Wo bleibt Tom Waits ...

mit seinem fahrenden Kasperltheater? Über den Film e. V. im Schillerhof

Zwei Jahre ist es her, dass die Theaterhäusler zur Eröffnung der Kulturarena ein “Finster, Schiller, finster” in den Jenaer Äther titelten - heute bin ich geneigt, diesem Artikel ein “Finster, Schillerhof, finster” zur Überschrift zu geben. Noch tue ich das nicht, weil es ja möglich wäre, dass sich das Jenaer Programmkino gegenwärtig bloß in einem elend langen Tunnel befindet und nach irgendwelchen Startschwierigkeiten jetzt gerade oder demnächst ein gleißender Spot an des Tunnels Ende über uns alle hereinbricht und endlich den Unterschied zwischen einem Programmkino und herkömmlichen sogenannten kommerziellen Kinos beleuchtet. Das alles klingt nach Kritik, aber eigentlich ist es Traurigkeit und da sich eine solche wohl am besten verarbeiten lässt, indem man sich mitteilt, seien mir einige Gedanken zum gegenwärtigen Gesicht und den Problemen des Film e.V. und seines Spielortes, dem Schillerhof, der im Moment so oft vom Publikum ein blaues und ein rotes Auge verpasst bekommt (ein unschöner Zufall ist es, dass diese so gut zu den Farben der beiden nagelneuen Säle passen) erlaubt.
Sagt man “Programmkino”, dann kommt man vom “Hundertsten ins Tausendste” und das heißt heute leider wohl oft, zum hundersten Mal zu lamentieren, wie schwer es ist, Leute ins Kino zu kriegen und Tausende von Sorgen einen irren Reigen tanzen zu sehen. Das Konzept “Programmkino”, mal wieder ein Kind der wilden Jahre um 68, plärrte in den letzten drei Jahrzehnten zum Glück sehr häufig seinen Anspruch heraus, gegen das Herkömmliche, das Gängige, gegen die öden Großkinos mit ihrer trivialen Massenware anzutreten, neue Filmstile zu präsentieren und auch noch der abgefahrensten poetischen Vision flimmernd ein Publikum zu geben, schöne Geschichten erzählen zu wollen, mit “festen Regeln fürs Erzählen und der Lust daran, diese Regeln spielerisch zu erweitern”.
Heute, katalysiert von CineMaxx, Multiplexen, CineStar und fertiggemacht von jährlich 8.000 Spielfilmen im Fernsehen (wer geht dann für die Reprisen alter Filme ins Kino?), geht bei immer mehr kleinen unabhängigen Kinos inzwischen oft für immer das Licht an. Aus. Schluss. Vorbei, das war´s.
Also das Ende der Unvernünftigen, nicht einmal mehr kinophile Nischen für Rohmer, Pedro de Anrade und Godard, auch nicht für von Thome, Angelopoulos oder gar Kenji Mizoguchi. Ausgemerzt vom “Kenn´ ich nicht, ess´ ich nicht”???
In diese Situation hinein “baut” sich der – in den Nachwendejahren als Nutzer eines kleinen Saals im Capitol - publikumsverwöhnte Film e.V. als einer der Mieter des Schillerhofs (Träger ist der nomen est omen? Jenseits e.V.) also endlich das eigene Kino, zwei Säle, summa summarum 129 Plätze. Im großen Saal 99 und im kleinen 30 Plätze: Die Motivation zu diesem für ein Programmkino in Jena mit Verlaub etwas großspurigen Auftreten (das wegen der Platzzahl und der einer angestrebten Auslastung von mindestens 33 % pro Vorstellung gerade dabei ist, dem Verein das Genick zu brechen) lässt sich wohl einzig dann verstehen, wenn man weiß, dass einige Verleiher Filme an Kinos unter einer bestimmten Größe gar nicht erst verleihen.
