Die
Mise en scène Crashs präsentiert dem Rezipienten auf den ersten
Blick einen beinahe konventionellen Softpornofilm. Für das pornografische
Genre sprechen über die Inszenierung hinaus auch einige Montagen, sowie
die auf ein Minimum reduzierte Handlung. Die genretypische minimalistisch-lineare
Inhaltsebene schrumpft zur Alibifunktion, in deren Zentrum menschliche und mechanische
Körper in wechselnden Konstellationen miteinander kopulieren. Gleich einem
Sexfilm bietet Crash auch keine adequaten Identifikationsfiguren; Crashs Akteure
werden in psychologischer Perspektive lediglich schwach beleuchtet - das gilt
für das weibliche wie das männliche Geschlecht gleichermaßen.
Man verfolgt das manische Treiben der Figuren auf der befremdlichen Welt der
Leinwand und gerät fast unmerklich in den Sog eines quälend langsam
fortschreitenden, hypnotischen Trancezustands, der sich von den Akteuren nach
und nach auf einen selbst überträgt. Man durchlebt Crash als eine
Art Schleudertrauma nach einem schockartigen Zusammenstoß.
James Ballard (James Spader) führt mit seiner Frau Catherine (Deborah Unger)
eine in sexueller Hinsicht völlig freizügige Ehe. Erotische Eskapaden
mit anderen Frauen und Männern werden einander bereitwillig preisgegeben,
gleich einem Schlagabtausch zählt dabei nur eine Information - die Antwort
auf die Frage »Bist Du gekommen?«. Doch der verlorengegangene Kick
der gemeinsamen Beziehung, scheint auch durch diese nicht ganz konventionelle
Praktik nicht wiederbelebt werden zu können
Die körperliche
Liebe zwischen James und Catherine präsentiert sich überwiegend leidenschaftslos,
ohne jegliche Höhepunkte, wirkt verkrampft, verzweifelt, mechanisch.
James findet unverhofft einen Weg aus dieser sexuellen Sackgasse, in der er
und Catherine sich (gem)einsam befinden. Er verursacht einen schweren Verkehrsunfall,
als er sich während der Fahrt nach heruntergefallenen Nacktfotos bückt.
Sein Wagen stößt frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen,
ein Körper bricht durch die Windschutzscheibe seines Wagens und kommt tot
neben ihm zum Liegen. Die Fahrerin des beteiligten Unfallwagens, Helen (Holly
Hunter), entblößt, scheinbar unter Schock stehend, ihre Brust und
versucht, sich ihres Sicherheitsgurts zu entledigen. Der Getötete ist ihr
Ehemann.
Im Krankenhaus lernt James schließlich Vaughan (Elias Koteas), einen passionierten
Krankenhausfotografen, kennen. Vaughan eröffnet James eine neue Welt; es
ist eine unter Vaughans pathologisch geprägter Führung stehende Welt,
deren Stars einstige Unfallopfer und chromglänzende Karosserien sind. Vaughans
Obsession offenbart sich in den von ihm nachgestellten Crashs, deren Opfer Unsterblichkeit
erlangten - durch ihren Tod. Vaughans Vision wird repräsentiert durch den
nachgestellten James Dean-Crash, durch James Dean selbst, dessen Tod eine Legende
gebar.
Auch Helen gehört dieser hermetisch abgeschlossenen Welt an, die sich aus
einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter konstituiert. Sie alle verbindet die ihnen
nicht einmal selbst unbedingt begreifliche sexuelle Faszination von Unfallschauplätzen.
Sie alle sind auf magische Weise involviert in das von Vaughan ins Leben gerufene
Projekt - »die Umformung des menschlichen Körpers durch die moderne
Technologie.«
Zu guter Letzt zieht es auch Catherine in den dämonischen Bann des Crash-Performers
Vaughan. Seine Erscheinung dient ihrer Beziehung zu James auf einer projektiven
Ebene. Vaughans Ausstrahlungskraft ist eine sehr eigenwillige - »sein
schwerer, von Unfallnarben übersäter Körper wird zum Objekt ihrer
erotischen Phantasien«, beschreibt diese Andreas Kilb.
