Kein Wort zuviel

Über die Langsamkeit der wahren Geschichte Alvin Straight (Richard Farnsworth), ein alter Mann, vermutlich ein Ex-Farmer, wird von der Nachricht überrascht, dass sein Bruder (Harry Dean Stanton), mit dem er seit zehn Jahren kein Wort mehr gewechselt hat, einen Schlaganfall erlitten hat. Er beginnt ein Reise von Iowa nach Wisconsin. Eine Strecke von über 500 Kilometern, die er jedoch nicht mit einem gewöhnlichen Verkehrsmittel, sondern mit seinem Rasenmähertraktor und einem selbstgebauten Anhänger, der als Wohnwagen dient, antreten will. Während dieser über fünfwöchigen Reise trifft er natürlich verschiedenste Leute und man erfährt einiges über sein Leben. Eigentlich ein typischer Road-Movie, besticht The Straight Story vor allem durch seine Langsamkeit. Der Film zieht jeden, der sich darauf einlässt, in seinen Bann. Man spürt die Veränderung des vor dem Sehen - nach dem Sehen des Films in sich. Es ist nicht in Worte zu fassen, aber das Gefühl ist da. Woher kommt es? David Lynch gelingt es, eine Atmosphäre der Ruhe und Gelassenheit zu schaffen. Jedes Mittel trägt dazu bei. Die wenigen Worte des Filmes sind sorgfältig gewählt. Es gelang Lynch in The Straight Story den Text quantitativ auf ein Minimum zu reduzieren und dabei gleichzeitig die Qualität zu maximieren. Nur die wichtigsten Aspekte der Vorgeschichte Straights und der anderen Charaktere werden durch die Dialoge aufgezeigt. Kein Wort ist zuviel, jedes ist wichtig. Die Kameraführung trägt ihren Teil dazu bei. Lange, nahezu - aber eben nur nahezu - unbewegliche Phasen. Grossaufnahmen, die die Mimik der Darsteller zur absoluten Geltung bringt. Fahrten durch die endlosen Weiten der mittleren USA, die Straight klein aber trotzdem übermächtig erscheinen lassen. Wie in allen Lynch-Filmen spielt natürlich die Musik eine große Rolle. Angelo Badalamenti gelingt es die Country- und Squaredancemusik der USA auf das Tempo des Filmes zu drosseln. Die akustische Untermalung zu jeder einzelnen Szene ist so gut gewählt, dass man sie teilweise nicht mehr als solche wahrnimmt. All diese Aspekte machen die Langsamkeit von The Straight Story aus, doch ist er niemals auch nur annähernd langatmig. Zu Beginn kann das Gefühl aufkommen, dass der Film zu wenig Handlung haben könnte, doch schon nach wenigen Minuten ist man so gefesselt, dass man nicht mehr aufhören kann zu schauen. Er ist langsam, aber er steht nie still. Es ist eine kontinuierliche ruhige Bewegung, die einem die zwei Stunden des Films viel zu kurz erscheinen lässt. Durch diesen stetigen Fluss der Handlung wird eine Spannung erzeugt, die den Vergleich mit "normalen" spannenden Filmen nicht zu scheuen braucht. Lynchs Charaktere sind wie immer absolut gradlinig gezeichnet. Sie sind beladen mit klaren Eigenschaften, mit einer klaren Biographie, aber sie sind nicht überladen. Eine der Grundproblematiken des Films, die Familie, wird durch die unterschiedlichen Charaktere und Alvin Straight als einem roten Faden, in einer Weise bearbeitet, wie ich es noch nicht gesehen habe. Wollte man The Straight Story in die Filmografie Lynchs schlüssig einfügen, wären es wohl eher die Motive, die sich dort - wenn auch oft nur in Andeutungen - wiederfinden. Der Unterschied zu Vorgängern wie Lost Highway, dass es hier augenscheinlich nicht um den Einbruch von Irrationalität und Grauen in den Alltag der Protagonisten geht, lässt sich nicht vollends belegen, denn auch die finden in The Straight Story Eingang und machen den Film zu einer typischen Geschichte aus Lynchtown.

Eine wahre Geschichte 
 (The Staight Story, USA 1999)
 Regie: David Lynch; 
 Kamera: Freddie Francis; 
 Drehbuch: John Roach, Mary Sweeney; 
 Darst.: Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Harry Dean Stanton u. a. 
 Länge 111 Min.; Verleih: Senator 

[Marco Dörsam]


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