Einer der Höhepunkte der Filmfestspiele von Pesaro war
die Retrospektive zu Ernie Gehr. Das Werk des amerikanischen Experimentalfilmers,
das dieses Jahr schon in New York gezeigt wurde, umfasst 25 Filme, ausgehend
von seinen größten Erfolgen in den späten 60er und den 70er
Jahren bis zum aktuellsten Beitrag, einem quasi-dokumentarischen Film über
seinen Sohn Daniel.
Gehr ist ein Filmemacher der elementaren Art. Seit er anfing, auf zunächst
8mm Filme zu drehen, verfolgt er dieselbe Idee. Fasziniert von der bloßen
Existenz von Personen und Dingen, versucht er einzufangen, was vor der Kamera
passiert. Er konstruiert keine Handlung. Vielmehr konzentriert er sich auf kleinste
Veränderungen, Banalitäten in unserem täglichen Umfeld. Er stellt
die menschliche Wahrnehmung in Frage, indem er die Phänomene des Mediums
selbst in die Bilder und Töne einfließen lässt. Bewusst spekuliert
er auf das ratternde Geräusch des Projektors, auf Schnittfehler und Materialschäden,
die er selten behebt. Durch Überblendungen, Filter, Farbverzerrungen und
das oft lange Verharren auf einem Motiv erreicht er einen anderen Blick auf
Gewöhnlichkeiten und Alltägliches.
Die meisten seiner Filme sind auf minimale Mittel beschränkt, auf wenige
Kamerabewegungen, sich wiederholende Motive und oft sogar nur auf ein einziges
Bild. Viele Filme kommen ohne Ton aus.
Gehr selbst versteht seine Art Filme zu machen als Gegenentwurf zu einem Kino,
das seine Wirkung daraus erzielt, dass es fortlaufend Befehle an den Zuschauer
gibt. Die Abfolge der Bilder, der Szenen und letztendlich der Handlung im herkömmlichen
Kinofilm führen den Betrachter von einem Moment zum nächsten, ohne
die Möglichkeit zur Reflexion zu geben. Die Aufmerksamkeit wird bewusst
gesteuert, was gewissermaßen bedeutet, dass der Zuschauer Befehle erhält.
Anders in Gehrs Filmen, die Minuten, manchmal halbe Stunden lang in einer Einstellung
verharren und mehr Zeit zur Reflexion geben, als manchem Zuschauer lieb ist.
Der einzige Befehl ist immerhin der, hinzuschauen und zu entdecken. Ernie Gehr
bevorzugt es, "die Leinwand als Dschungel" zu betrachten, in dem sich
der Zuschauer allein durchschlagen muss, ohne Befehle, aber auch ohne Hilfe.
Und durchschlagen
muss man sich! Abgesehen von der scheinbar endlosen Dauer der meisten Filme,
sind sie auch in anderer Hinsicht eine Herausforderung an unsere (Kino-) Sehgewohnheiten.
Es gibt einige Filme, die direkt die physische Substanz des Betrachters angreifen.
Die extrem schnellen Schnitte in "Untitled Part I" von 1981 etwa können
heftige Augen-und Kopfschmerzen verursachen und bringen so in die Bildercollage
über Flüchtlinge in Brooklyn eine Ebene der Wahrnehmung, die man sonst
nicht im Kino erwartet.
Gehrs prominentester, von der Kritik als sein Hauptwerk bezeichneter Film "Serene
Velocity" von 1970 spielt ebenfalls mit den Grenzen unseres Wahrnehmungsvermögens.
23 Minuten lang sehen wir ein und dasselbe Bild: den quadratischen Ausschnitt
eines kahlen Flurs in irgendeinem sterilen Bürogebäude, getaucht in
grelles Neonlicht. Ton gibt es keinen. Ausgehend von einem bestimmten Punkt
des Flurs fokussiert die Kamera immer vor und zurück. Das Resultat ist
ein auf räumlicher und zeitlicher Ebene perfekt ausgewogenes Diagramm in
Filmform. Soweit ist der formale Inhalt leicht bestimmbar. Was aber die Wirkung
betrifft, so ermöglicht der Film als eine Art Experiment die Beobachtung
verschiedenster Phänomene. Das auf den ersten Blick so simple Arrangement
birgt ein weites Potential an Wirkungen auf den Zuschauer. Am intensivsten ist
wohl für alle das Gefühl, unfreiwillig mit dem Objektiv verschmolzen
zu sein. Man wird unnachgiebig im Rhythmus der Fokusbewegungen vor- und zurückgestoßen.
Je nach Gemütsart entsteht der Eindruck von Brutalität oder von meditativer
Gleichförmigkeit. Der Film kann einschläfern oder aufwühlen.
Abwechselnd wie ein Vexierbild, das je nach Wunsch diesen oder jenen Zustand
eines Gegenstandes zeigt, nimmt Serene Velocity zwei- oder dreidimensionale
Züge an. Einmal erscheinen die Diagonalen als Fluchtlinien einer tiefen
Räumlichkeit und der Flur wird plastisch. Im nächsten Moment sieht
man nur noch ein abstraktes Gemälde alla Op-Art, das durch den Film über
die angestrebte Illusion von kinetischer Kunst hinausgeht und tatsächlich
in Bewegung gerät.
