Jenseits der Stille
Über das Leben, die Liebe und den Klang des Schnees

Wer sich diesen Film unvorbereitet anschaut, wird sich wundern. Ein deutscher Film mit Untertiteln? Das gibt Rätsel auf, wenn auch nur für kurze Zeit. Denn als ein kleines Mädchen von einem tobenden Gewitter geweckt wird, während die Eltern ruhig schlafen, scheint das Rätsel schon gelöst. Regisseurin Caroline Link erzählt in ihrem leisen Film die Geschichte von Lara, deren Eltern taubstumm sind. Sie erzählt davon, wie Lara in der Schule ausgelacht wird, weil sie mangelhaft liest, wie sie beim Gespräch mit der Lehrerin nicht die ganze Wahrheit wiedergibt, bei Bankgeschäften nicht nur hilfreich ist, sondern die Verhandlungen zeitweise selbst mit beeinflusst und wie sie Liebesfilme für ihre Mutter übersetzt. In dieser stillen Welt meistert Lara ungeachtet ihres zarten kindlichen Gemüts das Leben verantwortungsbewusst. All das offenbart sich dem Zuschauer bereits in dem ungewöhnlich schönen und erwachsenen Antlitz des jungen Geschöpfs. "Wie klingt der Schnee? Was sagt er dir?", will der Vater wissen; er hat eine Vorliebe zu erfragen, welche Geräusche Dinge erzeugen, die eigentlich geräuschlos sind. "Er sagt: knirsch, knirsch, brr, brr .... man sagt sogar, dass der Schnee alle Geräusche verschluckt. Wenn Schnee liegt ist alles viel leiser." "Der Schnee macht die Welt leise? Das ist schön." Auch Lara ist von der Poesie der Stille überzeugt, empfindet aber gleichermaßen viel für Melodien. Als die Tante sie zu Weihnachten mit einer Klarinette bedenkt, eröffnet sich für Lara eine zweite Welt, die Welt der Musik, ihre Begabung wird sogleich evident. Sie wird zur Muse des Musiklehrers Gärtner, für den angesichts der zahlreichen hoffnungslosen Fälle im Schulorchester nur Mitleid empfunden werden kann. Natürlich bleibt all das nicht ohne Schattenseite: In diese für Lara so bedeutende Welt können ihre Eltern sie nicht begleiten. Die heranwachsende Schwester scheint sie entbehrlicher zu machen und Lara zieht nach Berlin, zur Tante. Hier lernt sie Tom, der an einer Gehörlosenschule arbeitet, kennen und lieben. Durch ihn fühlt man sich eingeladen, weitere, gefühlvolle Aspekte der totalen Stille nachzuvollziehen. Hier holt sie aber auch ein grausames Ereignis ein, das es vermag, die verbleibende Familie wieder zusammenzuführen. Caroline Link lehrt uns, dass Bienen taub sind und, dass ein Gemälde klingen kann. Es gelingt ihr uns die Musik der Stille ebenso nahezubringen wie die Eleganz sprechender Hände. Die Arbeit mit Licht und Schatten, verbunden mit einigen ausgewählten Farben verleiht dem Film Anmut. Klarheit in Gestik und Mimik der Darsteller überzeugen in dieser inszenierten Ästhetik. Hier wird gefühlvoll mit einer Krankheit umgegangen. Ohne des Zuschauers Mitleid zu erwecken werden ihm mit dieser choreografierten Sinnessinfonie Berührungsängste genommen.

Jenseits der Stille 
 (D 1995) 
 Regie: Caroline Link; 
 Kamera: Gernot Roll. 
 Darsteller: Sylvie Testud, Howie Seago, Emmanuelle Laborit, Sibylle Canonica 
 108 Min., Verleih: Buena Vista International

[kom]


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