Nachbarschaft

Irgendwo in einer idyllisch amerikanischen Nachbarschaft West Virginias: Ein Junge mitten auf der Straße. Er schwankt, er torkelt, er stolpert, kämpft um jeden Schritt, Blut träufelt auf die Turnschuhe, die sich mühsam vorwärts schieben. Ein Auto hält, der Fahrer eilt dem Jungen zu helfen. Durch diese Rettungsaktion lernen sich die Nachbarn Michael Faraday, der Geschichtsprofessor und Bauingenieur Oliver Lang, Vater des verunglückten Jungen, der (wie sich später herausstellt) mit Neujahrsfeuerwerk hantiert hatte kennen. Und mögen? Grant, der Sohn Faradays, freundet sich vorbehaltlos mit der Familie an - im Gegensatz zu seinem Vater, der etwas Unheimliches wittert. Immer wieder eintreffende Briefe für Lang von der Universität Pennsylvania machen ihn skeptisch. Ebenso lösen sogenannte Baupläne Misstrauen bei dem Witwer aus, dessen Unterrichtsschwerpunkt Bombenattentate zu sein scheinen. Er findet heraus, dass Oliver Lang eine Namensänderung vorgenommen hat, um seine Vergangenheit zu verschleiern. Paranoia? Brooke, Faradays Assistentin in jederlei Hinsicht seit seine Frau bei einem FBI-Einsatz ums Leben kam, kann seine Befürchtungen nicht ernst nehmen - bis sie selbst den Machenschaften des so vorbildlich anmutenden Nachbarn auf die Schliche kommt. Sie bezahlt dafür mit dem Leben und auch Faraday, der letztlich nur noch als Werkzeug benutzt wird, geht nicht gesund aus der "Affäre" hervor. Der Feind käme von innen, jetzt, da keine Bedrohung von außen mehr zu befürchten sei, ist die Auffassung des Drehbuchautors Kruger, der mit Arlington Road sein erstes Kinoskript vorlegte. Die Handlung des Films lehnte er an Ereignisse wie zum Beispiel die Sprengung des Verwaltungsgebäudes in Oklahoma City durch Timothy McVeigh 1995 an. 168 Menschen kamen dabei ums Leben. Es ist möglich, Detailaufnahmen und darauf folgende Tragödien als Bestrafung des voyeuristischen Blicks zu interpretieren oder sie simpel als Effekthascherei zu bewerten. Denn auf seltsame Art und Weise schien Musikvideo-Filmer Mark Pellington jedes Stilelement, dass eine Wirkung auszulösen vermag, in den "Bombenfilm" integrieren zu wollen. Rasche Perspektivenwechsel an angebrachten Stellen oder verschwommene Bilder zeugen ebenso wenig von Einfallsreichtum wie der in die Signalfarbe Rot getränkte Verfolgungswagen, in dem natürlich die Bombe versteckt ist. Wer hätte sie in dem in Unschuld gehüllten weißen Lieferwagen vermutet, der einzig und allein Faradays Aufmerksamkeit auf sich zieht? Noch bevor sich den Protagonisten die Vorhänge öffnen, weiß der Zuschauer klar Gut von Böse zu unterscheiden. Das hat er nicht zuletzt dem Trailer zu verdanken, der eifrig die eventuell spannungstragenden Sequenzen im Voraus verriet. Wenige noch übrigbleibende Überraschungseffekte erzielen keinen Schockzustand, der Ausgang ist tragisch, aber nicht erschütternd und dem Nachbarn kann man hinterher immer noch trauen.

Arlington Road 
 (USA 1998) 
 Regie: Mark Pellington; 
 Drehbuch: Ehren Kruger 
 Darst.: Jeff Bridges, Tim Robbins, Joan Cusack 
 Verleih: Universal Pictures Video; Länge: 112 min 

[kom]


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