Der Spiegel

Zu Beginn sitzt eine schöne Frau rauchend auf einem Holzzaun und wartet. Den ganzen Film hindurch sieht man diese Frau sehr häufig. Hin und wieder ertönt dazu eine Männerstimme aus dem Off. Ansonsten wird wenig geredet. Ab und an auch noch Musik, die, gerade aufgrund der Tatsache, dass wenig Dialoge stattfinden, noch eindringlicher wirkt. Der Film behandelt die Lebensgeschichte eines Mannes in den 70er Jahren, dessen Eltern geschieden sind. Er sucht seine Identität und erinnert sich dabei an seine Kindheit in den 30er Jahren. Immer wieder wird dorthin zurückgeblendet, gehen schwarz-weiße und farbige Aufnahmen ineinander über. Man hat Tarkowskij Subjektivismus vorgeworfen, weil ihm autobiografische Züge in seinen verschachtelten, "verspiegelten" Film, der auch politische Ereignisse seiner Zeit nicht außen vor lässt, einfließen ließ. Aber gerade sein subjektives Empfinden und Erleben macht den Film doch gerade so gefühlsecht. Die Vergangenheit scheint verloren und doch lässt sie einen nicht los. Und gerade sie ist so essentiell, um eine eigene Identität aufzubauen. Ganz persönliche Erinnerungen treten zusammen mit gesellschaftspolitischen Ereignissen auf, man sieht Bilder aus dem spanischen Bürgerkrieg, von Mao, immer wieder Soldaten. Tarkowskij hat in seinem vierten Film innerhalb von 14 Jahren persönlich Erlebtes reflektorisch verarbeitet. Dabei wirft er unausweichlich philosophische und moralische Fragen auf. Margarita Tschechova ist sowohl als Mutter des Mannes als auch als Natalja (seine geschiedene Frau) den ganzen Film hindurch unglaublich präsent. Tarkowskij gibt ihr nicht viel Text, aber den braucht sie auch gar nicht. Sie schafft es mühelos, durch wenige Blicke Räume auszufüllen. Was fesselt, sind die Übergänge: Gegenwart und Vergangenheit, Individualität und Menschenmassen, Dokumentation und Spielfilm, Poesie und Realität. Dabei scheint der Film zunächst keiner Logik zu folgen, scheinen sich die einzelnen Szenen nicht aneinanderfügen zu wollen. Doch nach und nach wird die Geschichte freigelegt und erkennbar.

Der Spiegel 
 (Zerkalo, Russland 1975) 
 Regie: Andrej Tarkowskij; 
 Drehbuch: Alexander Mischarin, Andrej Tarkowskij; 
 Kamera: Georg Rerberg; 
 Musik: Eduard Artemjew, Johann Sebastian Bach, Henry Purcell, Giovanni Battista Pergolesi; 
 Darsteller: Margarita Terechowa, Alla Demidowa, Ignatz Danilzew, L. Tarkowskaja, Anatoli Solnitsin, Oleg Jankowski; 
 Länge: 105 min.; Verleih: Mosfilm 

[KM]


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