Der gute Mörder

Es beginnt mit einer folgenreichen Verwechslung. Tom Ripley (Matt Damon), aus ärmlichen Verhältnissen stammend, verdient sein Geld mit Klavierspielen im New York der 50er Jahre. Als er auf einer Party den reichen Schiffsbauer Greenleaf kennenlernt, hält dieser Tom für den Studienkollegen seines Sohnes Dickie (Jude Law), der ein playboy-ähnliches Leben in Italien führt. Tom soll Dickie zurückholen. In Italien angekommen, freundet Tom sich jedoch mit Dickie sehr schnell an und denkt nicht mehr an den ursprünglichen Auftrag. Die Ausgangsposition von Anthony Minghellas Der talentierte Mr. Ripley ist in wenigen Minuten erzählt. Genauso lang braucht der Zuschauer, um die Handschrift des Regisseurs zu erkennen: wunderschön fotografierte Bilder (die Ästhetik erinnert an Hochglanz-Magazine) mit einer etwas übertriebenen Symbolik. Schon der Vorspann verdeutlicht den Stil: Tom Ripley wird von vertikalen schwarzen Bildfetzten "zerschnitten". Damit ist sein Schicksal besiegelt, noch bevor er den ersten Mord begeht. Der Film basiert auf dem 1955 erschienenen Roman von Patricia Highsmith. Ihr bevorzugtes Thema: die Faszination des Bösen und die Stilisierung des Mörders zum Helden. Minghellas Aufgabe war es, diese Motive filmisch adäquat umzusetzen. Das Kunststück bestand darin, Tom Ripley so sympathisch zu gestalten, dass sich der Zuschauer zunächst mit ihm identifizieren konnte. Tom Ripley wird daher nicht als Mörder in die Handlung eingeführt. Er besitzt nur sein besonderes Talent: die perfekte Nachahmung anderer Menschen (sowohl sprachlich, als auch physisch). Hier wird schon angedeutet, was sich in der zweiten Hälfte des Films dramaturgisch zuspitzt: der Identitätswechsel mit einer anderen Person. Zunächst liegt der Handlungsschwerpunkt auf der Männerfreundschaft zwischen Tom und Dickie, die einige homoerotische Aspekte enthält. Tom fasziniert nicht nur Dickies Reichtum, er ist auch sexuell an ihm interessiert. So fragt Tom seinen Freund, als dieser nackt in der Badewanne sitzt, ob er dazu kommen darf. Als Dickie verneint, verbessert sich Tom: "Natürlich, wenn du draußen bist". Der Mord an Dickie geschieht dann auch nicht aus Habgier, sondern resultiert aus Toms verletztem Stolz (Dickie bezeichnete ihn als lästige Klette). Eher zufällig bekommt Tom die Chance, in die Rolle des Ermordeten zu schlüpfen. Er ist allerdings gezwungen, seine ursprüngliche Identität nicht aufzugeben. Seine spannendsten Momente bezieht Der talentierte Mr. Ripley aus der möglichen Gefahr einer Entlarvung dieser Doppelidentität. Hier wendet Minghella ein altes filmisches Prinzip an, welches bereits Hitchcock in seinen Werken verwandte, um den Zuschauer auf die Seite des Mörders zu ziehen. Der Trick dabei: Die Kamera nimmt die Perspektive des Mörders ein und entwirft einen möglichen Handlungsfortgang (klassisches Beispiel aus der Filmgeschichte: Er will fliehen und das Auto springt nicht an). In diesem Augenblick erschrickt nicht nur die betreffende Person im Film, sondern auch der Zuschauer. Danach löst sich die künstlich aufgebaute Konfliktsituation auf (das Auto springt an). Mörder und Zuschauer atmen auf. Leider überstrapaziert Anthony Minghella dieses Prinzip. Was bleibt, ist ein unterhaltsamer Edelkrimi mit einem überzeugenden Jude Law (Oscar-Nominierung) und einer bestechenden Atmosphäre des Italiens der 50er Jahre.

Der talentierte Mr. Ripley 
 (USA 1999)
 Regie: Anthony Minghella 
 Kamera: John Seale 
 Darst.: Matt Damon, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Cate Blanchett, James Rebhorn 
 Länge: 139 Min.; Verleih: Kinowelt 

[RH]


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