
Andere Regisseure drehen jedes Jahr einen Film. Stanley Kubrick ließ sich ein bisschen mehr Zeit: Innerhalb von 46 Jahren entstanden 13 Filme unter seiner Regie. Am 7. März diesen Jahres verstarb Kubrick 70-jährig. Wahrscheinlich wäre das niemandem aufgefallen, wenn der Meister nicht gerade einen Film beendet hätte. Eyes Wide Shut heißt das Werk und wird nun sehnsüchtig von seinen Fans erwartet (US-Start: 16. Juli). Ansonsten galt Kubrick eher als öffentlichkeitsscheu und lebte zurückgezogen in England. Wer eine Kubrick-Biographie schreiben wollte, hatte es schwer, da der Regisseur sein Privatleben hermetisch verbarg. Das einzige, was er der Weltöffentlichkeit präsentierte, waren seine Filme. Der Rest besteht aus Mythen und Legenden. Hier sind ein paar davon:
Fear and Desire (USA 1953)
Nicht einmal 10 Leute waren an der Entstehung dieses Films beteiligt, darunter
zwei Freunde vom Regisseur (einer schrieb das Drehbuch) und seine erste Frau.
Kubrick selbst arbeitete als Regisseur, Kameramann, Schnitt- und Tontechniker,
Haar-Stylist und Produzent. Kostenpunkt des Films: 20000 $ (hat er natürlich
nie eingespielt) Fear and Desire ist der einzige Film Kubricks, der nicht auf
Video erhältlich ist und auch fast nie im Kino gezeigt wrd. Als der Film
1994 in einem New Yorker Programmkino für eine Woche lief, schaltete Kubrick
Anzeigen, um seinen eigenen Film schlecht zu machen. Er bezeichnete ihn als
amateurhaft, langweilig und vorhersehbar.
Killers Kiss (USA 1955)
Wieder erfüllte Kubrick mehrere Funktionen in Personalunion. Diesmal spielte
seine zweite Frau mit.
The Killing (USA 1956)
Der erste Film, den Kubrick in seiner Filmografie wirklich gelten lässt.
Hauptdarsteller Sterling Hayden über seinen Regisseur: Er ist wie
ein russischer Dokumentarfilmer, der sein gefilmtes Material in fünf verschiedenen
Möglichkeiten zusammenschneiden kann. Es ist dabei egal, was die Schauspieler
tun.
Paths of Glory (USA 1957)
Ohne Kirk Douglas wäre dieser Film wohl nie realisiert worden. Erst als
der Star Interesse an dem Projekt bekundete, willigten die Studios ein, den
Film zu finanzieren.
Spartacus (USA 1959)
Am Freitag dem 13. wurde der ursprüngliche Regisseur Anthony Mann vom Produzenten
und Haupdarsteller Kirk Douglas gefeuert. Kubrick konnte seine letzte Auftragsarbeit
erfüllen. Der Regisseur ersetzte die deutsche Schauspielerin Sabine Bethmann
durch Jean Simmons. Außerdem nahm er den Liebesszenen den Dialog und gestaltete
sie visueller. Am Set wurde der damals noch sehr junge Kubrick kaum ernst genommen.
Doch Kirk Douglas hielt zu ihm. Er gab Kubrick sogar die Adresse seines Psychologen,
damit der Regisseur sich besser in die Psyche des Hauptdarstellers hineinversetzen
konnte.
Lolita (GB 1961)
Da es Zensurprobleme in den USA gab, ging Kubrick nach England und dort blieb
er auch. Zunächst wehrte sich der Romanautor Vladimir Nabokov gegen eine
filmische Version seines Werkes. Doch dann träumte Nabokov von einem Drehbuch.
Daraufhin schrieb er es, gab es Kubrick, dieser schrieb es um und verfilmte
es. Laurence Olivier sollte die Hauptrolle übernehmen. Doch der wollte
nicht und so bekam James Mason den Zuschlag.
