Nyon

Das andere Kino der Wirklichkeit

Man hat wahrlich selten die Möglichkeit, Dokumentarfilme im Leinwandformat verfolgen zu können. Das wissen auch die unternehmungsfreudigsten Filmfreunde. Und wenn, sind diese seltenen Exemplare von Dokumentarfilmen als "gewöhnlich" und "wenig kreativ" zu bezeichnen. Ein ganzes Dokumentarfilmfestival ist für die Fans dieses Genres und solche, die es noch werden wollen, genau richtig. Es ist ein leichtes, sich vom Flair und der Beschaulichkeit eines kleinen, nicht wenig eindrucksvollen und berauschenden internationalen Festivals mitreißen zu lassen, weit entfernt von einem "kommerziellen Starschaulauf" à la Cannes oder Berlin. "Fenster. Mit Sicht auf einen Hof hinunter oder auf einen Planeten. Dokumentarfilme sind Fenster. Offen, aber mit einem Rahmen. Sie geben eine Richtung, zwingen uns den Blick und die Reflexion auf die Außenwelt zu konzentrieren. Das Festival Visions du Réel steht am Fenster und macht uns schwindelig. Alles kann Subjekt eines Films, dass heißt Objekt einer Analyse, Beginn einer Überlegung sein." So schreibt Ariane Dayer über das vor über dreißig Jahren im Zuge der 68er-Bewegung entstandene Internationale Dokumentarfilm-Festival, welches vor nunmehr sechs Jahren in Visions du Réel umbenannt wurde. Dieses Festival zeigt uns ein "Kino der Wirklichkeit" in zuvor ungeahnter Vielfalt ▄ eine Vielfalt, die die im Fernsehen gezeigten Dokumentarfilme in den Schatten stellt. In diesem Jahr wurden in der ersten Maiwoche Filme von den verschiedensten Künstlern wie Johan van der Keuken, Chris Marker, Thomas Heise, Temirbek Birnazarov und Lucie Lambert vorgestellt. Sie liefen unter den Rubriken "compétition internationale", "regards neufs", "incontournables", "séance spéciale", "états des lieux" und "grands reportages" in vier Vorführsälen, die über ganz Nyon verteilt lagen. Dabei wurde der Zuschauer durch Essays, Großreportagen, Experimentalfilme, Tagebücher, Home-Movies und Archivfilme, die sich im Rahmen des Dokumentarischen bewegten, in die außergewöhnliche Vielfalt des realen Kinos, das weder Tabus noch ästhetische Grenzen kennt, eingeführt. Begleitend zum Filmprogramm fanden täglich Foren statt, in denen die filmschaffenden Künstler über Hintergründe ihrer bereits auf dem Festival gezeigten Werke reflektierten und sich den Fragen des Auditoriums stellten. So hatte man Gelegenheit, einen Einblick in andere Aspekte des Films zu bekommen und die Regisseure kennenzulernen. Geehrt wurde das Festival durch die Teilnahme Naomi Kawaseăs, die für ihren Film "moe no suzaku" die Camera d'Or in Cannes und den FIPRESCI ▄ Preis in Rotterdam erhielt, sowie durch die bekannten italienischen Künstlern Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi. In Ateliers, in denen sie ihre Werke vorstellten, konnte das Auditorium weiteres über ihr Leben sowie Filmschaffen erfahren. Subjektivität und Dokumentarfilm Visions du Réel ist ein besonderes Festival, das die Vielfalt der Haltungen und Einstellungen der filmschaffenden Künstler zur realen Welt veranschaulicht. Viele der diesjährig gezeigten Dokumentarfilme waren von einer starken Subjektivität durchsetzt. Dazu bemerkte Naomi Kawase im Atelier: "Dokumentarfilm ist Dokument und Fiktion". Dokument, weil man Ausschnitte der realen Welt benutzt. Fiktion, weil man diese nach subjektiven Konzepten ordnet und somit sich selbst im Film zum Ausdruck bringt. Naomi Kawase erreicht Subjektivität mit Hilfe von Close-ups und Frontalaufnahmen. Außerdem trägt sie die Kamera auf der Schulter, wodurch eine an die Kamerabewegung angepaßte Kameraführung