Fußball ist unser Leben

Ein Kameraschwenk gibt den Blick frei auf eine tobende Fankurve. Das ist eine der für einen Fußballfilm erstaunlich wenigen Stadionszenen, denn eigentlich geht es ja auch nicht um den Verein, sondern um Hans. Hans Pollak, seinerseits Vorsitzender des Schalke-Fanclubs, seit einem halben Jahr unfreiwillig hauptberuflich ehrenamtlich. Gut, dass seine Frau Hilde davon nichts weiß. Kurz vor der Halbzeit bringt sie eine kleine Tochter zur Welt, die später auf den Namen Paola getauft wird, nach Pablo Antonio Di Ospeo, kurz Dios. Er ist der Star-Stürmer des Vereins, nach ihm ist der Fanclub benannt: "Dios-Knappen Gelsenkirchen". Die vier Freunde setzen all ihren Hoffnungen in den Fußballer, Hans verwettet das Haus seiner Frau auf ihn. Doch bald erfahren sie, dass ihr argentinisches Idol nicht nur kokst, sondern auch zu Inter Mailand wechseln will. Die noch immer glauben, Fußball sei Sport, belächelt er. Seine Worte kränken Hans‘ Fanehre, er fühlt sich provoziert, lässt sich zu einem Kinnhaken hinreißen - schließlich ist Fußball sein Leben. Jedenfalls ist der "Fußballgott" erst einmal außer Kraft gesetzt, wohin also mit ihm? Was läge näher als Hans‘ Fankeller? Schnell wird die Aktion als Entführung ausgelegt und Hans freundet sich mit dem Gedanken an, Dios während seiner unfreiwilligen Anwesenheit wieder zu Schalker Kampfgeist zu verhelfen. In der Aufregung verschwitzt er, seine Frau aus dem Krankenhaus abzuholen. Und für die Renovierung des Kinderzimmers blieb auch keine Zeit, nur das Schalkelogo prangt schon vom Bettchen. Zu allem Übel erfährt Hilde von der Wette und verlässt ihren blau-weißen Göttergatten kurzerhand. Kurz darauf erleidet seine Mutter eine Herzattacke und stirbt in den Armen des Entführten. Sohn Ernst, Fußballtalent, aber lieber Künstler, geht die Macke seines Vaters zu weit, er verlässt sein zu Hause. Theo, Mike und Bernie (die drei engsten Clubkameraden) schließen sich ihm an. Allein gelassen beschließt Hans auch Dios freizulassen. Doch für den hat sich inzwischen einiges geändert. Zu guter letzt trainieren beide doch noch zusammen, Dios schießt das rettende Tor, Hans will sich umbringen und alles wird gut. "Elf Freunde müsst Ihr sein", "Der Ball ist rund", "Das Spiel ist erst vorbei, wenn der Schiri abpfeift"; Fußballweisheiten, die Ergebnis geistloser Spielanalysen bei Dosenbier sind und das Niveau des Streifens widerspiegeln. Der Titel hält, was er verspricht, somit erweist sich die Trivialität und flache Komik nicht als überraschend. Hier wird eine nahezu depravierende Stereotypie konstruiert, deren realistische Komponente Illusionen zu zerstören vermag. Die Milieustudie scheint gelungen. Verbirgt sich wirklich ein so oberflächliches Schicksal hinter jedem lebendigen Fahnen-schwenkenden-schwachsinnige-Sprüche-grölenden-Fanartikel? Während die einen es zur Religion küren, ist es für die anderen nichts als ein Geschäft. Das eine funktioniert ohne das andere nicht. Obgleich seicht unterhaltend werden diese Aspekte durchaus integriert. Ihnen wird gerade die richtige Portion Aufmerksamkeit geschenkt, denn wirklich Neues kann damit keinem erzählt werden. Spannende Handlung war wohl einem Platzverweis aus dem Drehbuch zum Opfer gefallen. Spitzfindige Witzigkeit muss die ganzen 97 Minuten im Abseits gestanden haben. Die Frage bleibt - ohne diskriminierend zu erscheinen- ob das Thema hohen Anspruch rechtfertigt? Für Nicht-Schalke-Fans wird der visuelle Konsum auf dem heimischen Sofa eher zum Strafstoß. Rote Karte.

Fußball ist unser Leben
 (D 1999)
 Regie: Tomy Wigand; 
 Buch: Mathias Dinter; 
 Kamera: Diethard Prengel Martin Ritzenhoff;
 Darst.: Uwe Ochsenknecht, Ralf Richter, Oscar Sánchez u.a.; 
 Länge: 97 min; Verleih: sevenX Central

[kom]


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