Auf den Einwand seines Co-Regisseurs Frederic Raphael, dass
sich an der Beziehung zwischen Mann und Frau seit Arthur Schnitzlers Zeiten
doch wohl einiges geändert habe, antwortete Kubrick gelassen: "Glauben
Sie? Ich nicht."
Das Zitat ist bezeichnend für Kubricks Umgang mit der literarischen Vorlage
seines Films und der eingehenden Auseinandersetzung mit Schnitzlers Denken.
Sowohl inhaltlich als auch darüber hinaus auf formaler Ebene folgt Kubrick
eng der Vorlage. Die "Traumnovelle" war 1925 erschienen, nachdem sich
Schnitzler fast 20 Jahre mit dem Stoff beschäftigt hatte. Die Handlung
spielt im Wien der Jahrhundertwende. Fridolin und Albertine sind seit einigen
Jahren verheiratet, haben eine kleine Tochter und gehören zum wohlhabenden
Bürgertum. Nach einem Ballbesuch gestehen sie sich erhitzt ihre sexuellen
Phantasien, die sich außerhalb ihrer ehelichen Beziehung abspielen. Zu
einem Krankenbesuch gerufen, verlässt Fridolin verwirrt und zornig das
Haus. In der nun folgenden Nacht widerfahren ihm eine Reihe merkwürdiger
Erlebnisse, die ihn immer mehr mit seinen sexuellen Obsessionen konfrontieren,
bis die Nacht ihren Höhepunkt auf einem obskuren Maskenball erfährt,
in dessen Verlauf Fridolin, fasziniert und erschüttert zugleich, enttarnt
und vertrieben wird. Am nächsten Tag geht Fridolin den nächtlichen
Erlebnissen nach und erlangt statt restloser Aufklärung nur noch tiefere
Verwirrung. Innerlich aufgewühlt findet er zu Hause seine Frau schlafend,
neben ihr die Maske, die er nach dem Kostümball verloren glaubte. Weinend
bricht er zusammen und erzählt ihr alles.
Kubrick verlegt die Handlung in das New York von heute, bleibt aber dicht an
Schnitzlers Text. Bis auf eine große, allerdings bedeutende Szene, übernimmt
er Schnitzlers Handlungsstrang samt Personen und verwendet gar ganze Textpassagen
wortwörtlich. Die Protagonisten heißen nun Bill und Alice Harford,
haben sich aber sonst nicht sehr verändert. Bill ist nach wie vor Arzt
und hat Zutritt zur besseren Gesellschaft. Auslöser für die entscheidende
Gesprächsszene, der von Kubrick etwas Hasch und mehr erotische Spannung
als noch bei Schnitzler beigegeben wurde, ist wiederum die Ballnacht im Hause
des reichen Victor Ziegler. Jeder der beiden Eheleute flirtet heftig mit einem
bzw. mehreren Unbekannten, ohne dass sich jedoch etwas ergibt. Erst zu Hause,
zunächst spielerisch, redet man über die Möglichkeiten des Festes
und gelangt unmerklich immer tiefer in eine Diskussion über Eifersucht
und Treue. Entscheidend anders als in der "Traumnovelle" ist es bei
Kubrick nur der Mann, der seine Illusionen verliert. Völlig überzeugt
von der Treue und Liebe seiner Frau, beteuert er, sich ihrer sicher zu sein.
Ein schwerer Fehler aus Alices Sicht, die in Gelächter ausbricht und ihn
gründlich über ihre Phantasien aufklärt. Sie erzählt ihm
von einem Marineoffizier, für den sie, hätte die Möglichkeit
bestanden, ihre Ehe, das Kind und die gesicherte Zukunft aufgegeben hätte.
Wie Fridolin das Klopfen der Haushälterin, rettet Bill nun das Klingeln
des Telefons. Er verläßt das Haus schockiert und verwirrt und gerät
wie der Held der "Traumnovelle" von einem Abenteuer ins nächste.
Bereits über
Schnitzlers Text wurde viel geschrieben, insbesondere über den Einflus,
den die Psychoanalyse auf den Autor hatte. In der Tat nehmen Träume und
Phantasien in der "Traumnovelle" die zentrale Stellung ein, aber nicht
im Sinne eines literarischen Lehrstücks als Schützenhilfe für
die Freudsche Traumanalysetheorie, sondern in kritischer Auseinandersetzung,
ja Skepsis zu dieser. "Nach dem Dunkel der Seele gehen mehr Wege [...]
als die Psychoanalytiker sich träumen lassen", schreibt Schnitzler
und tatsächlich passen Traum und Handlung, Phantasie und Gefühle in
der Novelle nicht nahtlos analysierbar zusammen. Gerade dieses Dunkle, das sich
jeder Deutung entzieht, muss Kubrick an der "Traumnovelle" fasziniert
haben und so macht er das Zusammentreffen von Traum und Wirklichkeit ebenfalls
zum Thema seines Films, ergänzt diese Mischung jedoch durch ein drittes
Motiv. Er fügt die Möglichkeit der Inszeniertheit, der Manipuliertheit
der Geschehnisse hinzu und stellt damit selbst die Träume noch in Frage.
