Hausproduktionen

Experimentelles und die Weimarrolle


Frank Nitschke, Initiator des Films Die Schere, Der Mond, Das Wesen beweist in seiner ersten Arbeit Gespür für ruhige Bildästhetik. Das Filmprojekt, das im Rahmen eines Experimental- und Avantgardefilmseminars entstand, zeigt einen Zeitungsleser am Abend in inversen Farben und ChillOut-Sound, dazu das sich im Rhythmus spiegelnde Hifi-Display. Gleich nebenan - Schneesturm im laufenden Fernsehen. Nächtliches aus einem längst vergangenen TV-Zeitalter. Von Licht und Schatten verfolgt, irrt der Leser durch Wohnung und Nacht, immer wieder überblendet vom Fernsehrauschen, um schließlich von einem Auto überrollt zu werden. Vom rauschenden Fernsehbild, das sich als assoziatives Schlafelement bestätigt, weggezoomt, erstrahlt der schlummernde Mann über seiner Zeitung in leuchtenden Farben, um am Ende im grieselnden Fernsehen den Abspann erleben zu dürfen.
Wer kennt sie nicht - die Tagträume, ausgestattet mit zahllosen, anonym-kafkaesken Verfolgungsjagden. Die Thematik ist teils gelungen, teils inkonsequent umgesetzt. Wie erwähnt, liegen die Stärken in der Anordnung und Konstruktion der Einzelbilder, wie der in inversen Farben gehaltene Raum mit dem Blick auf die Zeitung und den Leser beweist, und so ein fotografisches Vermögen belegt. Der wesentlichste Schwachpunkt ist der unsichere Schnitt, er markiert erst die Konstruktion und hebt sie hervor. So lange es der Narration dient, sie also dehnt oder kürzt, ist es legitim. Aber lange Plansequenzen erfordern dramaturgisches und schauspielerisches Potential. Es bedarf eines “Schnittbewusstseins”, um dies als eigene Stärke zu benutzen. Einschränkend bleibt natürlich die Tatsache, dass es sich um einen ersten Versuch handelt und es ist um so erfreulicher, dass in dem zweiten Projekt des gleichen Autors, die Konsequenz und Sicherheit beim Schnitt gezeigt wurde.
Assoziationen zu Weimar - unter diesem Leitgedanken initiierten 3Sat und die Kulturstadt Weimar GmbH ein Mammutprojekt zur Jahrtausendwende. In Form eines einminütigen Films oder Videoclips können Beiträge eingereicht werden, die seit Februar 99 vierteljährlich auf 3SAT gesendet werden. Die Möglichkeit, die eigene Arbeit im TV zu sehen, motivierte auch einige Köpfe in der Jenaer Humboldtstraße. Zwei Projekte sind bereits fertig und warten auf ihre Fernsehpremiere. Beide Arbeiten sind experimentell und beziehen sich auf die dunklen Zeiten der Stadt.
Maik Wollrabs Minute Weimar zeigt drei verschiedene, mit melancholischen Klängen unterlegte, Weimar-Ansichten. Drei feste Kamerastandpunkte, die sich um die eigene Achse drehen. Der Hauptbahnhof als Ankunftsort, eine mit Graffitis überlagerte Wand in der Mitte und die Gedenkstätte auf dem Ettersberg, die mit der untergehenden Sonne den Film beendet. Assoziiertes zu Weimar - der Bahnhof: An und Abfahrt, Alltag, Flüchtiges, Ankunft, Abschied ... Die bunte Wand: Klassik, Kultur, Kitsch, Jugend ... Ettersberg: ohne Worte. Historisches und Alltägliches einfach-spartanisch bebildert. Weimar, der Name scheint Symbol genug, um eine Assoziationskette auszulösen. Der Film kommt daher mit Wenig aus, ohne Neues zu benennen. Eine Minute ist kurz, obwohl ein Nachspann möglich gewesen wäre.
Der zweite Beitrag stellt sich da schon provokativ quer. Der in dem Gemeinschaftsprojekt zwischen Frank Nitschke und Sebastian Ziegaus entstandene Beitrag für die Weimarrolle Der Sonntagsspaziergang bezieht sich auf den letztjährigen Streit zwischen Ignatz Bubis und Martin Walser. In rasender Fahrt von Buchenwald zum Gauforum wird die hochkontroverse Debatte in Ausschnitten zitiert. Erstaunlich sind die synchron arbeitenden Ton- und Bildelemente: Einerseits die am Schneidetisch beschleunigte doppelt belichtete Fahrt, die im verzerrten Bild des Gauforums endet und andererseits die gegeneinander laufenden Satzfetzen. Des ernsten Themas bewusst, wirken diese Elemente auf beiden Ebenen grotesk und ergänzen sich auf merkwürdige Weise. Die aneinandergereihten Zitate hinterlassen genau dieses mit Symbolen geladene schiefe Bild, welches am Ende zu sehen ist, schaffen innerhalb einer einzigen Minute Verwirrung und belegen die Brisanz der Thematik.


[TR]