möglich wird. Ihre Stimme ist manchmal aus dem off-screen zu hören, so daß dem Zuschauer die Präsens eines die Kamera führenden Subjektes bewusst wird. In ihren Close-up-Aufnahmen führt sie den Zuschauer jedoch wieder so nah heran, dass die Präsens dieses Subjekts verschwindet und eine große Nähe zum Gezeigten möglich wird. Einer ihrer bekannteren Filme ist The Weald (jap.: somaudo monogatari). Eine Dokumentation, welche die verschiedenen Menschen aus einem Bergdorf in der Nähe von Nara (Japan) einfängt, während sie in ihrer gewohnten Umgebung bei alltäglichen Handlungen über Tod, Krankheiten, Lebensweisheiten, Wünsche und Erfahrungen reflektieren. Einer erzählt eine Geschichte aus seinem Leben, der andere gibt ohne Umschweife und in wenigen Metaphern das Wichtigste von sich preis. Mit langen Travellings dringt Naomi Kawase in die Lebenswelt der Personen ein. In Close-ups drängt sie sich den Gesichtern so auf, dass sie den Zuschauern ihre Gefühle enthüllen müssen. Man erkennt eine gewisse Verbundenheit mit der Regisseurin, aber auch die Hemmungen vor einer Kamera. Dadurch entsteht eine Mischung aus Distanz und Nähe, die man in vielen ihrer Filme wiederfinden kann. Noch stärker kommt dieses Verhältnis in einem ihrer früheren Werke zum Ausdruck: Katatsumori. Ein Film über ihre Großmutter, wie sie ihre Zeit im Garten verbringt. Jahraus, jahrein wiederholt sie die Gesten der Aussaat und Ernte. Naomi Kawase hält diese Momente im Film fest, um sie in eine Reflexion über ihre Beziehung zur Großmutter, die sie großzog, einzubinden. Mit Hilfe vieler Großaufnahmen offenbart Naomi Kawase ihre Liebe zur Großmutter und erweckt das Gefühl, sie als eine liebenswerte, alte Frau kennenzulernen. Filme aus Filmen Ebenso wie die Werke Naomi Kawases wurden die Filme von Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi unter der Rubrik "états des lieux" vorgestellt. Anders als Naomi Kawase nutzen diese bereits vorhandenes Filmmaterial, übersetzen, übertragen es und verbringen Monate und Jahre damit, die Bilder vor dem Verfall zu bewahren. Mit Hilfe eines neuen Schnitts, Änderung der Ablaufgeschwindigkeit, Einfärbung, Modifizierungen der Einstellungsgrößen und Bildausschnitte kreieren sie neue Kompositionen in einem eigenen filmischen Bericht. So erstellten sie mit Hilfe der Aufnahmensammlung von Luca Comerios den Kurzfilm animali criminali, der in einer Abfolge von Szenen Tiere zeigt, die miteinander im Konflikt stehen. Sie fressen sich gegenseitig ▄ man sieht unter anderem eine Schlange, die einen Frischling verschlingt ▄ oder liefern sich Rivalenkämpfe. Teile dieser Bilder sind in verschiedene Farbtöne getaucht und von unheimlichen Klängen begleitet. Während in allen Szenen nur Tiere in Nahaufnahmen gezeigt werden, wird in der letzten die Macht des Menschen visualisiert. In der linken oberen Hälfte sieht man eine Hand. Sie hält eine lebendige Gans einem Krokodil zum Fraß vor. Wenn es zuschnappt, zieht er sie weg. Doch plötzlich verschwinden Kopf und Hals im Maul des Krokodils, aber die Flügel bewegen sich noch. Mit dieser erschütternden Endeinstellung wird der Zuschauer in die Dunkelheit des Kinosaals entlassen. Ebenso eindrucksstark wie der zuvor beschriebene Kurzfilm war auch Yervant Gianikian´s & Angela Ricci Lucchi´s 12-minütiger Film Cesare Lombroso ▄ sull'odore del garofano (dt.: Cesare Lombroso ▄ Der Duft der Nelke). Zur Begeisterung aller spielte der Geruchsinn bei diesem Film eine wichtige Rolle. Mit unzähligen, sich auf einem Tisch befindlichen Essenzen, erzeugten die beiden Künstler Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi