Viel Lärm um nichts

Psychologische Annäherung

Pornografie ist längst zu einem Massenkonsumartikel geworden. Jeder bemerkt das umfangreiche Angebot nicht nur in Videotheken oder dem Bahnhofsbuchhandel, auch an Tankstellen sind Filme und Hochglanzmagazine so leicht erhältlich wie eine Schachtel Zigaretten. Es ist natürlich verwunderlich, dass sich die Debatten in Feuilletons und Talk-Shows gleichermaßen immer noch erhitzt um die Bedeutung einer Ware streiten, die längst fester Bestandteil des Alltags geworden ist.
Die Zuschreibung schädlicher Wirkung ist so bekannt, wie die gesellschaftlichen Zirkel, die sie in Umlauf bringen. Was aber Kirchen, Feministinnen und konservative Redakteure übersehen, ist die Attraktivität der Pornografie. Wirtschaftlich ist sie längst eine Industrie mit erheblichen Wachstumsraten. Warum eigentlich? Was bietet Pornografie dem zwar oft heimlichen aber nicht minder zielbewussten Konsumenten? Die Antwort ist sehr einfach: eine Projektionsfläche für die eigenen sexuellen Fantasien. Wobei Fantasie ein Begriff ist, der selten mit dem Thema in Zusammenhang gebracht wird. In der Öffentlichkeit dominieren immer noch die alten Deutungsmonopole, die die Wurzeln so verschiedener Phänomene wie Gewalt, Frauenfeindlichkeit, Perversion und häufigem Partnerwechsel in der Pornografie ausmachen.
Bis vor wenigen Jahren war die wissenschaftliche Faktenlage erstaunlich dürftig. Aber anscheinend ist es auch in der Psychologie nicht einfach, dort seriöse Untersuchungen anzustrengen, wo naive Kausalannahmen, moralische Generalisierungen und Unterstellungen ins Kraut schießen. Mittlerweile liegen jedoch auch repräsentative Untersuchungen für Deutschland vor. Die Ergebnisse sind zum allergrößten Teil eine Absage an diejenigen, die der Pornografie eine primär schädigende Wirkung zuschreiben. Pornografie induziert keineswegs sexuelle Vorstellungen, sondern sie ist umgekehrt viel mehr ein Spiegel der sexuellen Fantasien in unserer Gesellschaft. Sie ist also eher ein Angebot für eine ohnehin bestehende Nachfrage. Dafür spricht, dass sich die sexuellen Fantasien von Konsumenten und Nichtkonsumenten nicht unterscheiden. Pornografie ist deswegen so attraktiv, weil sie nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern eine Gegenrealität schafft. Dies gilt für weibliche wie männliche Konsumenten gleichermaßen. Dass Frauen eine eher entschärfte Darstellungsweise bevorzugen, ist ein frommes Märchen. Ihre physiologischen wie psychologischen Reaktionen auf die Darbietung von Standardpornografie unterscheiden sich nicht von denen der Männer. Es gibt zwar individuelle Unterschiede aber keinen geschlechtsspezifischen Effekt.
Auch die Theorie der Eskalation lässt sich wissenschaftlich nicht bestätigen. Es gibt beim Konsum keine Spirale, die bei weicher Erotik beginnt und automatisch bei perversen Darstellungen endet. Ganz im Gegenteil: Selbst bei Langzeitkonsum wird auf das Standardprogramm zurückgegriffen. Möglich ist eine Konsumspirale lediglich in quantitativer Hinsicht.
Eines der Hauptargumente im Kampf gegen Pornografie war immer ihre virulente Potenz als Auslöser von Nachahmungsversuchen. Aber auch hier findet sich kein Zusammenhang. Der Konsum hat keine direkte Auswirkung auf das sexuelle Handeln. Die Vorstellungen von Sexualität bleiben ebenso unbeeinflusst, wie die Partnerschaft oder das sexuelle Bild vom Partner. Intensive Konsumenten und Nichtkonsumenten unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihres Sexualverhaltens, beispielsweise ist die Neigung zum ”Fastfood”-Sex in beiden Gruppen gleich groß.
Wissenschaftlich gesehen ist die These, dass Pornografiekonsum die Tendenz zu Vergewaltigung oder sadistischen Praktiken erhöht, nicht haltbar. Die Prädisposition des einzelnen ist hier der entscheidende Faktor. Menschen, die nicht über eine derartige erhöhte Verhaltensbereitschaft verfügen, erlangen sie auch nicht über filmische Darstellungen. Diese werden ganz im Gegenteil abgelehnt, es gibt keine Versuche einer Umsetzung. Ob allerdings bei vorhandener Neigung durch Pornografie eine positive Rückkoppelung in Gang gesetzt werden kann, ist noch nicht geklärt.
Ebenso unklar ist die Wirkung von Pornografie auf Minderjährige. Es ist möglich, dass diese aufgrund ihrer eigenen Unerfahrenheit die Pornowelt nicht als eine verzerrte Gegenrealität entlarven können und sie für Wirklichkeit halten. Dies ist vor allem bei einer zunehmenden Vermischung von Sexualität und Gewalt äußerst bedenklich. Das ist aber nicht nur ein Problem der Pornografie, sondern der visuellen Medien allgemein.


[MHB]