Pola X

Spätestens seit Die Liebenden von Pont-Neuf (1991) gehört Léos Carax zu den Regisseuren, die etwas gelten. Doch seit etwa acht Jahren hat er keine Filme mehr in die Kinos gebracht. Der Titel seines aktuellen Films Pola X ist ein Anagramm, das sich aus den Anfangsbuchstaben des Romans von Herman Melvilles Pierre ou Les Ambiguites, den er frei als Vorlage nutzt und trotzdem eine Geschichte aus eigenen Bildern erzählt. "Nicht die Bücher verfilmt man, sondern den lebhaften Eindruck, den sie in uns zurückgelassen haben", sagt Leos Carax zu seiner Fassung von Herman Melvilles Roman, einen Eindruck, den Carax in Melvilles Worten so resümiert: "Wenn es zum Äußersten kommt, sind menschliche Seelen wie Ertrinkende; wenn sie noch so gut wissen, dass sie in Gefahr sind und was diese Gefahr ist: das Meer ist das Meer, und die, die am Ertrinken sind, müssen ertrinken." Zu Beginn findet man sich in einer französischen Idylle wieder. Der schöne Bestseller-Autor Pierre (Guillaume Depardieu) pflegt mit seiner wohlsituierten Stiefmutter (Catherine Deneuve) ein halb inzestuöses Verhältnis, hat eine Affäre mit seinem Cousin Thibault und steht kurz vor der Hochzeit mit seiner zarten Freundin Lucie. Doch eine mysteriöse dunkle Frau mit fremdländisch slawischem Akzent, die zuerst in seinen Träumen auftaucht, bringt Dunkelheit in die Idylle voller Helligkeit. Er begegnet ihr in einem Waldstück in dem sie ihm - verstört, wie in Trance - erzählt, dass sie seine Stiefschwester sei. Mit einem Mal bricht Pierre seine gesamten Beziehungen ab und flieht mit der geheimnisvollen Isabelle nach Paris. Die beiden werden ein Liebespaar, rutschen aber immer mehr in den Abgrund. Für Pierre ist die Begegnung mit Isabelle Anlass, nach einer ominösen "Wahrheit" zu suchen und "Täuschungen" aufzudecken. In einer kalten Fabrikhalle im Niemandsland hausen sie zusammen mit einer okkulten Sekten- und Terroristengruppe und Pierre schreibt mit kratzigem Stift an einem neuen Buch. Als auch der letzte Hoffnungsschimmer entschwindet und sein Manuskript abgelehnt wird, ist der Albtraum zur Realität geworden. Der Film verfolgt einen seltsamen Wandel, der sich gut in Pierres Gesicht und seelischen Zuständen niederschreibt. Die Logik einer stringenten Handlung wird einer wahren Bilderflut geopfert. Die Distanz, die der Film vom idyllischen Anfang bis zum katastrophalen Ende zu durchlaufen hat, wird bereits im Vorspann angedeutet. Mit Kampfflugzeugen und Bomben, mit zerbombten Siedlungen und Friedhöfen richtet er die Erwartung auf Krieg. Darauf folgen Szenen im hellen Morgenlicht und eine ruhige Kamerafahrt auf ein schlafendes Mädchen. Und so wie der Film mit einer Täuschung beginnt, zeigt Carax, wie schöne Bilder den Kinozuschauer täuschen können. Mit der Wahrheit seiner Bilder lässt er den Filmzuschauer allein im Dunkel zurück, so, als hätte man einen kurzen Blick hinter die Kulissen des schönen Scheins und der Illusion geworfen.

Pola X 
 (F/D/J/CH 1999)
 Regie & Buch: Léos Carax; 
 Kamera: Eric Gautier 
 Darst.: Guillaume Depardieu, Catherine Deneuve, Katerina Golubewa, Delphine Chuillot 
 Länge: 134 Min.; Verleih: Arthaus 

[GH]


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