Der "Eisenstein des Sexfilms"

Portrait: Rus Meyer

Geboren wurde Russell Albion Meyer 1922 in San Leandro bei Oakland, Kalifornien. Bereits zum 14. Geburtstag bekam er von seiner Mutter eine Kamera geschenkt, den Grundstein für seine spätere Karriere. Während des zweiten Weltkrieges diente er als Kameramann beim 166th Signal Photographic Corps und filmte in Deutschland General Pattons Feldzug. Diese Archivaufnahmen wurden später im Film Patton verwendet. Nach dem Krieg arbeitete er u.a. als Standfotograf bei TV-Serien und Filmen oder als Pin-up- und Kalenderfotograf, was ihn mit dem Playboy in Kontakt brachte. Im Jahr 1958 gründete er mit seiner zweiten Frau Eve seine eigene Produktionsfirma, die Eve Productions. Ein Jahr später folgte sein erster Film:
The Immoral Mr. Teas (USA 1959). Mit diesem Werk gelang es Meyer, Nacktheit auf der Leinwand für die Zensoren akzeptabel zu machen. Meyers Devise lautete: “Mach alles allein und für wenig Geld”. Er zeichnete verantwortlich für Drehbuch, Regie, Produktion und Schnitt. Gedreht wurde an Originalschauplätzen, um Kulissen zu sparen. Die Rollen wurden mit kostengünstigen Amateuren (meist Stripperinnen) besetzt.
Lorna (USA 1964) war der erste Meyer-Film, der Sexszenen mit einer “richtigen” Handlung verband. Dieses Werk bildet gleichzeitig den Auftakt zu seiner “Gothic period” neben Lorna gehören noch Mudhoney, Motor-Psycho und Faster Pussycat! Kill!Kill! dazu, die aus vier Scharzweiß-Filmen besteht.
Nach dem kommerziell sehr erfolgreichen Vixen (USA 1968) heuerte ihn die 20th Century Fox an, um große Studiofilme zu drehen. Es entstehen Meyers beiden teuersten Filme: Beyond the Valley of the Dolls (USA 1970) und The Seven Minutes (USA 1972). Der erste wird ein Erfolg, der zweite ein Flop, da er für einen Russ Meyer-Film zu seriös ist. Mit Beneath the Valley of the Ultravixens (USA 1979) dreht er seinen bis heute letzen Film. Seitdem schrieb er an verschiedenen Autobiografien (u.a. The Breast of Russ Meyer) und lebte von seinem Filmruhm.
Russ Meyer revolutionierte den Nudie, sowohl ästhetisch, als auch mit seiner plakativen Darstellung von Gewalt, Sex, Mord und Totschlag. Seine Filme gleichen Cartoons: übertrieben große Brüste und schräge Dialoge. (Die Brüste seiner Darsteller wurden im Laufe der Jahre auch immer größer.) Meyer hatte ein Medium gefunden, in dem er seine schamlosen Phantasien verwirklichen konnte.
Der Sex in seinen Filmen war platt und vordergründig, ohne Vorspiel und Liebe, einfach nur Trieb. Er demontierte den amerikanischen Mythos vom freien, ehrbaren Menschen. Die Protagonisten seiner Filme handeln aus niederen Motiven wie Geilheit oder Geldgier. Meyers Frauen beherrschen die Männer. Sie nehmen sich die Männer, wann sie wollen und wo sie wollen.
Ein typisches Beispiel hierfür ist sein Film Faster Pussycat! Kill! Kill! (USA 1965), der in Deutschland unter dem Titel Die Satansweiber von Tittifield herauskam. Die drei Kampfmaschinen Varla, Rosie und Billie morden, ficken, rauben, fahren schnelle Autos und benutzen die Männer, wie es ihnen gefällt. Kein Wunder, dass dieser Film zu einer Hymne der Lesbenbewegung geworden ist. Hier treibt es jeder mit jedem. Und am Ende tötet jeder jeden. Die Männer in diesem Werk sind entweder dumme Muskelprotze oder Frauenhasser. Der alte querschnittsgelähmte Farmer benutzt seinen Sohn, um Mädchen umzubringen. Sein Motiv: Er wollte einst ein Mädchen retten, das auf einen Zug aufspringen wollte. Seitdem ist er lahm, das Mädchen hat einfach einen anderen Zug genommen. Nun rächt er sich an allen Frauen. Am Ende des Films gewinnen natürlich die Guten. Doch diese sind farblose spießbürgerliche Langweiler. Der Zuschauer trauert der skrupellosen Varla hinterher. Ihre Darstellerin, Tura Santana, wurde mit diesen Film zum Kult-Star.
Faster Pussycat! Kill! Kill! enthält alle typischen Meyerschen Zutaten: großschnauzige Frauen mit Ballonbusen, impotente Kerle, hämische Off-Kommentare, schräger Humor, rasante Kameraführung und eine ins Absurde gesteigerte Gewalttätigkeit.
Kritiker erkennen Russ Meyer als handwerlich begabten Regisseur an. Seinen Filmen fehlt es lediglich an guten Drehbüchern und talentierten Darstellern.
Das letzte Wort hat der Filmkritiker Roger Ebert: “Der Schlüssel zu Russ Meyers Erfolg findet sich in der Persönlichkeit des Mannes selbst. Mehr als die meisten von uns ist er in der Lage gewesen, sein ganzes Leben genau das zu tun, was er tun wollte, ohne sich dafür zu entschuldigen.”


[RH]