Aufguss

Ein Gespenst steht mitten in Europa. Es ist das Gespenst der Berliner Mauer. Viel hat die Sonnenallee dem Besucher nicht zu bieten. Farblose Tristesse bis zum Horizont, und da steht der Antifaschistische Schutzwall, scharf bewacht von den Grenztruppen. Dazu schleicht der Abschnittsbevollmächtigte (Detlef Buck) mit systematischem Argwohn durch sein Revier, Motto: Ist der Täter erst einmal gefasst, ergibt sich die Tat von selbst. Die Bewohner dieses kleinen Straßenmilieus haben sich schon längst resigniert hinter ihre Häuserfassaden zurückgezogen. Doch die Jugend ist wach. Mit und durch sie gewinnt "Sonnenallee" von Regisseur Leander Haußmann an Verve. Für Michael Ehrenreich beginnt zu dieser Zeit das Leben. Schulalltag, FDJ-Versammlungen, ewig gleiche Wahrheiten des Marxismus-Leninismus geraten immer stärker aus seinem Blickfeld . Liebe, Leben und Tagträumen geraten innerhalb seiner Clique in den Vordergrund. Eine Stones-LP wird dabei schnell zum Kultobjekt, ein klassisches Parteizitat zur nervigen Floskel. Um seine Angebetete, Miriam, zu erweichen, benötigt Micha natürlich den gesamten Film. Kontakte mit der Außenwelt bekommt die Familie Ehrenreich in der Regel nur durch Besuche des West-Onkels. Dieser muss sich immer redlich mühen, die von ihm geschmuggelten Waren anstandslos an den amalgamgeschädigten Wächtern der Passkontrolle vorbeizuschleusen, um sie dann seinen erwartungsvollen Verwandten im Osten gönnerisch zustecken zu können. Michaels Eltern werden durch Henry Hübchen und Katharina Thalbach gespielt. Auch Winfried Glatzeder kommt im Film zu einem Kurzeinsatz. Abwechslungsreich sind besonders zahlreiche Musik- und Tanzeinlagen der Protagonisten. Mit dem Ende des Films ist nicht nur die Liaison mit Miriam perfekt, auch die Mauer hat es hinweggefegt. Sonnenallee ist eine komödiantische Aufarbeitung einer DDR-Jugend. Dabei vermischen sich immer wieder sentimentale, kitschige, chaotische, politische oder groteske Szenerien miteinander. Nicht immer gelingt dem Film dabei die notwendige Plausibilität. Klischees werden auch durch das erneute Aufwärmen nicht besser. Durch den Film könnte leicht der Eindruck entstehen, das Leben in der Sonnenallee und damit hinter der Mauer war wie ein Streichelzoo, wenn die Westberliner mal wieder über die Mauer gafften. Die Biografie Michael Ehrenreichs ist sicherlich auch nicht verallgemeinerbar. Auch wenn die Jugend phantasievoll, chaotisch und ausgeflippt sein muss, ihre Perspektiven sind am DDR-Alltag häufig recht schnell gescheitert.

Sonnenallee 
 (D 1999) 
 Regie: Leander Haußmann; 
 Buch: Leander Haußmann, Detlev Buck; 
 Kamera: Peter-J. Krause; 
 Darst.: Alexander Scheer, Alexander Beyer, Katharina Tahlbach, Henry Hübchen u. a. 
 Länge: 94 Min.; Verleih: Delphi

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