Zwei Jahre ist es her, dass die Theaterhäusler zur Eröffnung
der Kulturarena ein Finster, Schiller, finster in den Jenaer Äther
titelten - heute bin ich geneigt, diesem Artikel ein Finster, Schillerhof,
finster zur Überschrift zu geben. Noch tue ich das nicht, weil es
ja möglich wäre, dass sich das Jenaer Programmkino gegenwärtig
bloß in einem elend langen Tunnel befindet und nach irgendwelchen Startschwierigkeiten
jetzt gerade oder demnächst ein gleißender Spot an des Tunnels Ende
über uns alle hereinbricht und endlich den Unterschied zwischen einem Programmkino
und herkömmlichen sogenannten kommerziellen Kinos beleuchtet. Das alles
klingt nach Kritik, aber eigentlich ist es Traurigkeit und da sich eine solche
wohl am besten verarbeiten lässt, indem man sich mitteilt, seien mir einige
Gedanken zum gegenwärtigen Gesicht und den Problemen des Film e.V. und
seines Spielortes, dem Schillerhof, der im Moment so oft vom Publikum ein blaues
und ein rotes Auge verpasst bekommt (ein unschöner Zufall ist es, dass
diese so gut zu den Farben der beiden nagelneuen Säle passen) erlaubt.
Sagt man Programmkino, dann kommt man vom Hundertsten ins
Tausendste und das heißt heute leider wohl oft, zum hundersten Mal
zu lamentieren, wie schwer es ist, Leute ins Kino zu kriegen und Tausende von
Sorgen einen irren Reigen tanzen zu sehen. Das Konzept Programmkino,
mal wieder ein Kind der wilden Jahre um 68, plärrte in den letzten drei
Jahrzehnten zum Glück sehr häufig seinen Anspruch heraus, gegen das
Herkömmliche, das Gängige, gegen die öden Großkinos mit
ihrer trivialen Massenware anzutreten, neue Filmstile zu präsentieren und
auch noch der abgefahrensten poetischen Vision flimmernd ein Publikum zu geben,
schöne Geschichten erzählen zu wollen, mit festen Regeln fürs
Erzählen und der Lust daran, diese Regeln spielerisch zu erweitern.
Heute,
katalysiert von CineMaxx, Multiplexen, CineStar und fertiggemacht von jährlich
8.000 Spielfilmen im Fernsehen (wer geht dann für die Reprisen alter Filme
ins Kino?), geht bei immer mehr kleinen unabhängigen Kinos inzwischen oft
für immer das Licht an. Aus. Schluss. Vorbei, das war´s.
Also das Ende der Unvernünftigen, nicht einmal mehr kinophile Nischen für
Rohmer, Pedro de Anrade und Godard, auch nicht für von Thome, Angelopoulos
oder gar Kenji Mizoguchi. Ausgemerzt vom Kenn´ ich nicht, ess´
ich nicht???
In diese Situation hinein baut sich der in den
Nachwendejahren als Nutzer eines kleinen Saals im Capitol - publikumsverwöhnte
Film e.V. als einer der Mieter des Schillerhofs (Träger ist der nomen est
omen? Jenseits e.V.) also endlich das eigene Kino, zwei Säle, summa summarum
129 Plätze. Im großen Saal 99 und im kleinen 30 Plätze: Die
Motivation zu diesem für ein Programmkino in Jena mit Verlaub etwas großspurigen
Auftreten (das wegen der Platzzahl und der einer angestrebten Auslastung von
mindestens 33 % pro Vorstellung gerade dabei ist, dem Verein das Genick zu brechen)
lässt sich wohl einzig dann verstehen, wenn man weiß, dass einige
Verleiher Filme an Kinos unter einer bestimmten Größe gar nicht erst
verleihen.
