisten
ruhig etwas zwanglos sein.ææ
Am besten die textmemorierenden Schausteller bewegen sich als solche gut erkennbar
völlig freiwillig über die Kulissen hin: unmotiviert.
Denn wer lässt sich schon zu Handlungen verleiten durch Brachialgewalten
äußerer Umstände und Schicksalsschläge wie Gefahren, Flutkatastrophen
und Bürgerkriege; oder von inneren Antrieben wie falschen Erwartungen,
Vorsicht, Neid, Gier, Feigheit, Gewissensnot, Konkurrenzdenken, Eifersucht,
von Rachegelüsten, Sehnsucht, Angst, Feigheit, Mißgunst, Selbstzweifel,
Neugier, Geilheit, Mordlust, Wahnsinn?
Genau; das würde schon an Charakter grenzen. Zuschauer wollen aber keine
Charaktere; nur profillose Darsteller wollen sie sehen, die unmotiviert umherhopsen,
ein wenig posen, Sex haben und dann sterben, oder zu ihren anderen Hobbys zurückkehren.ææ
Konflikt. Der Konflikt hängt immer sehr eng mit der Persönlichkeit
Ihrer Hauptfiguren zusammen. Besetzen Sie ihren kompletten Film also nur mit
Nebenfiguren, denn diese entwickeln sich ohnehin nicht, denn sie dienen normalerweise
nur als Kontrastmittel zur Hauptfigur.æ
Weil echte Konflikte zur Entwicklung von Figuren führen können, also
Hauptfiguren generieren, sollten Sie sie meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Nur all zu schnell gerät man in den Bereich des Persönlichen und Politischen,
denn Konflikte entfalten immer ein duales Muster, das sich auf der Storyebene
als psychosoziale Verfassung der Protagonisten und auf der abstrakten Ebene
von Weltordnungsprinzipien und Antagonismen polarisiert. Auf der einen Seite
steht z.B. Sicherheit und familiäre Bindung und auf der anderen die Willkür
von Gegenspielern und zufälligen Begebenheiten. Der Konflikt ist immer
das Element des Stoffes und wird durch die konkrete Handlung in ein Regelprinzip
gepreßt.æ
æ Die Handlung wird nun wieder wie bei der Versuchsanordnung eines Experimentes
von einem Schematismus erzeugt, der auf der abstrakten Ebene eine ordnende Macht
darstellt. (Bei gewissen Konstellationen von Orten und Figuren ergeben sich
entsprechende Handlungsmomente wie von selbst.)æ
æ Handlung treibt die Geschichte vorwärts und ist klar unterschieden von
Aktion, die nur der Charakterisierung von Figuren dient. Wenn jemand z.B. sein
Auto zerschießt, bringt das für die Handlung nicht viel, aber es
sagt etwas über die geistige Verfassung und seinen Charakter aus. Das ist
Action. Entkommt er dabei aber seinen Verfolgern, ist es Handlung! Vermeiden
Sie als schlechter Autor Handlung, indem Sie Konflikte meiden. Bringen Sie die
reine Aktion, aber ohne die Protagonisten dabei unnötig zu charakterisieren.
(Schwierig!) Denken Sie immer daran, dass Sie keine Geschichte schreiben, um
der Geschichte oder guter Unterhaltung Willen, sondern weil die Leser und Zuschauer
auf bestimmte gesellschaftspolitisch relevante Problematiken aufmerksam gemacht
werden wollen.
Eine trostlose Erzählung sollte vor allem belehren und klar herausstellen
wie unmündig und inkompetent die meist geschlechtsreifen Rezipienten im
Bilden persönlicher Urteile sind. Geben Sie also immer ein klares Votum
ab. Seien Sie Rachegott, Justitia und vergeltende Mnemesis in einer Person und
verurteilen Sie!æ Dialoge sind gleichermaßen Aktion und Handlung, dürfen
aber die visuelle Ebene nicht dominieren. Im Theater macht es Sinn, Handlungen
in Dialoge zu packen, weil man nicht alles zeigen kann. Film ist aber optischer,
und Boten, die Meldung von fernen Ereignissen bringen gelten zu Recht als unfilmisch.
