Kundun

"Was mich an der Geschichte interessiert hat", so der Regisseur, "war, wie ein junger Mann, der in einer vollkommen auf dem Geistlichen basierenden Gesellschaft lebt, sich einer Gesellschaft gegenübergestellt sieht, die dem Spirituellen am abgewandtesten ist - der maoistischen Regierung des kommunistischen Chinas. Wie geht ein Mensch der Gewaltlosigkeit mit diesen Leuten um?" (Martin Scorsese) "Du hast nicht geweint, als du auf die Welt kamst, und Krähen hatten sich auf unserem Dach ein Nest gebaut, so wie beim ersten Dalai Lama, der während einer Räuberei von Krähen bewacht worden ist." Wieder und wieder müssen die Eltern dem kleinen Lama die Geschichte seiner (Wieder)geburt erzählen. Im Alter von zwei Jahren wird er als die Reinkarnation des 14. Dalai Lama erkannt und nach Lhasa gebracht. Hier heißt er Kundun (übersetzt: Ozean der Weisheit) und wird in buddhistischen Lehren unterwiesen, bis er selbst entscheiden kann. Und große Entscheidungskraft fordert die sich zuspitzende politische Situation von ihm. Die chinesischen Truppen besetzen Tibet, das spirituelle Oberhaupt wird in der Presse verleumdet, Menschen sterben auf grausame Weise. Kundun muss fliehen. Martin Scorsese hat die Biographie eines Mannes inszeniert, der seit 1959 im indischen Exil, in Dharamsala lebt und von dort weiterhin den Dialog mit Peking sucht. Seine Heiligkeit Tendsin Gyatso, der XIV. Dalai Lama, Buddha des Mitgefühls und Friedensnobelpreisträger (1989), stand Melissa Mathison, der Drehbuchautorin, hilfreich mit Informationen zur Seite. So entstand ein völlig hollywood-untypisches filmisches Meisterwerk. Sicher, das Thema scheint zur Zeit beliebt zu sein. Little Buddha oder Sieben Jahre in Tibet liefen zur selben Zeit in den Kinos an. Nicht zuletzt kann damit öffentlicher Druck auf Chinas Regierung ausgeübt werden. Doch Martin Scorsese hat hier Meditation geschaffen. Lebende, detailverliebte, unter die Haut dringende Bilder, aufgenommen allerdings in einem rekonstruierten Tibet in der reizvollen Landschaft Marokkos, dokumentieren und illustrieren einfühlsam eine zutiefst menschliche Religion, ja Kultur. Roger Deakins gelingt es, mit der Kamera zu zeichnen, ein Kunstwerk entstehen zu lassen, das seinesgleichen sucht. In dieses Leinwandgemälde fügen sich sowohl die unglaublich authentische Schauspielkunst des erwachsenen Dalai-Lama-Darstellers Tenzin Thuthob Tsarong, als auch die wunderbar exotische Filmmusik des Philip Glass harmonisch ein. Es mag ein Film für Eingeweihte sein, denn Erklärungen gibt er nicht, er zeigt. Aber wer sich von der spirituellen Reise hat sensibilisieren lassen, kann fühlen, was Liebe, was Humanismus bedeuten und was Frieden heißt.

Kundun 
 (US 98) 
 Regie: Martin Scorsese, 
 Musik: Philip Glass, 
 Darsteller: Tenzin Thutob Tsarong, u. a. 
 Länge: 135 Min., Verleih: Kinowelt 

[kom]


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