Mythologie der Gewalt

Der zersägte Mensch als Objekt moderner Opferrituale

 

Das Thema Film und Gewalt ist nicht nur in Deutschland eine viel besprochene, um nicht zu sagen tot geredete Problematik. Natürlich könnte man auch sagen: “tot geschwiegen”, denn die vielen ambitionierten, bemühten Texte und Forschungsansätze sind schon so weit kanonisiert, dass man ihrem kommunikativen Einerlei verbindlicher Positionen und gesellschaftspolitischer Materialschlachten schon lange kein wirkliches Engagement mehr zubilligen wird.
Ob die Filmwissenschaft soziale oder politische Angelegenheiten klären kann, steht dahin. Was sie jedoch könnte, ist, sich deskriptive Methoden der Stilerfassung zu erarbeiten. Historisch ist zu konstatieren, dass zu Anfang der 70-er Jahre die Filmwissenschaft in Deutschland verhältnismäßig spät entstand und die Ideologiekritik das alles beherrschende Verfahren in ihr bildete. Das ließ zunächst ein stärkeres Interesse für soziale und politische Gehalte in den Vordergrund treten, zu dem sich auch das Thema Gewalt rechnen ließe.
Auch wenn im Gefolge der 80-er Jahre dann strukturalistische und linguistische Vorstöße folgten bzw. das psychodynamisch bloßgestellte Zuschauersubjekt in Apparaturtheoreme gefasst wurde (und manchmal in den Gender-Diskurs gestellt), blieb diesen Ansätzen doch eines gemeinsam: Die Vernachlässigung der ästhetischen Fragestellung, die in der konkreten Analyse des kinefotografischen Aktes und des Prozesses der Nachbearbeitung zu behandeln wäre, da nur sie dem Eigentlichen und Flüchtigen des Mediums Film gerecht werden kann.
Wenn man nun fragt, was Gewalt im Film ausmacht, wird man zunächst auf einen äußerst diffusen Terminus stoßen, der sich in Oppositionspaarungen wie: personale und etrukturelle, natürliche (Realfilm) und künstliche (Trickfilm), reale und fiktive Gewalt einteilen lässt. Trotz der zahlreich entwickelten wissenschaftlichen Messverfahren wird dabei noch keine Vergleichbarkeit der Ereignisse geboten. Die Bestimmung dessen, was Gewalt ist oder was sie ausmacht, ist heikel und subtiler, als es zunächst den Anschein macht. Nur der Diskurs ist rasch benannt. Es gibt die monokausalen Erklärungen, die sagen, dass alles Übel der Welt nur vom Film und auch vom Fernsehen herrührt. (Wohl eine Abart des kosmologischen Gottesbeweises in säkularisierter Form.) Ernst zu nehmende Wissenschaftler hingegen führen an, dass nicht bewiesen werden kann, ob Gewaltdarstellung tatsächlich zu konkreten Gewalttaten führen oder ob gewaltbereitere Individuen einfach nur ein bestimmtes, den trivialen Formen des filmischen Erzählens zuzuordnendes Genre bevorzugen.
Beide Positionen implizieren, dass Film in erster Linie etwas politisch Korrumpierbares ist und sich als Kunstform verzwecklichen lässt. Darüber mag man denken wie man will, aber der Irrsinn dieses marxschen Gedankens wird in seinem ganzen Ausmaß erst begreiflich, wenn man sich klar macht, wie wenig sich Kunst um Zwecke schert und scheren darf, da biederer Opportunismus sie ihrer Autonomie berauben würde und sie damit letztlich um die Grundlage ihrer Existenz bringen müsste.
Sobald man jedoch von einer Autonomie des Kunstwerks Film sprechen kann, bleibt nur die Einteilung von funktioneller Gewalt, die unerlässlich in den Handlungsablauf integriert ist auf der einen und nicht funktioneller Gewalt, die willkürlich geboten und effektheischend gesetzt wird auf der anderen Seite.
Das Problem ist also wirklich nicht politischer, soziologischer oder sozialpsychologischer Natur, sondern es ist eine rein ästhetische Frage. Erst wenn diese geklärt ist, mag man behaupten, dass gewisse Sozialgruppen den einen oder anderen Stil bevorzugen, was meiner Meinung nach aber nicht dazu führen darf, dass sie infolgedessen stigmatisiert werden.
Darum steht bei der Auseinandersetzung mit medialer Gewalt nicht das Problem, ob oder wie Film oder ein anderes Medium Gewalt hervorrufen kann, sondern auf welcher Grundlage und mit welchen Mitteln sie ästhetisiert wird.
Ohne dem Strukturalismus das Wort reden zu wollen, ist es ein Faktum, dass Gewaltdarstellungen zu den frühesten Zeugnissen der Menschheit gehören. Sie ziehen sich durch alle Kulturen und Epochen; als Bilder, Schrifttum oder mündliche Überlieferung. Sie beschreiben, wie sich der Mensch in ein Naturverhältnis setzt. Dabei geht es jedoch nicht um eine dumpfe Überlegenheit des an sich schwachen "homo sapiens sapiens", sondern um seine Fähigkeit zur Anpassung und List, mit deren Hilfe er, der von der Natur eher dürftig ausgestattete, überleben muss.
Diese List kann dann ganz unterschiedlich akzentuiert sein. Manchmal sind es Werkzeuge (oder "Listzeuge"), mit deren Hilfe etwas verändert und manipuliert wird; einmal ist es das berühmte Opferblut, dass an Stelle des eigenen Lebenssaftes die Götterwelt versöhnlich stimmen soll; oder mit Hilfe von Intrige und Strategie (nicht etwa bloßer Gewalt) werden Imperien errungen und zerstört. Dies alles geht über ein simplifizierendes Gewaltkonzept weit hinaus.
Hier wird Gewalt selbst zum ästhetischem Moment der Darstellung eines durch List zu charakterisierenden Naturverhältnisses des Menschen funktionalisiert, ohne damit den Mythos schon zu domestizieren. In jedem Falle spricht der Mensch durch List und Gewalttat mit den Göttern und die Götter und Schicksalsmächte sprechen so zu ihm. Ein Dialog mit den Urkräften dieser Welt hebt an. Und dies ist selbst dann noch der Fall, wenn Gewalt so plump und selbstzweckhaft präsentiert wird, wie das beispielsweise bei Verkehrsunfällen, Naturkatastrophen oder Bombenexplosionen der Fall ist.
An diesem Punkt wird auch die Unterscheidung von trivialem oder nicht-trivialem Stil durch Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Gewalttaten zumindest fraglich. Die tatsächliche Qualität einer Produktion müsste sich erst anhand anderer produktionstechnischer und stilistischer Merkmale erweisen.
Eine differenzierte und rein ästhetische Betrachtung des Gewaltphänomens im Film soll darum an dieser Stelle gefordert werden. Denn der Film ist zwar ein junges Medium, aber eines mit einer langen Geschichte. Und die alten und ältesten menschlichen Kulturformen und Traditionen haben sich fast unmerklich in das Flackern, Rattern, Surren und Rauschen seiner Apparaturen eingeschrieben und werden bis zu den heutigen "Trivialmythen" lebendig weiter gedichtet in seinen Farben.


[MW]