Es folgen alle denkbaren Variationen der eingeführten Thematik - jeder
hat Sex mit jedem und das jedesmal in Autos.
Vaughan liefert dem Rezipienten noch eine etwas ausführlichere Beschreibung
seines Projekts während einer gemeinsamen Autofahrt mit James: »Crashs
sind die Zukunft. Crashs ermöglichen eine wohlwollende Psychopathologie;
z. B. ein Crash ist eher ein befruchtendes als ein destruktives Ereignis. Eine
Freisetzung sexueller Energie, die die Sexualität derjenigen, die gestorben
sind mit einer Intensität vermittelt, die auf andere Weise unmöglich
zu erreichen ist. Das zu spüren, das zu durchleben - darin, darin - darin
besteht mein Projekt.«
David Cronenbergs Crash basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage James Graham
Ballards aus dem Jahr 1973. Nach einer Eigenaussage Ballards handelt es sich
bei seinem Werk um den »ersten pornographischen Roman, der auf der Technologie
basiert«.
Die Pornografie
kann begriffen werden als ein Charakteristikum moderner Sozietäten. Aufgrund
der ihr innewohnenden Brisanz entbrannte sich an ihrem Gegenstand eine Debatte,
innerhalb derer sich moralisch-ethisch begründete Argumente um eine Beschränkung
bemühten, während sich liberale Befürworter auf die Freiheit
des Individuums beriefen; darüber hinaus schien das Gesetz des Marktes
eine Eindämmung unmöglich zu gestalten
Gesellschaftspolitische Relevanz kam der Pornografie-Debatte natürlich
auch innerhalb des feministischen Diskurses zu. Im Geist des aufklärerischen
Duktus, nach dem Pornografie einen nicht unerheblichen Beitrag zur Befreiung
des Einzelnen leiste, erhoffte man sich einen auf den Emanzipationsdiskurs positiv
einwirkenden Einfluss schon bald aber stand unumstößlich fest,
dass Pornografie keineswegs eine neutrale Position bezog und eine Gleichheit
der Geschlechter hervorbrachte. Pornografie avancierte im Gegenteil zum
Synonym einer patriarchalen Machtausübung auf Frauen und wurde zum kulminanten
Ausdruck für eine eklatante Ungleichheit der Geschlechter.
Pornografische Darstellungen konstruieren einen bestimmten Frauenmythos. Mithilfe
spezifischer Attribute plakatiert sie die von Natur aus ewig-geile
Frau, deren Lebenssinn sich darin erschöpft, allzeit bereit von unbändiger
Lust überwältigt zu werden. Über diese in der weiblichen Natur
verborgene Lustsucht wusste bereits 1912 Otto Weiniger Sensationelles zu berichten:
»Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets [
] lebhaft ergriffen,
und nie zurückgewiesen. [
] Das Bedürfnis, selbst koitiert zu
werden, ist [
] das heftigste Bedürfnis der Frau, [
] ihr tiefstes,
ihr einziges vitales Interesse« (Otto Weininger: Geschlecht und Charakter.
Eine prinzipielle Untersuchung. 13. Aufl. Wien/Leipzig 1912).
