Der Film macht das Genre

Die Arthur Penn-Retrospektive in Pesaro

Einer der Höhepunkte der diesjährigen Mostra Internazionale del Nouvo Cinema in Pesaro/Italien war zweifelsfrei die Retrospektive über den Amerikaner Arthur Penn, den kein Geringerer als Ingmar Bergman selbst einen der “größten noch lebenden Regisseure” genannt hat. Vom 15. bis zum 23. Juni wurden alle Filme Arthur Penns im Teatro Sperimentale di Pesaro einem begeisterten Publikum vorgeführt. Arthur Penn war selbst anwesend. Es bot sich die einmalige Gelegenheit, die Philosophie des Meisterregisseurs über das Filmschaffen im Allgemeinen und Besonderen zu hören.
Zur Person Arthur Penns: Nach seinem Studium, das ihn auch nach Europa führte (1949 - 1950 in Florenz und Perugia), begann er seine Karriere 31-jährig 1953 als Regisseur mehrerer Episoden der erfolgreichen amerikanischen TV-Serien Gulf Playhouse: First Person und Philco Television Playhouse. Fünf Jahre später drehte Penn seinen ersten Spielfilm The Left Handed Gun (Einer muß dran glauben, USA 1958) - ein ungewöhnlicher Western nach einem Bühnenstück von Gore Vidal mit Paul Newman in der Rolle des Billy the Kid. Der Film fiel in den USA durch, in Europa wurde er jedoch ein großer Erfolg.
Arthur Penn wandte sich danach dem Theater zu und führte Regie am Broadway. Er inszenierte das Bühnenstück The Miracle Worker (Licht im Dunkel, USA 1959), das er unter dem gleichem Titel knapp ein Jahr später auch fürs Kino adaptierte. Es behandelt die Biografie der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller. Dieser Film ist charakteristisch für das gesamte Filmschaffen von Penn, der sich in weiten Teilen um Authentizität, Detailtreue und Realitätsnähe bemühte und dabei stets eine sozialkritische Aussage anstrebte. Anne Bancroft für ihre Rolle der jungen Erzieherin Annie Sullivan und Patty Duke als beste Nebendarstellerin in der Rolle der Helen Keller bekamen jeweils den Oscar.
Der entgültige Durchbruch als Filmregisseur gelang Arthur Penn allerdings mit Bonnie and Clyde (USA 1967). Warren Beatty und Faye Dunaway spielen ein junges Gangsterpärchen, das sich seinen Traum von Freiheit und Reichtum erfüllen will.
Danach führte Arthur Penns Erfolgskurve nur noch steil nach oben: Mit Alice’s Restaurant (USA 1969), Little Big Man (USA 1969), Night Moves (Eine heiße Spur, USA 1975) und Missouri Breaks (Duell am Missouri, USA 1975) wurde Penn ganz ohne Zweifel einer der berühmtesten und originellsten Regisseure Hollywoods der sechziger und siebziger Jahre.
Penn hat es wie kein anderer verstanden, Gewalt im Film realistisch darzustellen. Szenen wie in Little Big Man, als Crabbs junge indianische Frau und sein Baby von Weißen erschossen werden, wie in The Chase (Ein Mann wird gejagt, USA 1965), als der Sheriff (Marlon Brando) beim Versuch, eine Lynchjustiz zu verhindern, zusammengeschlagen wird, oder wie in Bonnie and Clyde, als die beiden am Ende sterben, sind in der Filmgeschichte beispielhaft für realistische Gewaltdarstellung.
Penn hat sich in Pesaro zu seinen Motiven geäußert. Er verurteilte, dass Gewalt im Film häufig verharmlost wurde. “Gewalt ist nicht harmlos. Ich will, dass die Leute genau sehen, was Gewalt ist.”, sagte Penn, und weiter: “Viele wissen gar nicht, wie das aussieht, wenn einer erschossen oder zusammengeschlagen wird, weil die meisten Filme das nicht richtig zeigen.”
Die Filme von Arthur Penn lassen sich keinem bestimmten Genre zuordnen. Sie sind eher eine Kombination aus mehreren generischen Elementen. Little Big Man, den Arthur Penn im übrigen als seinen Lieblingsfilm bezeichnete, vereint sowohl Elemente des klassischen Westerns als auch der Komödie und des Dramas. Auch Georgia’s Friends (Vier Freunde, USA 1981) besitzt - typisch für Arthur Penn -dramatische und auch komödiantische Momente. In Pesaro hat Penn zu seiner “Genreunbestimmbarkeit” Stellung genommen: “Der Film macht das Genre, nicht das Genre den Film.” Außerdem, so Penn, lege er sehr viel Wert darauf, dass die Schauspieler ihre Rollen mit Persönlichkeit ausfüllen. Manchmal, sagt er, können Improvisationen der Schauspieler einer Rolle erst das richtige Flair verleihen. “Wenn die Schauspieler nichts taugen, dann kannst Du den Film vergessen.” Arthur Penn arbeitet am liebsten mit Schauspielern zusammen, die vom Theater kommen: Dustin Hoffman, Faye Dunaway, Paul Newman, Gene Hackman, Marlon Brando, Robert Redford - alle sind Theater-und Bühnenschauspieler.
Am 27. September wird Arthur Penn 77 Jahre alt. Seinen (bisher) letzten Film Inside drehte er mit 74 Jahren, und immer noch arbeitet er als Theaterregisseur am Broadway.

Literatur:
Leonardo Gandini (Hrsg.)
XXXV Mostra Internazionale del Nouvo Cinema. Arthur Penn.
Pesaro 1999. (ISBN 88-8033-144-2).


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