Vom Verhältnis der Medien-

gewalt zur realen Gewalt

Urteile und Vorurteile sind schnell ausgesprochen, wenn es darum geht, Filmen mit gewalttätigem Inhalten die Schuld für reale Gewalt in die Schuhe zu schieben. Aber wie verhält es sich eigentlich mit dieser Einflussnahme? Ist die Gewalt im Film ein Spiegel der Realität oder produziert sie die reale Gewalt. Markus Bauer zeichnet die Diskussion in der Medienpsychologie zum Thema “Wirkung von Gewalt in den Medien” nach.

ie Diskussion um die Frage der Wirkung von Gewaltdarstellungen im Film, ist so alt wie das Medium selbst. Seit dem haben sich in der verhaltenswissenschaftlichen Forschung auch verschiedene Ansätze etabliert. Verfolgt man den gegenwärtigen Diskurs, so tauchen diese, ungeachtet ihrer empirischen Belegbarkeit immer wieder auf.
Dies macht deutlich, dass der Bewertungsprozess über Gewaltdarstellungen kein Ergebnis nur der psychologischen Forschung ist. Politische, historische, religiöse und vor allem ästhetische Einflüsse sind zum Teil weitaus stärker. So reicht das Spektrum der Annahmen über beide Extrempositionen. Auf der einen Seite wird eine praktisch beliebige Einflussnahme und Formung des Individuums durch Medien angenommen, auf der anderen Seite beinahe Resistenz.
In der psychologischen Forschung ist man über derart unspezifische Wirkmodelle zu differenzierteren Zusammenhängen gelangt. Man spricht allgemein von bedingter Macht der Medien in spezifischen Situationen. Das mag zunächst banal klingen, bedeutet aber vor allem eines: eine direkte unvermittelte Wirkung von Gewalt in Medien kann zwar erfolgen und sich in gewalttätigem Verhalten niederschlagen, muss aber nicht.
Interessant ist dann natürlich vor allem die Frage, wann Medien Gewalt auslösen können, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und wie diese zu gewichten sind.
Die Forschung zu diesem Fragenkomplex ist nicht zuletzt aufgrund der Popularität des Themas äußerst vielfältig. Zum Teil sind einzelne Studien untereinander nicht vergleichbar, da sie auf ganz unterschiedlichen Begriffsdefinitionen beruhen. Leider zeigt sich gerade in diesem Bereich auch ein gewisser Theorieüberhang zu Ungunsten praktisch verwertbarer Ergebnisse. Forschungsergebnisse können eben nicht objektiver sein als die beteiligten Wissenschaftler. Bislang fehlt eine Systematisierung des Forschungsstandes ebenso wie Beiträge zu zentralen Aspekten von Medien.
Dies sei vorausgeschickt um dem Eindruck vorzubeugen, die Psychologie könne hier einfache Wenn-dann-Aussagen machen, beziehungsweise Etikette wie “gefährlich” oder “ungefährlich” vergeben, obwohl dies von Laien immer wieder gefordert wird.
Das Problem hierbei ist, das viele der am Gewaltdiskurs Beteiligten nach Forschungsergebnissen suchen, die ihre ästhetische Position untermauern. Eine ästhetische Position hat jedoch nur individuelle Gültigkeit. Die Psychologie jedoch ist als empirische Wissenschaft nicht in der Lage, normative Aussagen zu machen. Sie vermag nur Wahrscheinlichkeiten anzugeben, keine Sicherheiten für den Einzelfall. Insofern hat sie in der Diskussion sicherlich einen Beitrag zu leisten, aber nur einen unter vielen. Das individuelle ästhetische Empfinden mag in diesem Fall primärer Natur sein.
Allgemein haben in den Verhaltenswissenschaften sogenannte systemische Sichtweisen an Bedeutung gewonnen, weil sie wirklichkeitsnah sind. Dabei wird - ähnlich wie in der Physik - davon ausgegangen, das abgeschlossene Systeme nicht existieren sondern eine Interaktion verschiedener Systeme die Regel ist. Die Beschreibung von Verhalten hat in dieser Hinsicht oft die Form von Handlungszyklen. Man geht also nicht mehr nur einfach davon aus, dass hoher Fernsehkonsum Kinder aggressiv macht sondern beschreibt einen Kreislauf. Kinder die zu aggressivem Verhalten neigen haben in der Regel auch schlechtere Sozialkontakte. Das heißt, sie verbringen deswegen mehr Zeit vor dem Fernseher. Sie bevorzugen dort ein Programm, dass ihren aggressiven Neigungen entgegen kommt und diese verstärkt. Die Folge davon sind noch schlechtere Sozialkontakte, der Teufelskreis schließt sich. Dieser Kreislauf ist keineswegs abgeschlossen, die Möglichkeit einer Veränderung besteht prinzipiell immer, wie wohl Einbahnstraßen in der Psychologie die Ausnahme sind.
