Stille. Danach kommt ein Wind auf, Hagelstürme brechen
los (Twister), das Buch mit sieben Siegeln wird Stück um Stück aufgebrochen.
(Das siebente Siegel) Krankheit und Tod rasen über das Land (12 Monkeys),
wilde Tiere zerfleischen Menschen (Piranha), brennende Sterne fallen vom Himmel
(Komet/Amageddon), Atomblitze zucken über das verwaiste Land und tauchen
den Horizont in rote Glut und weißes Feuer (Terminator II). Meere treten
über die Ufer, ein gewaltiger Riss wirft die Erde zurück in die Vorzeit
des Präkambriums ...
So oder ähnlich malt man sich heutzutage die Apokalypse aus. Im Film beschränkt
man sich jedoch meist auf nur eine bestimmte Variante. Sei es nun ein besonders
aparter Virus (Outbreak), ein paar Killerbienen, ein Wirbelsturm, das Versagen
eines Staudammes, Vulkanausbrüche, Sturmfluten, Erdbeben, atomares Feuer
oder ein Meteroriteneinschlag.
Doch eigentlich ist "Apokalypse" nur ein griechisches Wort für
Offenbarung. Genau genommen sind es sogenannte pseudoepigraphe Schriften, bei
denen ein anderer Verfasser als der wirkliche Autor angegeben wird, um die Autorität
des Gesagten zu erhöhen. Also handelt es sich um eine spezielle Narrationsform.
Darüber hinaus umfasst dieses Muster aber auch eine ganze Literaturgattung,
die durch ein ausgesprochen eschatologisches, also auf ein Endziel gerichtetes
Denken geprägt ist. Die apokalyptischen Denker setzten sich intensiv mit
geschichtlichen Verläufen auseinander. Sie suchten gleichermaßen
nach Erklärungen für die stetige Verschlimmerung der damaligen politischen
Lage Israels, das im 3. und 2. Jahrhundert zum Spielball zwischen ägyptischen
Ptolemäern und syrischen Seleukiden wurde und sie fanden Hoffnung im Herannahen
eines neuen Äons, des neuen und gerechten Weltalters, das Gut von Böse
scheiden würde. Nach Dan. 12 wird es am Ende der Zeiten eine allgemeine
Auferstehung geben, die zu ewiger Verdammnis oder ewigem Leben führt.
Den historischen Vorgängen zu Grunde liegt die Vorstellung von Determinismus
und Berechenbarkeit von Ereignissen, weil auch sie letzten Endes Erzählungen
sind und nach Gesetzen der Narration funktionieren. Obwohl die Geschichtswissenschaft
als eine Geisteswissenschaft gilt, ist das ihr entnommene Kausalprinzip etwa
identisch mit unserem heutigen naturwissenschaftlich ausgeprägten Weltbild,
nur mit dem kleinen Unterschied, dass die moderne Wissenschaft zu großen
Teilen immer noch glaubt, das Schicksal selbst in die Hände nehmen zu können.
Das eine wie das andere ist natürlich Reduktion und Abstraktion, die notwendig
ist als strukturgebendes Moment der Erkenntnisgewinnung. (Film sollte sein wie
eine Brille. Wenn man danach besser sieht, war er gut.) Ein Film, der nichts
ausklammert, nur einmal angenommen, es wäre möglich einen solchen
zu produzieren, ein solcher Film könnte überhaupt nicht verstanden
werden.
Dramaturgie ist ein entscheidendes Mittel zur Reduktion, zur Gewinnung von Klarheit.
Und zu jeder Dramaturgie gehört zuallererst das Ziel der Handlung. (Ein
Anfang, die Plot-Points und Figuren kommen später.)
Zieht man nun in Betracht, dass narratives Kino das dominierende Muster der
heutigen Filmindustrie darstellt, kann es durchaus als Hegemonie des dramaturgischen
Prinzips gelten. Die Handlung wird dabei von einem Schematismus induziert, der
dramaturgisch ordnende Macht darstellt. Im Sinne eines durchgehenden Anthropomorphismus
wird sie Menschen oder Göttern zugeordnet. Der daraus resultierende Konflikt
(z.B. Mensch/Natur) wird durch die Handlung in ein Regelschema gepresst, nach
ökonomischen Prinzipien geordnet und vorgeführt.
Vielleicht
sind also der unmittelbar bevorstehende "Millenium-Bub 2000" und die
allgemeine "Fin de siècle Stimmung" nur bedingt verantwortlich
für die rasanten Zuwachsraten filmischer Umsetzungen der apokalytischen
Thematik. Sie gibt methodisch gesehen eine sehr kraftvolle und plausible Vorstrukturierung
für den gesamten Handlungsablauf eines Filmes. Das müssen schon die
Propheten des Alten und Neuen Testamentes gewusst haben, als sie ihre Visionen,
Meditationen und Versenkungen, nach denen die Apokalypse zwei grundverschiedene
Weltzeiten voneinander trennt, niederschrieben. Der dabei notwendigerweise mitschwingende
Gegenwartspessimismus unserer Gesellschaft ist entscheidend für die soziokulturelle
Prägung des Abendlandes geworden, aber bei genauerer Betrachtung nur Beiwerk.
Denn es geht nicht in erster Linie darum, das Hier und Jetzt zu verdammen, sondern
es in irgendeiner Weise begreiflich zu machen. Narration ist ein technisches
Mittel dazu und ihre Grundstruktur baut sich von einem Endziel her auf. Das
ist die konstitutive Bedeutung der Apokalypsen. Sie sind ohnehin keine tatsächlichen
Warnungen. (Weil zum Einen unabänderliches Schicksal aus ihnen spricht
und zum Anderen in der Menschheitsgeschichte noch jede Generation ihre eigenen
Erfahrungen gemacht hat und sie nichts und niemand davor bewahren konnte.) Sondern
sie bilden im dramaturgischen Sinne allenfalls vorausdeutende Momente als strukturellen
Faktor der Narration. Sie sind also Teil der heuristischen Ökonomie des
menschlichen Verstandes.
So sind apokalyptische Visionen Garanten für Sinn und Ziel der kosmischen
Ordnung im Wahrnehmungsfeld einer auf Zukunft ausgerichteten Perspektive.
Eine andere Zeitwahrnehmung wäre die der Gegenwartsorientierung. Sie ist
weniger technisch oder dramaturgisch geartet und daher vielleicht auch schwieriger
zu verstehen. In ihr gibt es keine linearen und logisch auseinander hervortretenden
Zeit- und Ereignisfolgen. Es gibt nur Zeitinseln, die jede für sich eine
Art von Ewigkeit bedeuten. Eine schwierige Sache für unser westliches Verständnis.
Und schon deshalb liegen uns Pessimismus und Apokalyptik einfach besser. Allerdings
zeigt die Erfahrung auch, dass der Weltuntergang bisher immer noch auf sich
hat warten lassen, was diese Prophetie keinesfalls abwertet, denn es gibt ja
immerhin auch noch die berühmte "self filling prophecy". Allerdings
erscheint sie schon als Fiktion oder Narration relativiert und kann in den Status
einer aus Zeitwahrnehmung resultierenden anthropologischen Konstante erhoben
werden.
[MW]