Nicht erzählen, zeigen! Als schlechter Filmautor machen Sie also lieber
Theater und lassen ihre Protagonisten geschliffene Dialoge in Hexa- und Pentametern,
jambisch und trochäisch durchexerzieren. Natürlichkeit? Realismus?
Sprache des Alltags? Wie banal und holprig... (Aber ziemlich schwierig.)æ Wahrhaftigkeit.
Entsteht vor allem durch Reproduktionstechnik. Der gefilmte Hundehaufen vor
der Tür stinkt wahrhaftig. Lassen Sie es lieber dabei bewenden und versuchen
Sie nicht, authentisch zu werden.æ Authentizität würde erst durch
Plausibilität innerhalb einer Geschichte funktionieren. (Einheit von Figuren,
Orten, Situationen.) Seien Sie öde-blöde, denken Sie an den dokumentarischen
Imperativ und zeigen Sie die Welt einfach wie sie ist: zusammenhangs- und witzlos.
Eine weitere Möglichkeit, Authentizität und Atmosphäre zu schaffen,
ist die Kombination aus Recherche und Hyperbolik (Übertreibung), ohne die
kein gutes Script auskommt.
Es geht nicht um naiven Realismus oder um Wahrheit, denn sie ist das langweiligste
Zeug. Es geht um Plausibilität, um realistischen Stil.
Das merken Sie sicher selbst oft, wenn es darum geht, einem Bekannten eine Episode
zu erzählen, die Sie selbst erlebt haben. Sie übertreiben und erzählen
jedem die Geschichte noch ausführlicher, noch detailreicher, noch blumiger.
Sie erzählen realistisch.
Tun Sie das auch in Ihren Drehbüchern? Finden Sie Details und zeigen Sie
diese? Machen Sie sich Notizen dazu, sammeln Sie Eindrücke, Zeitungsschnipsel,
Fotos und alles, was für Sie relevant ist?
Ein schlechtes Script darf also weder übertreiben, noch recherchiert sein.
Noch einige letzte Hinweise zuræ Recherche: Zunächst einmal sollten Sie
sich die folgenden Fragen nicht stellen:
1. Konflikte. Worüber will ich schreiben?æ Entdeckungsreisen, Existenzentwürfe,
innerfamiliäre Probleme, Naturkatastrophen, Korruption, oder was sonst?æ
2.Genre. Wie will ich es schreiben? Reisebericht, Milieustudie, Western, Reportage,
Liebesschnulze, Agentenfilm, Videoclip, Science Fiction ..? 3. Recherche. Wer
hat schon einmal einen Film dazu gemacht? Gibt es andere Literatur, die dieses
Thema, das mich interessiert schon einmal bearbeitet hat?
Vielleicht gibt es Novellen, die sich auf Grund ihres Umfanges immer als Vorlage
eignen (damit für schlechtes Schreiben normalerweise ausscheiden würden)
und nur noch mit kleinen dramaturgischen Nuancierungen verfeinert und in ein
Drehbuchformat gebracht werden müssen?
Begehen Sie niemals geistigen Diebstahl, das verringert den Aufwand nur unnötig
und beweist, dass Sie kein artistisches Profil besitzen. Oder wären Sie
in der Lage, das vorhandene Material zu Ihrem eigenen zu machen, indem Sie verschobene
Schwerpunkte und Sichtweisen setzen, beispielsweise eine Nebenfigur zur Hauptfigur
machen, eine andere Raum/ Zeit wählen oder die Ich- Perspektive? Also Finger
weg von diesen unerhörten Machenschaften ... Nun haben Sie das "Worüber"
(Stoff + Konflikt) und das "Wie" (Genre und Format). Damit sind Ihre Recherchen
aber noch lange nicht abgeschlossen.
Schlechte Scripts benötigen keine Atmosphäre.
