Anatomie

Den zweiten Platz in einem bundesweit ausgeschriebenen Anatomiewettbewerb gewinnt die Medizinstudentin Paula (Franka Potente). Zur Belohnung darf sie an einem Forschungslehrgang des berühmten Anatomie-Professors Grombeck teilnehmen. In der altehrwürdigen Universitätsstadt Heidelberg angekommen, entdeckt die ehrgeizige Studentin nach einigen mysteriösen Ereignissen rund um den Seziertisch den verbotenen Geheimbund der Anti-Hippokraten. Der Bund aus Medizinern schwört dem hippokratischen Eid ab und betreibt, zum Wohle der Wissenschaft, eigene Forschung an Toten wie Lebenden. Der Nachwuchs der Anti-Hippokraten, zwei junge Kommilitonen Paulas, fühlten sich besonders berufen, experimentelles "Frischfleisch" zu besorgen. Kunstvolle Präparate werden aus den Leichen produziert. In das noch lebende Opfer wird Flüssigkeit injiziert, die das Blut plastinieren lässt. Nachdem sich Hein (Benno Fürmann), einer der jungen Anti-Hippokraten, in Paulas Freundin Gretchen (Anna Loos) verliebt hat und durch seine Impotenz deren Aufmerksamkeit verliert, rächt er sich auf "präparierende" Art und Weise. Paula kommt dem geheimen Bund auf die Schliche und gerät selbst in äußerste Gefahr. Ein deutscher Film bedient sich des Slasher-Subgenres. Stefan Ruzowitzky (Tempo; Die Siebtelbauern) interessiert sich ohne Zweifel für die Spannungsmomente, denn hier liegen die Stärken: Die wohl-getimte Suspense, bestehend aus der Bild-Tonebene, der Kameraeinstellung und dem Schnitt, fasziniert fraglos. Jedoch leidet die Story unter diesem Fokus erheblich. Darsteller wirken statisch und konstruiert. Das Geschehen wird in den Sektionssaal verortet, dort, wo das Blut sauber und konform abfließen kann oder erst gar nicht mehr abfließen muss. Man sollte die deutsche Brille nicht überbeanspruchen, aber symptomatisch erscheint die Tatsache, dass die gedankliche Verankerung im Dritten Reich angesiedelt werden muss, um den Genregrenzen des Horrorfilms halbwegs zu entgehen oder Reflexion zu dokumentieren. Die gelieferte Begründung widerspricht den "sauberen" Bildern, in die Ruzowitzky das Grauen und die Spannung legt. Seine Faszination, die der Suspense gilt, wird zum reinen Selbstzweck. Dadurch werden erhebliche Brüche und Ungereimtheiten in Kauf genommen. Zwangsläufig fahndet man in dem inkonsequenten Treiben erfolglos nach der Sinngrenze. So erklärt sich die merkwürdige (vom Film nicht intendierte, weil nicht reflektierte) Betroffenheit des Zuschauers allenfalls aus den verwendeten Plastinaten aus der streitbaren Fleischbeschauung Körperwelten.

Anatomie 
 (D 1999) 
 Regie & Buch: Stefan Ruzowitzky, 
 Kamera: Peter von Haller 
 Darst.: Franka Potente, Benno Fürmann, Anna Loos, Sebastian Blomberg, Holger Speckhahn, Traugott Buhre, Rüdiger Vogler, u. a. 
 Länge: 99 Min.; Verleih: Columbia TriStar

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