Feministisch argumentiert vollzieht sich durch Pornografie eine Erniedrigung
des weiblichen Geschlechts; sie verkörpert demnach eine konstruierte, von
Männern beherrschte Sphäre, deren Anliegen es ist, Frauen um den Verstand
und somit um ihre Selbstbestimmtheit zu bringen. Die Lust des weiblichen Subjekts
wird in pornografischer Manier hyperbolisiert: Frauen beherrschen
ihre Sexualität nicht, sie werden von ihr beherrscht; ein Umstand also,
der der Frau ihre Subjektivität entzieht, indem sie - durch den der Situation
gewachsenen Mann - außer Kontrolle gerät. Die proklamierte Ungleichheit
der Geschlechter liegt hier auf der Hand. In diesem Kontext meinte frau,
dass ein solches Frauen-Konstrukt (des Films), realer Gewalt gegen Frauen Vorarbeit
leiste (McKinnon). Frauen wurden mit dem Mythos um ihre sorgsam verborgene Triebhaftigkeit
in eine äußerst prekäre Lage manövriert.
Crash zelebriert eine von Gewalt geprägte, von Männern dominierte
sexuelle Herrschaft über die erwähnte verborgene Wahrheit
weiblicher Begierde. Tatsächlich präsentieren sich Crashs Frauen als
geradezu unersättlich. Insofern kann man Crash als Pornofilm
bezeichnen. Aber das Begehren beider Geschlechter in Crash scheint doch komplexer.
Augenscheinlich ist in Crash eine deprimierend erotische wie emotionale Armut
der Protagonisten dominant. Die dargestellte, mechanisch vollführte, unbefriedigte
Triebhaftigkeit des Ehepaars Ballard modifiziert sich erst durch James existenzbedrohende
Unfallerfahrung mit Helen.
Die menschliche Sexualität steht in Crash nicht in Verbindung mit romantisch
verklärten Liebesvorstellungen, sie ist auch nicht bestimmt durch den pragmatisch
orientierten, nüchtern-züchtigen Fortpflanzungsgedanken. Sexualität
dient einer egomanisch geprägten, narzisstischen Bedürfnisbefriedigung
- allerdings ist gerade diese Befriedigung, der Höhepunkt, den zu Crash-Sex-Dummies
reduzierten Akteuren verweigert. (Drehli Robnik charakterisiert die Protagonisten
Crashs treffend als »ausgehöhlte, auf obsessive Praktiken reduzierte
Kunstfiguren«.) Je intensiver und ausgefallener sie ihren Orgasmus zu
erreichen versuchen, desto unerreichbarer wird er ihnen. Immerhin ist in Crash,
einem Film, der in neuen, ausgefallenen Spielarten die Jagd nach dem ultimativen
Orgasmus zeichnet, nicht ein einziger Höhepunkt auf der Leinwand auszumachen.
Die sexuelle Tristesse der Ballards, ihr unsichtbares Kranken, findet durch
die Bekanntschaft mit Vaughan neue Anreize. Er manipuliert jene, die ihm bereitwillig
nachfolgen, indem er jedem einzelnen genau das gibt, was dieser braucht und
vermisst. Vaughan ist einem triebhaften, dunkel-dämonischen Liebhaber vergleichbar,
der Crashs Figuren die Verbindung von Leiden und Leidenschaft
durchleben lässt. Die Monotonie individueller Isolation und Entfremdung
kanalysiert sich durch die Sexualisierung von Gewalt. Vaughans Projekt
weist unverblümt sadistische Züge auf es verkehrt die dem Sexus
jedes einzelnen Wesens immanente lebensbefürwortende und lebensspendende
Funktion in eine gegen das Leben gerichtete Obsession. Sexuelle Erregung und
Vitalität ist Vaughan ohne die Anwesenheit chromblinkender Karosserien,
ohne den Gedanken an das mit ihnen verbundene Zerstörungspotential und
unfallgeschändete menschliche Körper gar nicht mehr möglich.
Vaughan verführt, um zu vernichten. Den an seinen Spielen beteiligten Frauen
kommt somit allenfalls eine Assistentenrolle zu. Tiefklaffende Narben,
Beinschienen, eine zweite Haut aus Leder gepaart mit kindlichen Zöpfen
sind die erotisierten Attribute seiner Freundin Gabrielle, deren körperliche
Transformation er choreografiert. Aber auch Catherine und James genießen
die totale Hingabe ihrer selbst an die animalische Macht Vaughans insofern
sind sie willige Beute. Vaughan befreit bis dahin unentdeckte sexuelle
Potentiale seiner Zöglinge, der angestrebte Höhepunkt eines solchen
Crash-Koitus allerdings ist der Tod. Vaughans Geschenk an die emotional wie
erotisch Untoten ist der Tod selbst.