Doch vorweg: Dass der Film e.V. endlich seine Vorstellungen in einer eigenen Spielstätte ausleben und aufführen kann, ist das Beste, was der Jenaer Kinolandschaft (also jener mühevollen Ebene mit den wenigen Erhebungen) passieren konnte! Vergleicht man nun aber einmal die Programme der letzten Jahre mit dem gegenwärtigen Programm des “erwachsen gewordenen” Film e.V., so kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit diesem “Erwachsenwerden” auch ein guter Teil des Schwungs und des Anspruchs, besser und vor allem anders als andere sein zu wollen, erlahmt ist. Irgendwie um Klassen mutiger waren die Programme der letzten Jahre, als nicht bloß auf die Zugkraft großer Namen gesetzt wurde, sondern man der Anziehung des Neuen, Unbekannten, des vielleicht Kleinen, aber Interessanten vertraute. Lese ich die aktuellen Programme, dann fällt es mir von Zeit zu Zeit reichlich schwer, daran etwas zu entdecken, was mich eine wirkliche Differenz zu Reihen wie “Der besondere Film” der besseren unter den herkömmlichen Kinos sehen und in den Schillerhof gehen lässt.
Reicht es aus, den Imperativ der für Programmkinoverhältnisse hohen Platzzahl zu bemühen, die ja fordert, dass in jeder Vorstellung der beiden Säle zusammen mindestens 50 Menschen sitzen, um zu verstehen, dass nun so oft auf das Bekannte und häufig Ausgelutschte, längst von aller Welt “rauf und runter” Gesehene zurückgegriffen wird? Oder ist das Publikum inzwischen eben nicht mehr bereit, sich auf Unbekanntes einzulassen? Oder traut man sich das als Kino nicht mehr, aus Angst, die Zuschauer zu überfordern und damit letztlich ja seine eigene Existenz zu gefährden? Die Antwort muss ich schuldig bleiben. Sei es, wie es sei, es ist eine Tatsache, dass das Kino im Schillerhof zu schlecht läuft – das liegt nicht allein daran, dass gerade mal wieder einmal Sommer ist, sondern auch daran, dass in den vier Fenstern des Kinogebäudes Anfang August noch immer stolz die Plakate der Vorstellungen von Mai prangen (“Ach, dieses Kino hat also schon wieder zugemacht, schade eigentlich...”, denkt sich der Passant), daran, dass die Programme lieblos in Pappkisten in die Mensa geknallt werden – und an einer Menge im wahrsten Sinne hausgemachter Probleme zwischen dem Jenseits e.V. und den Kinomachern. Doch das alles ist nicht das Hauptproblem. Sondern problematisch und inzwischen fatal ist vor allem, dass dieses Kino mittlerweile verzweifelt darauf setzt, sein Publikum rund um die Uhr zu bespaßen, dass einzig die Attribute “aktuell” oder “publikumsträchtig” die Programmplanung zu beherrschen scheinen. Doch gerade damit hat ein Programmkino gegen die kommerziellen Kinos schon verloren, denn in diesen Kinos kommt der aktuelle und publikumsträchtige Film zum Zuge, alles andere (eben beispielsweise der unbekannte, schräge Filmemacher aus Osteuropa, ein stiller Film der gerade wiederbelebten brasilianischen Filmindustrie, nachdenkenswerte Werke, abgefahrene Absolventenfilme irgendwelcher Filmhochschulen oder eben ein Tom Waits als Leiter eines fahrenden Kasperletheaters in der portugiesisch/englischen Co-Produktion “Bearskin”) ist dort chancenlos – aber genau das und nur das ist die Chance eines Programmkinos, denn dafür nehme ich den Weg in das Nachts besonders verwaiste Jena – Ost in Kauf. Dafür und nur dafür!


[Erik Hirsch]
(Einer derer, die von März bis Mai versuchten, dem Schillerhof ein Gesicht zu geben und die damit über Film e.V. und Jenseits e.V. stolperten.)