So richtig Horrorshow

Über Anthony Burgess' Uhrwerk Orange und Kubriks Adaption

Ein “Alptraum aus Sex, Gewalt und Beethoven - der Roman, der Stanley Kubrick zum ‘Film des Jahrzehnts’ inspirierte!"
"Der Versuch, dem Menschen, einer mit Vernunft begabten und liebesfähigen Kreatur, die ihr hohes Ebenbild in Gottes bärtig-ernstem Angesicht findet, der Versuch, sage ich, diesem Menschen Gesetze und Bedingungen aufzuerlegen, die in einer mechanischen Schöpfung angemessen sein mögen, gegen diese erhebe ich das Schwert meiner Feder."
Diese Zeilen las Alex bei einem Überfall und wusste noch nicht, dass er eines Tages auch Opfer dieser Therapie sein würde.
Die Fabel: Alex ist 17 Jahre alt und seine Lieblingsbeschäftigungen sind Überfälle, bei denen er und seine Droogs wehrlose Menschen quälen, Vergewaltigung und klassische Musik, insbesondere Beethovens 9. Sinfonie, die ihn zu all den Verbrechen inspiriert. Jeden Abend zieht er mit seinen Droogs herum und "vergnügt" sich, bis er eines Tages von ihnen verraten und von der Polizei gefangen genommen wird. Er wird wegen Mordes an seinem letzten Opfer zu 14 Jahren Haft verurteilt. Zwei Jahre später hat er sich beim Knastpfarrer “beliebt gemacht” und gibt sich äußerlich wie ein neuer Mensch. Doch in ihm brennt noch immer das Verlangen nach Gewalt. Alex wird ausgesucht, an einem Experiment teilzunehmen - eine neue Methode Verbrecher zu “heilen“. Er ist einverstanden, weil er mit Hilfe dieser sog. "Ludovico-Therapie" in nur zwei Wochen frei sein wird.
Doch diese Therapie ist wie ein Alptraum. Ihm wird ein Serum injiziert, durch das er sich beim Anblick von Gewalt übergeben muss. Dazu muss er sich jeden Tag im Kino “horrorshowmäßige” Filme ansehen, die Aufnahmen von Gewaltverbrechen in schonungsloser Detailgetreue zeigen. Er übersteht die Therapie, doch als er frei kommt, ist er hilflos und unterwürfig wie ein Tier - "eine Orange mit einem Uhrwerk". Er wird Opfer seiner Eltern, seiner früheren Opfer und selbst der Polizei. Als er keinen Ausweg mehr sieht, versucht er sich umzubringen.
Seine Geschichte wird öffentlich, die Regierung versucht ihr Gesicht zu wahren und Alex wird einer Operation unterzogen. Als er aus der Narkose erwacht, verspürt er endlich wieder das alte Verlangen nach Gewalt: "Ich war geheilt, kein Zweifel.", endet der Film.
Doch im Roman folgt noch ein weiteres Kapitel, in dem Alex rechtzeitig erkennt, dass Gewalt nicht alles ist und dass man auch durch andere Dinge glücklich werden kann. Er verspürt plötzlich ein ganz anderes Verlangen - das nach einer Familie. Diese Perspektive schien Stanley Kubrick nicht zu interessieren. Er adaptiert das “konstruierte” Ende der Geschichte nicht, sondern konzentriert sich eher auf die Frage der Verhältnismäßigkeit zwischen Gewaltverbrechen und staatlicher Sanktion. Das Setting wählt er dabei bewusst utopisch, um die Fabel als archetypisch zu markieren.
Buch und Film spielen in einer nicht allzu fernen Zukunft. Eine Dystopie - die Situation existiert nicht wirklich, doch andererseits wäre sie denkbar, denn der Film ist auch keineswegs ein irrealer “Science Fiction”. Es findet sich nicht der geringste technische Fortschritt. Trotzdem ist alles ein wenig anders - ein verdrecktes London mit merkwürdiger Architektur und Inneneinrichtungen, die von zeitlos schlechtem Geschmack zeugen, aber auf der anderen Seite sehen die Räume und auch die meisten Kostüme aus, als wären sie aus den 70ern.
Völlig abstrakt und strange hat Kubrick die “Korova Milchbar” dargestellt, in der die Jungen sich vor und nach ihren Überfällen treffen. Alles ist weiß und mit weiblichen Skulpture dekoriert; deren Brüste die "Milch-Plus" spenden. In dieses Ambiente passen Alex und seine Droogs - in weißen "Anzügen", die ein wenig an die Kleidung von Baseballspielern erinnern. Wie auch immer: DieAusstattung in Uhrwerk Orange erweckt fast 30 Jahre später immer noch den Eindruck zeitlos futuristisch und keineswegs altmodisch zu sein.
Die Darstellung von Sex und Gewalt erschüttert den Zuschauer noch immer in erschreckender Weise. Doch in Burgess‘ Roman ist alles noch ein wenig “extremer“ und brutaler; das erscheint jedenfalls so, weil er die Gewalttaten und später die Filme, die Alex sieht, bis ins Detail beschreibt.
Beide, Burgess und Kubrick, stellen den wichtigsten Aspekt des Stoffes jedoch deutlich heraus: Dass niemand das Recht hat, einer anderen Person seine Würde und Selbstachtung zu nehmen, selbst dann nicht, wenn es sich um einen Schwerverbrecher wie Alex handelt. Alle, die ihn für ihre Zwecke missbrauchen, handeln damit ebenso unmoralisch wie dieser selbst. Die Ärzte wollen Lob und Anerkennung für die Erfindung ihrer Therapie. Der Innenminister missbraucht ihn skrupellos für populistische Zwecke (gleich zweimal) und wieder andere versuchen ihn gegen die Regierung auszunutzen. So wird Alex zum Spielball der Macht.
Buch und Film sind Meisterwerke. Kubrick hat das beste aus dem Stoff gemacht. Obwohl (oder weil?) er der Vorlage nicht detailgenau gefolgt ist.


[JF]