Insbesondere Catherine ist seelischer Regungen offenbar nicht fähig. Sie
verkörpert eine eiskalte Schönheit. Sie besitzt einen anziehenden,
faszinierenden Körper und ihre erotische Ausstrahlung auf Männer ist
ihr durchaus bewusst. Gerade ihre attraktive äußere Erscheinung auf
der einen Seite und ihre dagegen im Liebesspiel mit James an den Tag gelegte
lasziv-sinnlich anziehende (körperliche) Passivität lässt sie
zur Femme fatale werden. Ihre Verführungskraft strebt nur nach
der Befriedigung ihrer eigenen persönlichen Wünsche und Bedürfnisse.
Sie will alles von James, schafft es jedoch nicht, ihm etwas zurückzugeben.
James und Catherines einstige Leidenschaft ist versiegt; dabei leiden
beide, erst durch Vaughan sind sie sexueller Emotionen (andere Emotionen existieren
in Crash ohnehin nicht) wieder fähig. Catherine ist der Gegenpart zur konventionellen
sittlichen Ehefrau und Mutter. Sie gebärdet sich in Bezug auf James - an
eben solchen Konventionen gemessen - geradezu asozial egomanisch. Als Femme
fatale entspricht sie der tradierten Frauenrolle in keiner Beziehung.
Diese Verletzung der konventionellen Weiblichkeitsrolle lässt sie dennoch
nicht als starke Frau wirken. Ihre eigene Machtlosigkeit offenbart
sich in ihrer willentlichen, mit Gewalt gegen sich selbst annehmenden Unterwerfung
unter Vaughan. Ihre Selbstbestimmung und eigene Entfaltung in Vaughans spezifischen
männer-dominierten System ist daher nicht mehr gewährleistet. Catherine
rutscht - wie auch die anderen Frauen - ab in die Bedeutungslosigkeit (signifikant,
dass ihr Name im Film auch erst nach über 40 Minuten erwähnt wird!).
In Crashs zähfließend hermetischer Welt paaren sich (Exemplare) verschiedenste(r)
Gattungen: Ärztin, Kindfrau, Femme fatale, Wunden, Narben, Autos miteinander
und mit Fotograf, Produzent, Fetischismus und Obsession, ohne dass man dieses
manisch einfallslose Treiben in irgend einer Weise verurteilen könnte.
Es ist die ungeheure Fremdheit der Crash-Welt, die den Zuschauer nach der Konfrontation
mit ihr verwirrt zurücklässt. Diese Fremdheit entspringt vor allem
der von David Cronenberg umgesetzten dystopischen Vision zukünftiger moderner
Gesellschaften - Crash ist in jedem Fall ein Werk der Science Fiction; erschreckend
ist dabei gerade seine unglaubliche Gegenwärtigkeit; Crashs Parallelen
und Kongruenzen zum gegenwärtigen Alltag, die man bereits als Gesellschaftskritik
auffassen könnte, sind mehr als offenkundig.
Formal folgt Crash den Gesetzen des Pornofilms, dennoch ist er keiner. Die Lust
am Zusehen, das Herzstück eines jeden Pornos, vergeht einem nämlich
sehr schnell.
Crash (Can 1996) Regie: David Cronenberg, Kamera: Peter Suschitzky, Musik: Howard Shore; nach einem Roman von J. G. Ballard Darst.: James Spader, Deborah Unger, Elias Koteas, Rosanna Arquette u. a. Länge: 98 Min.; Verleih: Alliance Communikations Inc. (Video: VMP)
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