Helden wie wir

"Ich darf von mir behaupten, durch ein ganzes Panzerregiment Geburtshilfe genossen zu haben ..." Im Gasthof zur Linde, in einem kleinen Ort irgendwo im Vogtland erblickt Klaus Uhltzscht das Licht der Welt. Es ist der 20. August 1968, Panzer rollen gen Prag. So beginnt das Buch "Helden wie wir", das nach seinem Erscheinen 1995 als der Wenderoman gefeiert wurde. So beginnt auch der gleichnamige Film, der seit 9. November - pünktlich zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls - über die Kinoleinwände flimmert. Klaus Uhltzscht, aufgewachsen in der Ostberliner Normannenstraße mit Fensterblick in das Ministerium für Staatssicherheit, ist ein vorbildlicher Jungpionier (James Bond ist ihm kein Begriff). Er observiert nicht nur die Mitarbeiter im Haus gegenüber. Er weiß, dass es im Leben um den Kampf der Farben geht, wenn er in der Schule aufgefordert wird, sozialistische Länder rot und kapitalistische Länder blau auszumalen. Yvonne übersät stattdessen die Landkarte mit Tulpen, Yvonne Anders, Tochter eines Dissidenten, trägt auch keine Pionierbluse. Sie möchte so gern nach Holland reisen - für Klaus ist die Sache ganz einfach: Damit die beiden im Tulpenfeld knutschen können, muss Holland "rot gemacht" werden. Dann kommt es aber ein bisschen anders. Nach Beendigung der Schule landet Klaus selbst bei der Stasi (von James Bond hat er immer noch keine Ahnung), als "Romeo" soll er Vorzimmerdamen von Nato-Generälen verführen, und erst jetzt erfährt er, dass sein Vater gar nicht beim Aussenhandel tätig ist. "Romeo" wird dann aber nur zur Beobachtung von "Indivi-dualist" strapaziert und hilft mit seiner bahnbrechenden Erkenntnis, dass jede leere Seite ein potentielles Flugblatt sei, sowohl seinem Arbeitgeber, als auch Yvonne und deren Freunden. Und er hilft noch jemandem. Mit einer zwar unfreiwilligen Blutspende rettet er Erich Honecker das Leben. Danach jedoch kommt es zu einem Blutstau in seinem besten Stück. Regte es sich bisher nur, wenn Dagmar Frederic ihren Tango sang, ufert es nun in Dimensionen aus, die sogar die Grenzsoldaten sprachlos werden lassen. Während sie also fasziniert sein "Ding" anschauen, stürmt die Menge nach drüben. So wurde aus dem ahnungslos durchs Leben schlitternden Klaus Uhltzscht doch noch ein Held. Thomas Brussig soll in Zusammenarbeit mit Sebastian Peterson den deutschen Forrest Gump erschaffen haben, sagen viele Kritiker. Die Integration zahlreicher Originalaufnahmen, gekonnter Collagen scheint sie auf diesen Gedanken gebracht zu haben. Auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Hauptfigur mag nicht abzusprechen zu sein. Warum jedoch muss sofort ein Vergleich bemüht werden? Dieser Film hat das nicht nötig. Die Zuschauer als Zeitzeugen ließen der Requisite sicher bereits im Voraus graue Haare wachsen. Doch jedes Detail stimmte. Angefangen bei der Aktuellen Kamera mit Angelika Unterlauf, über das Original-Klappfahrrad oder die Bockwurst zum Abendbrot bis hin zu den im Ferienlager geschmetterten blauen Wimpeln im Sommerwind. Alles scheint ein wenig farbloser, ein wenig irrealer als die Wirklichkeit. Gerade das verleiht diesem Film die Authentizität. Er hyperbolisiert nicht, er untertreibt nicht, er zeigt, wie es war und das Wissen um die Tragik dieser Vergangenheit vermag so einige befreite Lacher auszulösen.

Helden wie wir 
 (D 1999) 
 Regie: Sebastian Peterson; 
 Drehbuch: Thomas Brussig, Sebastian Peterson, Markus Dittrich; 
 Kamera: Peter Przybylski 
 Darst.: Adrian Heidenreich, Daniel Borgwardt, Luca Lenz, Xenia Snagowski, Udo Kroschwald u.a. 
 Länge: 93 Min.; Verleih: Senator 

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