ein ëexpanded cinema´, bei dem die Filmemacher den Ablauf der Projektion weitgehend bestimmten. Eine Performance, die ausgezeichnet in das Gesamtwerk der Beiden passt. Auch nutzt Sami Martin Saïf - jedoch unter anderen Gesichtspunkten - für sein Erstlingswerk The video diary of Ricardo Lopez vorhandenes Filmmaterial, um dadurch nach eigenen dramaturgischen Gesichtspunkten die einzelnen Videosequenzen auszuwählen und zu komponieren. Hier wird das fanatische Begehren gezeigt, das Ricardo Lopez für den Popstar Björk entwickelt. Es ist sein größter Lebenswunsch von ihr wiedergeliebt zu werden. Doch schließlich erkennt er: das Traumobjekt Björk ist mit einem "fucking nigger" verheiratet. Ricardo Lopez beschließt, die isländische Sängerin dafür zu bestrafen. Er will sie töten ▄ per Briefbombe. Doch wenn seine Liebe Björk stirbt, so auch er selbst. Der 21-jährige Amerikaner dokumentiert einen großen Teil seines Seelenlebens in einem Videotagebuch, welches ihn das letzte Lebensjahr begleitet. Indem er direkt in die Kamera spricht, wird sie zum Freund, zum einzigen Gesprächspartner für Tage, ein Tor zur Öffentlichkeit, der er sein Inneres uneingeschränkt offenbart. Akribisch und ausdauernd dokumentiert er den Bau der Briefbombe, ist euphorisch wie ein Kind, wenn er der Kamera die angeschaffte Waffe zum späteren Selbstmord präsentiert. Lopez spart keine Form der Selbstinszenierung aus: er verkleidet sich, tanzt, hält sein entblößtes Geschlechtsteil in die Kamera. Diese Inszenierung gipfelt schließlich im Suizid. Er hinterlässt der Nachwelt 18 Stunden Videomaterial, welches der Regisseur Saïf zum 70-minütigen Dokumentarfilm The video diary of Ricardo Lopez komprimiert und den Ricardo Lopez näher so bringt, wie er ihn sieht. Weder zeigt Saïf die Selbstmordtat ▄ der Film endet mit Nachrichtenbeiträgen vor Lopez' Wohnung in Hollywood ▄ noch sah er sich diese an, denn "etwas würde sonst zerstört in den Menschen". Ricardo Lopez erntet schließlich die Aufmerksamkeit vieler, nach der er sich immer sehnte, doch welchen Preis zahlte er dafür? Ein deutscher Dokumentarfilm Neben den bisher vorgestellten internationalen wurden auch deutsche Filme gezeigt, so beispielsweise Neustadt (Stau ▄ der Stand der Dinge) von dem vielversprechendem Regisseur Thomas Heise. Der Film portraitiert einzelne Menschen, soziale Situationen und Randgruppen, die das Bild von Halle-Neustadt prägen. Der Regisseur interviewt eine kinderreiche Familie, Jugendliche, alte Menschen bei ihnen zu Hause, in der Kneipe und trifft auf der Strasse Arbeiter, Kleinbürger, Arbeitslose und solche aus zerrütteten Verhältnissen. Sie sprechen über ihr Leben, ihre Beziehungen und ihre Arbeit. Es gelingt ihm mit unausweichlichen direkten Fragen, ihre ungewöhnliche Wunschlosigkeit aufzuzeigen. Fast ohne Lebensziele, warten sie auf nichts ▄ sie versuchen sich höchstens vor Kriminalität und Elend zu schützen. Er fängt die Antworten mit einer Kamera ein, die starr auf den Interviewten ruht, bis sie antworten. Ein Stil, den er benutzt, um die Hilflosigkeit der Menschen gegenüber einem übergeordneten System filmisch zu verdeutlichen. Heise erklärt sich, wie viele Dokumentarfilmer, solidarisch mit seinen Protagonisten, hält gute Kontakte mit ihnen und rechtfertigt somit seine direkte Vorgehensweise. Der Film ist offensichtlich ein möglicher Ausweg aus dem Dokumentarfilmdilemma, die Realität nicht so abbilden zu können, wie sie ist: die Interessen der "kleinen Leute" zu vertreten und Misstände aufzuzeigen.

[Katrin Pescke]
[Beatrice Sauerbrey]
[Katrin Spiegler]
[Nils Westerboer]