Dieses einfache Beispiel kann bereits verdeutlichen, dass viele Faktoren bei der Entstehung von Gewalt eine Rolle spielen und das der Einfluss von Medien nur einer davon ist.
Deswegen hat sich auch das “Reiz-Reaktions-Modell”, das ein ungeschütztes Ausgeliefertsein gegenüber Medieneinflüssen propagiert, als untauglich erwiesen. Es lässt die psychischen Strukturen seitens des Empfängers - im Beispiel die Disposition zur Gewalt - ebenso außer acht wie personale Einflüsse, im Beispiel die Sozialkontakte zur Umwelt.
Ungeachtet dessen ist diese Position im Diskurs immer noch weit verbreitet. Vielleicht, weil sie der Vorstellung eines sozial isolierten, bindungslosen und verunsicherten Individuums entgegenkommt.
Wenn diese Sichtweise Gültigkeit hätte, müsste es logischerweise auch möglich sein, den sozialen, uneigennützigen Menschen mittels Medien herzustellen. Die Neuformung des Menschen wäre jedoch ein zu gravierender Effekt, als dass die psychologische Forschung ihn zur Verfügung stellen könnte. Eine derart radikale Veränderung der Persönlichkeit stößt unmittelbar an ethische Grenzen. Man kann im Experiment keinen Rambo erzeugen nur um zu belegen, dass visuelle Medien den Menschen noch schlechter machen als er ohnehin schon ist.
Im Gegensatz zum “Reiz-Reaktions-Modell” postulieren Modelle vom aktiven Publikum kaum eine Beeinflussungdes Konsumenten. Sie verweisen auf unterschiedliche Gründe für den Konsum, zum Beispiel Zerstreuung oder Ablenkung oder sehen Kommunikation mit Medien als Rollenspiel. Allen Ansätzen dieser Richtung ist gemeinsam, dass sie die Medienwirkung unterschätzen und damit verharmlosen. Denn tatsächlich strukturieren Medien sehr wohl das Bild von der Wirklichkeit und prägen in einem gewissen Grad die Vorstellung von der gesellschaftlichen Realität. Ihr Einfluss ist um so stärker, je weniger eigene Erfahrung der Empfänger dagegen setzen kann. Dies ist bei neu auftauchenden Problemen ebenso der Fall wie in Krisenzeiten, wo das Wert- und Normengefüge erschüttert ist.
Zusammengefasst betrachtet, bieten Modelle von totaler Manipulierbarkeit oder Immunität keine guten Erklärungsmöglichkeiten für die Wirklichkeit. Viele Faktoren haben Einfluss: die soziale Integration des Empfängers, Neugier, die Verständlichkeit der Information und nicht zu vergessen Persönlichkeitsmerkmale wie beispielsweise Intelligenz.
Natürlich kann die konkrete Gewaltszene im Film der Tropfen sein, der das Fass zum überlaufen bringt, aber dafür müssten viele andere Weichen schon vorher in die entsprechende Richtung gestellt worden sein. Gewalt muss dabei nicht die hauptsächliche Reaktion sein. Hilflosigkeit, Verdrängung oder Depression können ebenso eintreten. Es ist daher leicht einzusehen, dass die Psychologie die Diskussion um die Folgen von Gewaltdarstellungen in den Medien nicht abschließen kann. Sie ist eher in der Lage zu sensibilisieren und dem Diskurs abseits von Dogmen neue Spielräume zu eröffnen.

Literatur zum Thema
• Dagmar Krebs: Gewalt und Pornographie im Fernsehen - Verführung oder Therapie. In: Merton, K. u. a. Die Wirklichkeit der Medien. Opladen 1994. S. 352 - 376.
• Seymour Feshbach: Fernsehen und antisoziales Verhalten. Perspektiven für Forschung und Gesellschaft. In: Groebel, Jo u. a. (Hg.). Empirische Medienpsychologie. München 1989. S. 65 - 75.
• Jürgen Grimm: Physiologische und psychologische Aspekte der Fernsehgewalt-Rezeption. In: Medienpsychologie. Jg. 9, Heft 2/1997. S. 127 - 166.


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