Pornografie, was heißt das eigentlich? Die Porne, die
Unzucht treibende oder auch Hure wird grafisch visualisiert. Heute versteht
man darunter das Zeigen so genannter "hardcore-scenes", in denen der
Geschlechtsakt detailliert dargestellt wird. Wir als Autoren sind uns nicht
einig, ob die Rolle der Ponografie in der Filmgeschichte einfach nur tabuisiert,
oder ob sie bisher tatsächlich nicht ernst genommen wurde. Denn es liegt
auf der Hand, dass sie zu den Pionierzeiten des damals völlig neuen Mediums
Film einfach dazugehört hat und als Vermittler eine ähnliche Entwicklung
durchmachte wie heute das WWW, welches ebenfalls erst am Beginn seiner Möglichkeiten
steht.
Pornografische Darstellungen gehörten zu den Jahrmärkten, den ersten
Foren der Kinematografie, in denen auch anderen Elementen des Mythischen oder
Magischen eine Randexistenz eingeräumt wurde. So durfte auch das unbändig
Hässliche oder Urgewaltige, das auftrat als "stärkster Mann der
Welt" (Titan/Riese) oder "kleinster Mann" (Zwerg), in dieser
Nische Zuflucht nehmen.
Zwischen
all diesem Tumult konnten kulturgeschichtliche Traditionen, die nicht "pc"
waren und seiner Zeit durch die puristischen Ästhetiken der Aufklärung
und des Idealismus weitgehend abgebrochen wurden, fortleben.
Mit tiefgreifendem Ausschluss2 des Hässlichen oder Beängstigenden
aus Literatur und Kunst wichen große Teile damaliger Theorie- und Symboltraditionen
in die trivialeren Formen, wo wir ihnen noch heute begegnen können: Als
entfremdete Gestalten uralter und mythischer Weltkonzepte, die selbst in ihrem
profaneren Dasein faszinieren; Zwerge, Riesen, Zauberer, Nymphen, Priester und
Priesterinnen längst vergessener Kulthandlungen.
Noch immer besitzt der Film eine starke Affinität zu jenen Jahrmärkten
der Jahrhundertwende. In ihm ist es beispielsweise das anthropomorphe Geisterhaus
mit Augen und Ohren, ebenso der Geisterwald, das lebendige Raumschiff, elektrisch
gesteuerte Titanen, monströse Gestalten und die sexuelle Handlung als Verkörperung
des tabuisierten Bösen, das (un-)heimliches Grauen und Interesse weckt,
aber nur dem Kenner Einblicke in die archaischen Abgründe des doch so neuen
Mediums gewährt.
Interesse zu wecken ist immer ein Anliegen mimetischer Kunst, die etwas nachahmen
will, um im Betrachter Anteilnahme, Einfühlung, kurz Empathie zu erzeugen.
Zunächst ist dies scheinbar nichts als intellektualisierender Voyeurismus,
der Empfindung ohne wirkliche Beteiligung am Geschehen will. Aber die Intention
des Kunstwerkes geht darüber hinaus. Sie will keine blutarme Transzendentalreflexionen
aus gelehrsamer Ferne, denn sie fordert Distanzlosigkeit und Immanenz, drängt
auf eine Handlungsebene, die eine andere, als die des Kunstwerkes und des Plots
ist, um sich existenzial verwirklichen zu können.
Das Kunstwerk, das Artefakt muss Strudel sein, der den bloßen Zeugen zum
Täter werden lässt. So gesehen scheint Pornografie mimetische Kunst
par excellence zu sein, denn Handlung hervorzubringen ist ihre größte
Intention.
Der Sündenfall der Erkenntnis im Handeln ist nicht nur über die Lust
am Sehen, sondern auch über das körperliche Empfinden möglich.
Jede Erkenntnis, ob gesehen oder gefühlt, ist ein aktives "sich aneignen"
und so auch Selbstbestimmung und Verwirklichung.
Man erinnere sich an die folgende bekannte Bibelstelle: "Und der Mensch
erkannte Eva, sein Weib, und sie ward schwanger und gebar Kain (...)"3
Das Kunstwerk und insbesondere der Pornofilm implizit den visuellen und den
somatischen Sündenfall. Ein großes Thema der Menschheitsgeschichte
also. Handlung, Schöpfung, Sünde: Das ist das Dreigestirn des menschlichen
Daseins, ein Konstrukt, dass die Autonomie der Götter als Alleinschöpfer
und Singularität blasphemisch kontakariert.
Die Motivaton, unser bestes Welterklärungsmodell4, ist verblüffend
einfach und gut nachvollziehbar. Und alles, was motiviert ist, ist erklärt
und verstanden. Der Stein, der zum Erdmittelpunkt "will", weil in
ihm eine Kraft wirkt, ist genau so "motiviert" wie Othello, der auf
Grund seiner Selbstzweifel und Eifersucht zum Mörder an seiner Geliebten
wird.
