Bereits
kurz nach Hitlers Machtergreifung wurden alle entscheidenden Filmbetriebe gleichgeschaltet
und einem System der staatlichen Entmündigung unterstellt. Joseph Goebbels
kaufte mehr und mehr Anteile maßgeblicher deutscher Filmbetriebe (Ufa,
Tobis, Bavaria, Terra) in zunächst verschleierten Transaktionen auf. Nach
der Übernahme der Aktienmehrheit an den wichtigsten Produktionsgesellschaften
durch den nationalsozialistischen Staat konnte sich niemand mehr formell über
die Entscheidungen der 1934 eingesetzten Reichsfilmintendanz hinwegsetzen. Doch
nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht unterwarf Joseph Goebbels die reichsmittelbaren
Filmfirmen dem Mandat des mächtigen Propagandaministeriums, gleichfalls
kontrollierte er alle künstlerischen und personellen Planungen. Nach der
Änderung des Lichtspielgesetzes, die Joseph Goebbels zur Einspruchsinstanz
machte, war dessen Machtergreifung vollzogen. Der klassischen "negativen"
Filmzensur ging die politisch-ideologische, finanzielle und künstlerische
Kontrolle des gesamten Filmherstellungsprozesses voraus, welche die gesamte
Filmindustrie den Zielen der nationalsozialistischen Kulturpolitik unterwarf.
Der Deutsche Film nutzte in einem bis dato nicht gekannten Ausmaß den
Film zur psychischen Kriegsertüchtigung. Der Film sollte alltagsnah wirken,
zugleich aber den Alltag im Sinne der Machthaber darstellen und modellhaft die
Einbindung und Entfaltung privaten Glücks in einem vom Krieg gesteuerten
Lebensprozeß demonstrieren. Der Film bot neben dem Radio, in einer Zeit
vor der Erfindung des Fernsehens, die perfekte Möglichkeit zur Transzendierung
nationalsozialistischer Werte und zur politischen und ideologischen Instrumentalisierung
und Instruierung der Bevölkerung. In den ersten Monaten nach der Machtergreifung
der Nazis war die allgemeine Lage für die Künstler wenig übersichtlich
Juden, Ausländer, Marxisten und Oppositionelle wurden aus ihren Jobs verdrängt,
verfolgt, getötet; zahlreiche emigrierten, darunter beispielsweise Fred
Zinnemann, Billy Wilder und Fritz Lang. Von diesem Exodus an Talent erholte
sich der Deutsche Film personalmäßig schneller als erwartet, Mangel
an Talent herrschte nicht, und der Braune Film lockte mit Ruhm, reichlich Geld
und der begehrten UK-Stellung (unabkömmlich für die Wehrmacht). An
der Seite schon bekannter Künstler wie Hans Albers Ü Münchhausen (1943),
Grosse Freiheit Nr. 7 (1943) - und Heinz Rühmann Ü Quax der Bruchpilot
(1941), Die Feuerzangenbowle (1944) - erwarben sich zahlreiche Darsteller einen
Namen. Dazu zählten unter anderem Zarah Leander mit La Habanera (1937)
und Die große Liebe (1941/42), Kristina Söderbaum mit Immensee (1943)
und Kolberg (1945) und viele andere Künstler wie Paul Hörbiger, Marika
Rökk oder Magda Schneider. Die gesamte Filmwirtschaft erfuhr eine konsequente
und gezielte Umstrukturierung der Inhalte, Arbeitsabläufe und Verantwortungsbereiche.
Der Film war nicht nur ein Propagandamittel, er war auch zum Prestigeprojekt
Joseph Goebbels' geworden. Vor allem die Wochenschau spielte dabei eine zentrale
Rolle. Die Filmwochenschau war ein gemeinsames Werk der an allen Fronten arbeitenden
Kameramänner. Sie erfreuten sich zunächst großer Beliebtheit,
denn es war die Zeit der Siege. Ab Mitte 1942 änderte sich die Situation,
es tauchten Klagen auf, man sehe auf der Leinwand immer dasselbe, die Wochenschau
sei monoton geworden. Die Filmindustrie reagierte, indem sie überraschend
wenig Propagandafilme und überproportional viele Unterhaltungsfilme produzierte.
Das Gros der deutschen Filmproduktion bediente vorrangig das Bedürfnis
der Zuschauer nach Ablenkung. Dazu gehören als Musterbeispiele antisemitischer
Hysterie drei Filme über die "jüdisch-bolschewistische"
Gefahr, die den Haß der Bevölkerung gegen die Juden mobilisieren
sollten: Jud Süß, Die Rothschilds und Der ewige Jude, alle aus dem
Jahr 1940. Es ist erwiesen, daß diese Filme als offener Aufruf zur Pogromhetze
und Massenvernichtung in okkupierten Gebieten besonders vor geplanten Deportationen
verstärkt eingesetzt wurden. In zahlreichen anderen Filmen wurden starke
antisemitische Akzente gesetzt, und die Nazis verschonten auch keines der Völker
der antibraunen Koalition mit ihrer faschistischen Hetzpropaganda. Zu diesen
Propagandafilmen gehören unter anderem Flüchtlinge (1933), Heimkehr
(1937), Bismarck (1940) und vor allem Ohm Krüger (1941). Der nationalsozialistische
Film erlebte Anfang 1942 eine nie dagewesene Konjunktur. Die Kinos waren gut
besucht, denn die Bevölkerung, die in den Läden nichts zu kaufen hatte,
gab das Geld für eine billige Unterhaltung aus. Je mehr Heime zerstört
waren und der Lebensstandard jedes einzelnen gesunken war, desto mehr stieg
die Gier, das im Luftminen- und Phosphorregen versunkene Paradies im Film wiederzusehen,
ein Phänomen der Realitätsflucht, das Kracauer schon 1926 in seinem
Essay Kult der Zerstreuung beschrieb. Doch während auf der Leinwand Frieden,
Liebe und Glück propagiert wurden, sah es hinter den Kulissen desolat aus.
