Oskar und Leni

"Leni sucht Oskar", so steht es auf den Anzeigenblättern, die Leni in den U-Bahnstationen Berlins anklebt. Aber Oskar fährt Moped. So und ähnlich verpassen sich die beiden ständig. Wenn es so weitergehen würde, denkt man, könnte es ein durchaus realistischer Film über die Anonymität der Großstadtmenschen werden. Aber schon der Prolog im Himmel (im wahrsten Sinne des Wortes), gesprochen von einem Seepferdchen (!), verspricht Ungewöhnliches. Oskar war Olympiasieger im Schwimmen, dann der meistgesuchte Juwelendieb Europas, bevor ihn ein Kopfschuss ins Gefängnis beförderte. Nach zehn Jahren wird er wegen guter Führung und dem Verdacht auf geistige Minderbemitteltheit entlassen. Weil "Shakespeare das einzige ist, was im Kopf zu behalten sich lohnt" schlüpft er bei einem Freund und Besitzer eines kleinen Theaters unter und lebt fortan nur noch in der Vergangenheit, in Erinnerungen und Träumen. Leni, die mit ihrer Schwester und deren Freund zusammenlebt, hangelt sich mit diversen Jobs durchs Leben. Tagsüber arbeitet sie in einer Tortenfabrik, Nachts tritt sie in einer Varieteenummer auf oder verdient als Nutte ein bisschen Geld. Bevor sich Oskar und Leni begegnen, vergeht einige Zeit, in der sich ihre Wege wie beiläufig kreuzen. So als wäre Berlin ein Dorf. In einer U-Bahn reagiert Leni prompt auf Oskars Zitate aus "Romeo und Julia", sie küssen sich, dann steigt er aus, kaum das sie ihn nach seinem Namen fragen konnte. Fortan denken sie aneinander, was uns durch Traumbilder und "Erinnerungen" vermittelt wird. Die Suche vollzieht sich ebenso ruhig wie der ganze Film, in poetischen Bildern und mit leichter Komik, wenn wir Lenis U-Bahn und Oskars Moped parallel durch Berlin fahren sehen oder wenn Oskar träumend auf dem Dach sitzt und hinter seinem Rücken ein Flugzeug den schon vertrauten Schriftzug "Leni sucht Oskar" hinter sich herzieht. An dieser Stelle hatte ich Angst, der Film würde nun ins Kitschige abgleiten, aber dem ist nicht so. Erzählt wird zwar in wunderschönen Bildern eine Art modernes Märchen, aber Petra Katharina Wagner tut das auf eine unaufdringliche, stille Weise. Altmodisch ist die richtige Umschreibung für diesen Film. Nicht nur dass er in schwarz-weiß gedreht wurde, auch die Namen, sowie Benehmen und Kleidung der Personen stammen eher aus Großmutters Zeiten. Der Film ist bis in die kleinste Nebenrolle liebevoll besetzt, vor allem aber das Spiel der Hauptdarsteller überzeugt. Man mag einwenden, dass hier wieder eine dieser "Man muß nur an Träume glauben"-Geschichten erzählt wird und hat in gewisser Weise Recht, weil es eben darum geht. "Wohl wahr, ich rede von Träumen..." heißt es im Film, aber diese Träume bezaubern durch ihre Schlichtheit und Poesie inmitten der Großstadt, die hier weniger hektisch, aber nicht weniger hart gezeigt wird. "Oskar und Leni" ist ein Film, der sich wohltuend absetzt gegenüber dem neuen deutschen Komödienstadel und genug Tiefgang besitzt um es mit "Nachtgestalten", dem anderen aktuellen Berlinfilm, aufzunehmen.

 Oskar und Leni 
 (D 1998) 
 Regie: Petra Katharina Wagner, 
 Kamera: Peter Polsak, Darst.: Christian Redl, Anna Thalbach, Reiner Heise, Elisabeth Trissenaar u.a. 
 90 Min., Verleih: Basis-Film. 

[NS]


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