Die manchmal seitenlangen inneren Monologe Fridolins, die uns Auskunft geben
über seine geheimsten Sehnsüchte und Ängste, mussten im Film
zwangsläufig ersetzt werden. Kubrick versteht es, uns die Gefühle
Bills ahnen zu lassen, indem er perfekt fotografierte Bilder mit eindringlicher
Musik kombiniert und selbst die äußeren Monologe stark zurücknimmt
indem er sie überflüssig macht. Kubricks Bilder sagen mehr als tausend
Worte. So fühlt man die Zerissenheit des Protagonisten angesichts der unschuldig
mütterlichen Alice, die er noch kurz zuvor als in ihren Phantasien unberechenbare
Frau kennengelernt hatte.
Die märchenhaften Züge, die die "Traumnovelle" bestimmen,
werden im Film zurückgenommen, zugunsten des Spiels mit dem Fassungsvermögen
Bill Harfords, für den, lag es tatsächlich in der Absicht Kubricks
ihn so naiv und unbeholfen zu zeigen, Tom Cruise doch die beste Besetzung war.
Dass ihn Ehefrau Nicole Kidman an die Wand spielt, wie von Kritikern bemerkt
wurde, scheint durchaus beabsichtigt, da er sich Alice in jeder Hinsicht unterlegen
zeigt. Die Abenteuer der Nacht, die er grimasierend und händeklatschend
übersteht, sind die zwangsläufige Folge ihres Geständnisses.
Bill holt quasi nach, was sie in den neun Ehejahren schon wusste und muss schmerzhaft
lernen, dass Alice mehr ist als liebende Mutter. Hinter all denen, die er in
dieser Nacht kennenlernt, steht Alice als begehrende Frau. Eine Rolle, die ihr
Bill bisher nie zugestand und deren Erkennen ihn in tiefe Verzweiflung stürzt.
Kubrick gestaltet den Stoff konsequenter und geschlossener, indem er die von
Schnitzler partiell angelegte Doppelstruktur der Ereignisse komplettiert. Jede
Station der nächtlichen Odyssee durchläuft Bill noch einmal bei Tageslicht.
Ihres Glanzes beraubt, aber nicht weniger rätselhaft, stellen sie seine
nächtlichen Eindrücke in Frage und desillusionieren ihn wiederum.
Um aber die Gleichung von traumhaften Erlebnissen, die sich in brutale Wirklichkeit
verkehren, nicht aufgehen zu lassen, bringt Kubrick, den Kreis schließend,
noch einmal Victor Ziegler ins Spiel, in dessen Haus alles begann. Schlimmer
noch als die Zerstörung seiner Ideale von Ehe und Liebe, trifft Bill nun
die Infragestellung der Wirklichkeit an sich. Ob der mysteriöse Maskenball
nur inszeniert war, eine Täuschung seiner Sinne und ein Spiel mit seiner
Angst, erfährt weder Bill noch der Zuschauer. Aber der Zweifel allein genügt,
um in Bill auch die letzte Illusion von wahrer Liebe zu zerstören. Die
Unbekannte nämlich, die sich so selbstlos für ihn opferte, war nach
Zieglers Einflüsterungen nur mehr eine Komponente des Spiels.
Erst aber der Anblick der verlorengeglaubten Maske neben seiner schlafenden
Frau, als Sinnbild alles Erlebten und Gipfel des Schreckens, lässt Bill
zusammenbrechen und ihr "alles erzählen". Damit nimmt er das
Gespräch endlich wieder auf, zu dem er nun auch etwas beizutragen hat.
Daß die Wirklichkeit einer verwirrenden Nacht, sogar die Wirklichkeit
des ganzen Lebens, niemals die volle Wahrheit sein kann und auch Träume
nicht nur Träume sind, erkennen sie am nächsten Morgen. Blas und verheult
spielen sie mit ihrer Tochter heile Weihnachtswelt und wissen als Rezept vorerst
nur eins: "Ficken", was in etwa die moderne Übersetzung des "traumlos
nahen" Beieinanderliegens von Fridolin und Albertine und für alle
Beteiligten die einzige sichere Realitätsgarantie zu sein scheint.
Ob nun Eyes Wide Shut den hohen Erwartungen, die man an den "Meisterregisseur"
und sein definitiv letztes Werk stellte, entspricht, bleibt jedem selbst überlassen.
Fest steht jedenfalls, dass Arthur Schnitzler von Kubricks Umsturz selbst der
wirklichsten Wirklichkeit und der Absage an alle rationalisierenden Beziehungsanalysen
begeistert gewesen wäre und wohl zugeben müsste, daß seine These
vom "Dunklen der menschlichen Seele" nie schöner weitergedacht
wurde.
[NS]