Doch vorweg: Dass der Film e.V. endlich seine Vorstellungen in einer eigenen
Spielstätte ausleben und aufführen kann, ist das Beste, was der Jenaer
Kinolandschaft (also jener mühevollen Ebene mit den wenigen Erhebungen)
passieren konnte! Vergleicht man nun aber einmal die Programme der letzten Jahre
mit dem gegenwärtigen Programm des erwachsen gewordenen Film
e.V., so kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit diesem Erwachsenwerden
auch ein guter Teil des Schwungs und des Anspruchs, besser und vor allem anders
als andere sein zu wollen, erlahmt ist. Irgendwie um Klassen mutiger waren die
Programme der letzten Jahre, als nicht bloß auf die Zugkraft großer
Namen gesetzt wurde, sondern man der Anziehung des Neuen, Unbekannten, des vielleicht
Kleinen, aber Interessanten vertraute. Lese ich die aktuellen Programme, dann
fällt es mir von Zeit zu Zeit reichlich schwer, daran etwas zu entdecken,
was mich eine wirkliche Differenz zu Reihen wie Der besondere Film
der besseren unter den herkömmlichen Kinos sehen und in den Schillerhof
gehen lässt.
Reicht es aus, den Imperativ der für Programmkinoverhältnisse hohen
Platzzahl zu bemühen, die ja fordert, dass in jeder Vorstellung der beiden
Säle zusammen mindestens 50 Menschen sitzen, um zu verstehen, dass nun
so oft auf das Bekannte und häufig Ausgelutschte, längst von aller
Welt rauf und runter Gesehene zurückgegriffen wird? Oder ist
das Publikum inzwischen eben nicht mehr bereit, sich auf Unbekanntes einzulassen?
Oder traut man sich das als Kino nicht mehr, aus Angst, die Zuschauer zu überfordern
und damit letztlich ja seine eigene Existenz zu gefährden? Die Antwort
muss ich schuldig bleiben. Sei es, wie es sei, es ist eine Tatsache, dass das
Kino im Schillerhof zu schlecht läuft das liegt nicht allein daran,
dass gerade mal wieder einmal Sommer ist, sondern auch daran, dass in den vier
Fenstern des Kinogebäudes Anfang August noch immer stolz die Plakate der
Vorstellungen von Mai prangen (Ach, dieses Kino hat also schon wieder
zugemacht, schade eigentlich..., denkt sich der Passant), daran, dass
die Programme lieblos in Pappkisten in die Mensa geknallt werden und
an einer Menge im wahrsten Sinne hausgemachter Probleme zwischen dem Jenseits
e.V. und den Kinomachern. Doch das alles ist nicht das Hauptproblem. Sondern
problematisch und inzwischen fatal ist vor allem, dass dieses Kino mittlerweile
verzweifelt darauf setzt, sein Publikum rund um die Uhr zu bespaßen, dass
einzig die Attribute aktuell oder publikumsträchtig
die Programmplanung zu beherrschen scheinen. Doch gerade damit hat ein Programmkino
gegen die kommerziellen Kinos schon verloren, denn in diesen Kinos kommt der
aktuelle und publikumsträchtige Film zum Zuge, alles andere (eben beispielsweise
der unbekannte, schräge Filmemacher aus Osteuropa, ein stiller Film der
gerade wiederbelebten brasilianischen Filmindustrie, nachdenkenswerte Werke,
abgefahrene Absolventenfilme irgendwelcher Filmhochschulen oder eben ein Tom
Waits als Leiter eines fahrenden Kasperletheaters in der portugiesisch/englischen
Co-Produktion Bearskin) ist dort chancenlos aber genau das
und nur das ist die Chance eines Programmkinos, denn dafür nehme ich den
Weg in das Nachts besonders verwaiste Jena Ost in Kauf. Dafür und
nur dafür!
[Erik Hirsch]
(Einer derer, die von März bis Mai versuchten, dem Schillerhof ein Gesicht
zu geben und die damit über Film e.V. und Jenseits e.V. stolperten.)