Gehrs bedeutendster Film der 80er Jahre Signal-Germany on the Air, entstanden
zwischen 1982 und 1985, erscheint den minimalistischen Frühwerken wie Serene
Velocity formal völlig entgegengesetzt. Dem Zuschauer wird in 37 Minuten
eine Fülle von Bildern und Tonaufnahmen präsentiert, deren Zusammenhang
sich nicht leicht erschließt. Ohne etwas von Gehrs Intention zu wissen,
sieht man einfach mit Neugier an, wie er wohl diesmal sein Interesse am Banalen
verfolgen und unser Wahrnehmungsvermögen testen wird. Man mag fündig
werden auf der Suche nach dem Ernie Gehr, den man zu kennen glaubt. Aber es
ist wahrscheinlicher, dass man auf Ungereimtheiten stößt. Man entdeckt
Dinge, die nicht einfach nur ihrer Existenz um willen interessant sind, sondern
ebensogut als Anspielungen verstanden werden können. Je nach Aufmerksamkeit
kommt man früher oder später zu der Erkenntnis, daß es in Signal
um Spurensuche geht. Konkret um die Spuren und Überreste der Nazivergangenheit
Deutschlands, konzentriert auf wenige Straßen und Plätze Berlins.
Was zunächst so verwirrt, ist die Tatsache, dass uns Gehr auf Ecken und
Straßenkreuzungen blicken lässt, die wir vermutlich nie gesehen haben,
weil sie keine der in jedem Touristenführer erwähnten Berliner Knotenpunkte
sind. Dennoch erscheinen sie seltsam vertraut, wie die Straßen und Gebäudefronten,
die wir täglich entlanglaufen. Nicht besonders wichtig und nicht besonders
sauber, mit ganz normalen Menschen, die durchs Bild laufen, ohne zu wissen,
dass sie gefilmt werden. Ausgerechnet an solchen Orten, die niemanden sonderlich
interessieren, setzt Gehrs Spurensuche an. Er entdeckt, immer kombiniert mit
unschuldigen Vorstadtszenen, Zeugnisse der Vergangenheit. Ein abgewracktes Gebäude,
nun als Kiosk genutzt, wird als ehemaliges Gestapohauptquartier identifiziert,
Bahngleise führen ins Nichts und verrostete Schilder bezeichnen umfunktionierte
Nazistätten. Alles ist entweder im Verfall begriffen oder völlig umgewandelt.
Nichts soll mehr an die Vergangenheit erinnern. Gerade aber in diesen Anspielungen
und der scheinbar unzusammenhängenden Verbindung von Bild und Ton, findet
man Gehrs Idee vom Sichtbarmachen des Banalen wieder und entdeckt gleichzeitig
sein politisches und soziales Interesse, dass sich eher in Form von Neugier
denn als Anklage äußert. Die immer wiederkehrenden Verkehrsschilder,
Mülltonnen und Ampelkreuzungen dienen dementsprechend einer Bestandsaufnahme
der Gegenwart und haben ebenso in die Vergangenheit reichenden Zeichencharakter.
Von allen Tonfilmen am eindrücklichsten bleibt Signal in Erinnerung wegen
seiner verwirrenden und assoziationsreichen Kombination von visuellen und akustischen
Spuren. Sie laufen unabhängig voneinander ab und sind wiederum, wie so
oft bei Ernie Gehr, collagenartig zusammengesetzt. Während der unspektakulären
Einstellung auf eine Kreuzung hört man Originalmitschnitte von Radiosendungen
aus der Kriegszeit, wild durcheinanderschwatzende Afrikaner, aufgenommen an
irgendeiner Straßenecke Berlins oder kurze Ausschnitte aus einer Sprachlernkassette
für Ausländer, die befremdliche Sätze über die deutsche
Kultur abspult.
Zu Gehrs üblichem Bemühen um die Versicherung der Existenz kleiner
Dinge tritt in Signal eine Dimension, die vom Zuschauer mehr Ernst verlangt,
zusätzlich zu dem sonstigen spielerisch experimentellen Umgang mit seinen
Filmen. Wie immer aber macht Gehr deutlich, dass auch diese beängstigende
Spurensuche ein künstliches Produkt ist. Der Film endet mit einer Flut
von Ton- und Lichteffekten, gekrönt vom rot-orangen Aufflimmern des letzten
Filmstreifens. Ob man nun darin ein apokalyptisches Zeichen sieht, das Ausnutzen
des Materials bis zum letzten Filmschnipsel oder was sich sonst an Assoziationen
aufdrängen mag, bleibt jedem selbst überlassen. Gehr hat sich nie
zur Bedeutung seiner Filme geäußert. Er wünschte sich anläßlich
der Pressekonferenz in Pesaro vielmehr ein möglichst breites Spektrum der
Lesarten, die immer auch die Elemente des Films selbst, also sogar Projektor
und Leinwand, als Bestandteile des fertigen Produkts einbeziehen sollen. Denn
erst die unterschiedlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten von Film und ihre
Veränderlichkeit machen für Ernie Gehr das Elementare an seiner Art
von Experimentalfilm aus.
[NS]