Die kriegsbedingten Mangelerscheinungen verstärkten sich ständig,
die Arbeitsbedingungen wurden immer schlechter. Nach Ausbruch des Krieges versuchte
man zunächst auftretende Mangelerscheinungen, die zum Abbruch von Film-
und Bauprojekten führten, schönzureden, doch ab Dezember 1940 wurden
die Produktionschefs direkt angewiesen, größere Sparmaßnahmen
im Bereich der Arbeitskräfte, Rohstoffe und Finanzen umzusetzen. Zugleich
wurden finanzielle Limits bei den Herstellungskosten gesetzt und die Gesamtlänge
der Filme auf grundsätzlich 2500m, später sogar 2200m begrenzt. Kriegsbedingte
Mängel und Ausfälle, wie Feindbesetzung oder Zerstörung von Drehorten,
Kinos sowie relevanter Industrie (Kopierwerke) konnten jedoch nicht mehr geleugnet
werden. Der Drehalltag, nach außen mit aller Macht aufrecht erhalten,
kämpfte mit ständigen Unterbrechungen durch Stromausfälle und
Bombenalarm. Die im totalen Krieg verstärkten Auskämm-Aktionen der
Wehrmacht reduzierten das Personal auf nahezu ein Drittel. Jugendliche Liebhaber
wurden von Schauspielern gereifter Jahre gespielt, zusätzlich mußten
sich die drehfreien Schauspieler in den Kriegsheimarbeitsstätten einfinden,
um ihren Beitrag für die Rüstungsindustrie zu leisten. Den Schauspielern
wurde jegliches Einspruchsrecht in Bezug auf ihre Rollen abgesprochen, und nur
mit Mühen und Drohungen ließen sie sich zur Arbeit im umkämpften
Berlin drängen. Kaum einer der Filmschaffenden wagte es jedoch, sich in
dieser Atmosphäre von Drohung und Denunziation öffentlich gegen die
belanglosen Filmkonzepte und nationalsozialistische Schönfärberei
auszusprechen. Bekanntestes Beispiel ist wohl der Ufa-Pressechef Richard Düvell:
wiederholt mit Manuskripten mit starker
nationalsozialistischer
Tendenz konfrontiert, lehnte er diese schließlich ab und erklärte
öffentlich, man solle ihn mit der braunen Sauce in Ruhe lassen, die hänge
ihm zum Hals raus. Er wurde vom Volksgerichtshof zum Tod durch das Fallbeil
verurteilt. Nur so läßt sich erklären, daß die Filmschaffenden
bis zum Einsetzen des nahen Geschützdonners verbissen in den Ateliers arbeiteten.
Die Angst vor Denunzianten oder Einziehung zum Volkssturm hat wohl alle vernünftigen
Überlegungen dominiert. Die Einschränkungen in der Filmproduktion
färbten keineswegs auf die Leinwand ab, die Herstellung lebensfroher und
ferienseliger Filme war Programm. Die Themen wurden immer belangloser und während
man sich bei den im Fortgang des Krieges zerstörten Drehorten noch die
Mühe machte, sie durch aufwendige Rückprojektionen im Film unzerstört
zu illusionieren, ließ man andere szenische Umsetzungen einfach ganz weg,
da sie die Menschen an die eigene Mangelsituation erinnert hätten. Die
militärische Niederlage und die realen politischen und gesellschaftlichen
Zustände im Land wurden verleugnet, mit lockerer Unterhaltungskost wie
in Münchhausen (1943), Die Feuerzangenbowle (1944) oder Unter den Brücken
(1945) probte man im Film bereits die bedingungslose Kapitulation. Man vermied
die Insignien der herrschenden Diktatur und bereitete sich mit unpolitischen
Inhalten auf die Normalität des Friedens vor. Die genehmigten Unterhaltungsstoffe
negierten jeglichen Aktualitätsbezug. In den letzten Jahren verselbständigte
sich die Filmproduktion zur Überlebensstrategie, nicht der Film als gelungenes
Endprodukt stand im Mittelpunkt der Bemühungen, sondern die Absicherung
der Beteiligten für einen gewissen Zeitraum. Die Produktion wurde zum reinen
Selbstzweck und Überlebenskampf. Der notwendige Transport von Requisiten
und Tontechnik für Außenaufnahmen war nur bis Mitte 1944 möglich,
danach mußte jede Benzinration beantragt werden, Parallelproduktionen
waren schon lange passé. Schließlich wurden sogar Studios, die
nicht mit dem Fahrrad zu erreichen waren, geschlossen. Joseph Goebbels' Ziel,
den Deutschen Film zu einer dominierenden Macht im europäischen Ausland
zu machen, scheiterte letztendlich an der faden germanischen Hausmannskost,
die das ausländische Publikum langweilte, sowie an der kriegsbedingten
finanziellen Einschränkung der Filmprojekte. Aufwendige Produktionen, wie
Kostüm- und Operettenfilme, die im Ausland sehr beliebt waren, konnte die
deutsche Filmwirtschaft schon bald nach Kriegsbeginn nicht mehr bewältigen.
Die große Welt blieb dem Deutschen Film verschlossen. War Deutschland
vor der Machtergreifung der Nazis im Bereich des Films eine Macht, der Deutsche
Film ein Begriff von Weltrang, so gelang es den Nazis, ihn in kurzer Zeit an
den Rand der Bedeutungslosigkeit zu zensieren.
[CW]