a Bugs life

... roughly translated: Das große Krabbeln ist nach Toy Story (1995) der zweite vollständig computeranimierte Langfilm Disneys. Eigentlich wollte man im Verbund mit Pixar (der Firma des ū-Chefs Steve Jobs) seinen vollständig computeranimierten Film noch vor dem Konkurrenzprodukt Antz (1998) aus dem Hause Dreamworks in die Kinos bringen. Warum es nicht geklappt hat - es hätte für Disney immerhin ein immenses weihnachtliches Zubrot bedeutet - kann nur vermutet werden. Denn viel aufwendiger als in Antz sind die Animationen nicht. Sicher ist jedoch, dass aufgrund der kurzen Abfolge der beiden Filme ein Vergleich nicht nur von Seiten der Produktion, sondern wohl auch der Zuschauer und Kritiker angestrebt ist. Hierzu könnte man sich zuerst einmal fragen, was wohl die "Philosophie" computergenerierter Filme sein mag. Die Simulation des Echten kann es angesichts des Genres beider Filme kaum sein. Fraglich ist auch, ob es ökonomisch oder zeitlich günstiger ist, vom Zeichentrick auf den Computertrick überzuwechseln. Wahrscheinlich ist es ein Muskelspiel der Megahertz und Rechenkraft. Ebenso könnte es ein Abstecken des Marktes für derlei Produktionen sein, dass den Aufwand rechtfertigt. Disney plant bereits, zusammen mit Pixar ein eigenes Studiosystem für computeranimierte Filme aufzubauen. Von dort könnten dann schon bald die lange geunkten Filme mit dem virtuell reanimierten Humphrey Bogart und anderen verblichenen Stars ihren Weg auf die Leinwand finden. Doch zurück zu Kerbtieren, die noch nicht allein vom Starkult zehren können. Bei A bug's life sind die Charaktere vollständig disneyanisch: Penetrant Gute, ganz fies Böse, ein paar Alberne, dazu eine Story, in der sich ein kleiner, missverstandener und gebeutelter Held beweisen muss (wie ausnahmslos alle Disneystereotypen) - nur noch die üblichen Songs fehlen. Antz - der zwar auf keine komplexere Story verweisen kann, seinen Figuren jedoch die Charaktere seiner Sprecher (Woody Allen, Silvester Stallone, Sharon Stone) verleiht - ist hingegen auch jenseits der 10-Jahres-Altersgrenze noch ganz reizvoll. Das Gros der Erzählung bestreitet das Disney-Produkt aus Versatzstücken der Ameisen-und-Grillen-Geschichte (in der die Grille den ganzen Sommer über musiziert und als es kalt wird angesichts ihres leeren Kühlschranks bei den fleißigen Ameisen nachfragt, ob sie sich den Winter über durchschmarotzen darf), gespickt mit ein paar narrativen Krümeln aus John Landis‘ The Three Amigos (1986). Weil die Geschichte also hinreichend bekannt ist und die Charaktere auch nicht sonderlich zu begeistern wissen (einzige Ausnahme: Die Flöhe Cevap & Cici, die einen herrlich anarchischen Humor an den Tag legen), geht der Betrachter bald schon dazu über, sich intensiver auf die Bilder einzulassen. Dort wird er nicht enttäuscht. Ein wahres Wundern überkommt ihn erst recht, wenn er die Entwicklung der Computergrafik im Film seit Disneys Tron (1981) mit verfolgt hat. Einige Szenen, wie zum Beispiel der Wolkenbruch, sind in dieser Hinsicht geradezu überwältigend. Wenn man mit gut-deutscher Manier bricht und nicht bereits bei der Andeutung der Credits vom Sessel aufspringt und fluchtartig den Saal verlässt, bekommt man den absoluten Höhepunkt des Film geboten. Links neben den Endtitles werden "verpatzte Animationen" gezeigt. Man kann angesichts ihrer schon fast von einer intellektuellen postmodernen Brechung sprechen: Der Computerfilm tut so, als agierten in ihm echte Darsteller und zeigt nun Szenen, in denen die Ameisen ihren Text vergessen, in schlimmen Szenen unwillkürlich lachen müssen und sogar gegen die Kamera (!) rennen, die dann auch prompt umfällt.

Das große Krabbeln 
 (A bug's life, US 1998) 
 Regie: John Lasseter & Andrew Stanton, 
 Animation: Pixar 
 96 Min., Verleih: Buena Vista International 

[Stefan Höltgen]


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