Die Legende vom Ozeanpianisten

Man sei noch lange nicht am Ende, wenn man eine gute Geschichte zu erzählen habe und jemanden, der zuhört. Der Trompeter Max erscheint sinnierend im Halbdunkel, er denkt an seinen Freund, einen echten Freund, dessen Story niemand glauben würde. Trotz allem wird sie erzählt. Beim Stöbern durch den prunkvollen Tanzsaal des Luxusdampfers "Virginian" entdeckt der Heizer Danny am ersten Tag des neuen Jahrhunderts ein Findelkind auf dem Flügel. Er tauft es "1900", zieht es mit der Ölkanne auf, bringt ihm Lesen bei und, dass Mama ein Pferd ist und Waisenhäuser für Leute da sind, die keine Kinder haben. 1900 wird das Schiff nie verlassen, er verbringt seine Zeit damit, die Menschen mit wunderbarer Musik zu unterhalten, mit seinen Melodien ergründet er ihre Seelen, erfährt ihre Geheimnisse. Er weiß, dass die Menschen an Land eine Menge Zeit mit der Frage nach dem Warum verschwenden, dass sie sich immer auf Reisen befinden, er geht deshalb nicht von Bord. Wenn 1900 die Tasten anschlägt begibt er sich auf ganz eigene Reisen - in Dschungel, Kathedralen, Metropolen. Wie er, soll auch seine Musik nirgendwo hingehen, es sei denn als Geschenk für die unerfüllte Liebe. Sie wird der Grund, weshalb sich der Virtuose doch auf die Gangway begibt, auf halbem Wege aber kehrt er um, verzichtet darauf, die Stimme des Meeres zu hören, den Ozean von Land aus zu betrachten, verzichtet auf die Liebe. Diese tatsächlich unglaubliche Erzählung wird in sprechende Bilder gehüllt und von ständigem Wechsel der zeitlichen als auch Kameraperspektiven geprägt. Hier wird nicht nur ein Konzert für die Ohren (dank der Kompositionen von Ennio Morricone) sondern auch für die Augen präsentiert. Im harmonischen Einklang zu akustisch/ visuellem Hocherlebnis stehen teilweise stark metaphorische Kommentare. Während des sehr emotionsgeladenen Duells zwischen 1900 und Jazzerfinder Jerry Roll Morton, wird das Klavierspiel beispielsweise mit dem Streicheln der Tasten, werden die Hände des Herausforderers mit Schmetterlingen verglichen. Nahezu filigran anmutende Detailaufnahmen versetzen den Zuschauer in Bewunderung. Eigentlich bedarf dieser Film einer Leinwand, für die Vorführung im heimischen Kino wird cineastische Atmosphäre empfohlen.

Die Legende vom Ozeanpianisten
 (La leggenda del pianista sull' oceano; I 1998) 
 Regie & Buch: Guiseppe Tornatore 
 Kamera: Lajos Koltai 
 Darsteller: Tim Roth, Pruitt Taylor Vince, Mélanie Thierry 
 Länge: 121 Minuten; Verleih: Concorde 

[kom]


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