DR. STRANGELOVE or: How I Learned To Stop Worrying and Love the Bomb (GB 1964)
Der Film basiert auf dem sehr dramatischen Roman Two Hours To Doom. Und Anfangs
hatte Kubrick auch vor, einen Nuklear-Thriller zu drehen. Beim Drehbuchschreiben
stellte er dann jedoch fest, dass der Roman auch eine gute Komödie abgeben
würde. Gedreht wurde wieder in England, da Hauptdarsteller Peter Sellers
zu diesem Zeitpunkt in eine Scheidung verwickelt war und das Land nicht verlassen
durfte. Er spielte drei Rollen im Film. Ursprünglich war noch eine vierte
für ihn vorgesehen, doch die Versicherung weigerte sich. Produktionsdesigner
Ken Adam kreierte den Kriegsraum des Pentagons ohne auf Authentizität zu
achten. Als Ronald Reagan später den richtigen sah, war er sehr überrascht.
Anzumerken sei noch, dass Darsteller George C. Scott Kubrick als den unlustigsten
Menschen bezeichnete, den er jemals kennengelernt habe.
2001: A Space Odyssey (GB 1969)
Zunächst engagierte Kubrick den Spartacus-Komponisten Alex North. Dann
entschied sich Kubrick klassische Musik einzusetzen und entließ North
wieder. Viel Ärger verursachte der Computer HAL. Ursprünglich lieh
der Schauspieler Martin Balsam HAL seine Stimme. Doch die klang zu gefühlvoll
und so bekam Douglas Rain seine Chance. Dann klagte die Computerfirma IBM erfolglos
gegen Kubrick, da sie sich in HAL wiederentdeckte. Warum nur? Man nehme die
Buchstaben H, A, L, gehe einen Buchstaben im Alphabet weiter, ...
Der Oscar für das beste Make-Up ging in diesem Jahr übrigens ausgerechnet
an den Film Planet der Affen. Gerüchten zufolge glaubte die Jury, dass
die Affen in Kubricks Film echt wären. Ein Reporter fragte Kubrick in Bezug
auf das realistische Aussehen der Affen, ob es unter Kubricks Vorfahren auch
Affen gäbe. Der Regisseur verklagte ihn daraufhin.
A Clockwork Orange (GB 1971)
Der Film lief zunächst sehr erfolgreich in England, wurde dann aber aufgrund
seiner Brutalität aus den Kinos genommen. Dabei hatte Kubrick den Film
bereits entschärft: Die Szene, in der Protagonist Alex mit zwei Frauen
schläft, ließ der Regisseur einfach schneller ablaufen. Der Film
enthält außerdem viele kleine Anspielungen, die den meisten Zuschauern
wahrscheinlich entgehen. So läuft Alex zwischen seinen beiden ehenmaligen
Freunden, die eine Polizeiuniform mit den Nummern 665 und 667 tragen. Alex,
in der Mitte, hätte also die 666. Alex heißt mit Nachnamen eigentlich
DeLarge. Doch später, als in der Zeitung eine Story über ihn steht,
nennt man ihn Alexander Burgess. Eine kleine Referenz an Anthony Burgess, dem
Autor des Romans A Clockwork Orange.
Barry Lyndon (GB 1975)
Kubrick entwickelte für den Film spezielle Linsen, damit er mit natürlichem
Licht filmen konnte. Für das Schneiden der finalen Duell-Szene benötigte
Perfektionist Kubrick exakt 42 Tage. Um die passende Musik für den Film
zu finden, hörte Kubrick sämtliche musikalischen Stücke des 18.
Jahrhunderts. Er fand aber kein passendes tragisches Liebesthema aus dieser
Zeit und entschied sich für ein Stück von Schubert, welches dieser
im Jahre 1828 komponierte.