Wenn wir einen Film sehen, wollen wir verstehen, uns auf die Figurenebene begeben
und in das Medium eintauchen. Je besser dies gelingt, desto besser meinen wir
zu erkennen.
Das könnte auch den Umstand erklären, dass ein weitgehender Verzicht
auf herkömmlich motivierte Handlungsmuster beim Pornofilm möglich
ist. Zum einen ist die Motivation zu sexuellen Akten für uns recht einleuchtend
und zum anderen ist das Genre auf Grund von Sanktionen und innergesellschaftlicher
Tabuisierung erst einmal interessant genug.
Immer hat Sexualität und ihre Darstellung auch etwas zu tun mit Träumen
und Fantasien. Darum auch die starke Affinität zu "Mythen" und
"Märchen", was diese Dinge betrifft.
Es hat im Grunde nichts damit zu tun, wie Sex tatsächlich erfahren wird
oder von welcher Art Bedürfnisse und Gefühle sind. Auch die Austauschbarkeit
der Partner verweist nicht gerade auf eine reale Liebesbeziehung. Es geht um
etwas ganz anderes. Es geht um die Domestizierung des Sexus und der Frau. Denn
in den Darbietungen ist ebenso eine gewisse Erstarrung auszumachen, wie ein
Zwang zur Wiederholung.
Im Grunde spielt es keine Rolle mehr, wer dort agiert oder zu welcher Zeit es
geschieht; das Terrain der Realität ist verlassen und wir treten in einen
Raum mythischer Zeit, in der durch ständige Erneuerung (man bestaune die
unglaubliche Anzahl solcher Streifen) eine eigene, im Grunde zeitlose Dimension
geschaffen wird. Hier bekommt der kosmische Kampf einen realen Schauplatz. Das
Weibliche ist das wilde, natürliche, chaotische Element, der Mann versucht
es durch feste Handlungsmuster zu ordnen und im wahrsten Sinne zu unterwerfen.
Die Frau erstarrt im Verlauf des Aktes zu einem willenlosen Objekt, wird zum
Doppelgänger des Mannes, teilt seine Wünsche und Bedürfnisse
männlicher Sexualität und wird so Eins mit ihm; eine bloße Verlängerung
seiner Erektion.
Im Wesentlichen entspricht das auch der biblischen Vorstellung, dass die Frau
(dort "Männin"5 genannt) nur ein Teil Adams Leibes ist, der ihm
auf sinnvolle Weise irgendwie wieder angegliedert werden muss.
Und selbst in der östlichen Anschauung, in der Yin und Yang einander ergänzende
Kräfte ohne Dominanzbeziehungen sind, existiert dieser Kampf, das Ringen
um Stabilität, Kontrolle, Beherrschbarkeit eines gestaltlosen "Aperion".
Als Henry Miller in Die Welt des Sexus schreibt: "[...] wenn wir wie Wiesel
leben, ficken wir wie Wiesel [...] Jetzt essen, schlafen, arbeiten, spielen
wir - und ficken sogar! - wie Automaten" verkennt er das geradezu übersinnliche
Wesen des Automaten. Denn in ihm, in der Maschine versinnbildlicht sich das
Prinzip der Ordnung, des Rhythmus: das Spiel kosmischer Zahlen auf der siebensaitigen
Lyra des Pythagoras.
Im knisternden Räderwerk des Filmes taucht dieser ordnende Zug wieder auf
und vollzieht so die endgültige und unlösbare Verbindung des Mediums
mit dieser Thematik.
Film ist nicht nur Einstellung, Schnitt, Kameraführung ... Er ist vor allem
Rhythmus, ordnende Gewalt im Strom der Bilder, seine Maschinerie ist die heimliche
Verbindung zur Erotik des Universums, den Prinzipien menschlicher Erkenntnismuster
und kultureller Selbstreproduktion.
[MW]
(1) Definition aus: Knaurs Lexikon a-z., 1973.
(2) Dazu zählte auch die Sexualität, die der Puritanismus des Christentums
zum rein mechanischen Vorgang degradierte. Interessanter Weise findet eine solche
Haltung bis in die heutige wissenschaftliche Biologie hinein ihre Fortsetzung.
(3) Ge 4:1 (Elb)
(4) Selbst in der Physik werden Bewegungen mit Kräften erklärt, die
bei genauerer Betrachtung nichts als unterstellte Motivationen darstellen, die
den physikalischen Körpern innewohnen sollen.
(5) Vgl. Ge 2:23: Und der Mensch sprach: Diese ist einmal Gebein von meinen
Gebeinen und Fleisch von meinem Fleische; diese soll Männin heißen,
denn vom Manne ist diese genommen.