Details brauchen nicht ge- oder erfunden werden, denn es liegt ja alles quasi
auf der Strasse. Nutzen Sie niemals außerfilmische und außerliterarische
Informationsquellen zusätzlich, sondern lassen Sie die wilden Fünkchen
der eigenen Fantasie ihre zirkulär wirren Ba- Ba- Ba- Bahnen ziehen.
Vermeiden Sie unnütze Wege in Bibliotheken, Fabrikhallen, zu Polizeirevieren,
alles, was Sie interessieren könnte. Schließlich sind Sie Schriftsteller
und haben das nicht nötig.
Andererseits wäre aber diese Profession eine Eintrittskarte, Ihre Legitimation
auf Menschen zuzugehen und Fragen zu stellen. Manche Leute brauchen dafür
eine große Kamera, vorzugsweise Nikon F4. Sie schaffen das gleiche auch
mit einer Billig-Pocket, etwas Höflichkeit und einem Notizblock.
Wenn Sie nicht gerade in VIP oder Regierungssachen herumschnüffeln, werden
die meisten Leute sehr kooperativ sein. Fast jeder hat doch das Bedürfnis,
einmal über sein Leben, seine Arbeit mit einem Schriftsteller zu reden.
Und man kann und muss nicht alle Erfahrungen selbst machen. Falls Sie es allerdings
für absolut unerläßlich halten, zeigen Sie Einsatz! Lassen Sie
sich anheuern, abkanzeln, verprügeln, umschulen, abspeisen, einstellen,
unter einem Vorwand verhaften, beschaffen Sie sich echte, gefälschte, verschollene
und wiedergefundene Fotos, Kopien, Briefe, Akten, Listen, Dokumente, Empfehlungen,
Presseausweise, eventuell auch einen Weltempfänger, den Sie dann unter
keinen Umständen! in Deutschland benutzen dürfen, denn sonst besteht
die Gefahr, dass Sie Polizeifunk, Feuerwehr oder sonst etwas abhören können.
Sammeln Sie Zeitungsausschnitte, machen Sie Bilder von interessanten Menschen
und Locations. Achten Sie auf Diskretion. Es geht um Ihr Werk. Es geht um Sie!
Ein anderer Weg sind alle möglichen Schriftsachen wie Gerichtsakten, sozialpsychologische
Studien usw. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Sie wollen zum Beispiel über einen Massenmörder schreiben. Da macht
es Sinn, auch forensisches Expertenwissen zu Rate zu ziehen. Es gibt im juristischen
Bereich alle möglichen Veröffentlichungen zu dem Thema. Sobald Sie
wissen, was einen Serienkiller zu seinen Taten bewegt, wie seine Philosophie
ist, seine Vorgehensweise, können Sie auch viel glaubhafter darüber
schreiben.
Glaubhaftigkeit hat nichts mit so genannten Tatsachen zu tun, denn bloßes
Abspulen von Tatsachen ergibt noch lange keine gute Geschichte.
Sie wissen zum Beispiel, dass Serienmörder nicht geboren werden, sondern
sich langsam zu dem entwickeln, was sie sind. Nun können Sie überlegen,
ob Sie damit anfangen, wie der Typ eine Katze foltert, bevor er Menschen aufschlitzt.
Das lässt Entwicklungen der Figur zu, schafft Steigerungsmomente im dramaturgischen
Aufbau und macht das Script authentischer. Es gibt eben Atmosphäre.
Jenseits dessen ist es immer ratsam, schrittweise vorzugehen, ein anständiges
Paradigma zu erstellen und die kritischen Punkte wie Ende, Anfang, Zentralpunkt
und Wendepunkte einzutragen.
Wer sich für genial hält, darf natürlich auch ohne Vorskizzen
und ohne Recherche arbeiten.
Schreiben ist immer ein Prozess. Und Überarbeitung kein lästiges Ärgernis,
sondern blanke Notwendigkeit für kreatives Schaffen ...
Die meisten Autoren beginnen mit einem wirklich schlechten Drehbuch.æ Vielleicht
kann dieser Artikel dazu beitragen, es zu schreiben; man kommt ohnehin nicht
darum herum, wenn man es ernst meint.
In diesem Sinne: Frohes Schaffen!
[MW]