The Shining (GB 1980)
Die zeitgenössischen Kritiken waren gemischt, Stephen-King-Fans verärgert,
die Einspielergebnisse für einen Kubrick-Film geradezu sensationell. Kubrick
wollte diesmal den Horrorfilm drehen. Dafür war ihm jedes Mittel recht.
Er drehte fast zwei Jahre. Kubrick hat das Studio, in dem Shining gedreht wurde,
so lange beansprucht, dass der Drehbeginn von The Empire strikes back verschoben
werden musste. Das lag wohl zum Teil auch daran, dass Kubrick einzelne Szenen
über 170 mal hat drehen lassen, bis er endlich mit dem Ergebnis zufrieden
war. Längere Zeit hatte es wohl auch gedauert, das Kochsalz zu entfernen,
mit dem Kubrick das Studio hat füllen lassen, weil sich mit ihm besser
arbeiten ließ als mit Kunstschnee.
Die Außenaufnahmen entstanden im Timberline Lodge Hotel, in Oregon. Das
Management bestand darauf, dass Kubrick nicht das Zimmer 217 verwendet (wie
im Shining-Roman). Es befürchte, dass sich sonst kein Gast mehr in diesem
Zimmer aufhalten wolle. Kubrick lenkte ein und änderte in seinem Drehbuch
Zimmer 217 in das nicht existierende Zimmer 237 um. Ein anderes Problem stellte
die Hecke dar, die im Roman lebendig wird. Die damalige Technik machte ein filmisches
Umsetzen nahezu unmöglich. Kubrick entschied sich für die Irrgarten-Variante.
Während der Dreharbeiten hielt Kubrick ständig Kontakt zum Romanautor
Stephen King. Oft vergaß er dabei den Zeitunterschied zwischen England
und den USA und weckte King mitten in der Nacht. Einmal fragte der Regisseur
King Nachts um 5 Uhr, ob er denn an Gott glaube. Der berühmte Ausspruch
Heres Johnny! ist eine Improvisation von Jack Nicholson. Zum
Thema Hollywood-Recycling: Die Anfangsszene von The Shining ist gleichzeitig
die Schlussszene von Blade Runner.
Full Metal Jacket (GB 1987)
Gedreht wurde dieser Vietnam-Film nur in England! Lee Ermy, der Darsteller des
Sergeant Hartman, war ein wirklicher Militärausbilder und sollte Anfangs
nur technischer Berater des Films sein. Entdeckt wurde er von Kubrick beim Casting.
Kubrick wies ihn an, sich vor die Schauspieler (die natürlich nichts ahnten)
zu stellen und sie nach allen Regeln der (Militär-) Kunst zusammenzuscheißen.
Diese waren danach derart schockiert, dass Ermy die Rolle von Kubrick bekam
und im Film eine mehr als überzeugende Vorstellung lieferte. In einer Szene
sieht man im Hintergrund einen Felsen, der sehr an den Monolithen in Kubricks
2001: A Space Odyssey erinnert. Kubrick meinte, dass wäre nicht beabsichtigt.
Eyes Wide Shut (GB 1999)
Über zwei Jahre drehte Kubrick an seinem letzten Film. Kosten: 50 Millionen
Dollar. Das Schauspieler-Ehepaar Tom Cruise und Nicole Kidman zog mit seinen
Kindern extra nach England. Darstellerin Jennifer Jason Leigh war die Drehzeit
zu lang und wurde gefeuert. Alle Szenen mit ihr mussten noch einmal gedreht
werden. Im Vergleich zu seinen sonstigen Filmen erhielt Tom Cruise eine relativ
geringe Gage. Der Star dazu: Es ist Ehre genug, in einem Kubrick-Film
mitspielen zu dürfen. Viel mehr weiß man nicht über diesen
Film, außer dass Kubrick mit seinen Endschnitt zufriedengewesen sein soll.
Doch kann man dass über einen Mann sagen, der sogar noch während der
Aufführung an einem Film (Barry Lyndon) schnitt?
[RH]